Widgets Magazine
13:48 23 September 2019
SNA Radio
    Sprengkopf einer Luftbodenrakete des Typs AGM 65

    Russland um Jahre voraus: Schaffen USA noch Anschluss bei Entwicklung von Hyperschallwaffen?

    © Foto: U.S. Air Force / Senior Airman Victor J. Caputo
    Technik
    Zum Kurzlink
    Von
    2013712
    Abonnieren

    Flüge aus den oberen Schichten der Atmosphäre mit einer Geschwindigkeit von 20 Mach, selbstständiges Manövrieren und ein Preis von mehreren Hundert Millionen Dollar – die USA haben die neue taktische Hyperschallrakete AGM-183A erstmals getestet

    Die Arbeit an dieser Waffe mussten sie nach Berichten über die Entwicklung von neuen russischen Hyperschallwaffenkomplexen intensivieren. Im Pentagon verspricht man, dass die US-Luftstreitkräfte die ersten dieser Raketen bereits 2022 erhalten. Ob die Rakete AGM-183A dem russischen Komplex „Kinschal“ („Dolch“) aber gewachsen ist, schreibt Sputnik in diesem Beitrag.

    Rückstand

    AGM-183A bedeutet nämlich Air Launched Rapid Response Weapon, also luftgestützte Waffe, die auf Gefahren schnell reagieren kann. Als Träger der neuen Rakete wurde ein strategischer Bomber B-52 Stratofortress eingesetzt, der vom Stützpunkt Edwards in Kalifornien abgehoben war. Dabei sei die Rakete mit keinem Sprengkopf ausgerüstet gewesen und auch nicht abgefeuert worden.

    Im Rahmen des Tests seien „Informationen über den Luftwiderstand und den Vibrationseinfluss auf die Waffe selbst und die äußere Ausrüstung des Flugzeugs“ gesammelt worden, wurde in einer Pressemitteilung der US-Luftstreitkräfte präzisiert.

    Laut dem Pentagon steht vor der US-Rüstungsindustrie die Aufgabe, gegenüber Russland und China aufzuholen, die in den letzten Jahren große Fortschritte bei der Entwicklung von Hyperschallwaffen gemacht haben. Mit der Entwicklung der neuen Waffen (neben AGM-183A geht es auch um ein anderes Hyperschallsystem mittlerer Reichweite unter dem Namen Hacksaw) wurde der Konzern Lockheed Martin beauftragt. Dafür wurden allein im vergangenen Jahr jeweils nahezu 500 Millionen für die einen und mehr als 900 Millionen Dollar für die andere bereitgestellt.

    Allerdings sind Experten überzeugt, dass die US-Rüstungsindustrie nicht imstande ist, relativ schnell solche Waffen zu entwickeln, und zwar wegen des Mangels an entsprechenden technischen Reserven. Der russische Militärexperte Konstantin Siwkow zeigte sich beispielsweise überzeugt, dass Washington dafür mindestens fünf Jahre bräuchte.

    „Sie wollten vor einigen Jahren solche Waffen bauen, haben es sich dann aber anders überlegt und beschlossen, dass solche Waffen nicht nötig wären. Den Amerikanern stehen noch langfristige und umfassende Tests bevor – in der Luft und auf dem Boden. Es muss auch ein vollwertiges Lenksystem entwickelt werden, und das wird mindestens drei oder vier Jahre in Anspruch nehmen“, so Siwkow.

    Nicht der erste Versuch

    In offenen Quellen gibt es vorerst nur wenige Informationen über die neue amerikanische Hyperschallwaffe. Laut inoffiziellen Angaben kann die AGM-183A (Arrow) aber eine Geschwindigkeit von 20 Mach erreichen. Sie wird höchstwahrscheinlich mit einem Kernsprengkopf ausgerüstet. Dabei geht es um ein gleitendes Fluggerät ohne Motor. Es wird mit einer Rakete in die nötige Höhe gebracht, die ihm auch die nötige Geschwindigkeit verleiht. Und dann wird es selbstständig aus den oberen Schichten der Atmosphäre hinunterfliegen – und dabei die Luftabwehr des potenziellen Gegners überwinden.

    Bei Hacksaw handelt es sich um einen Feststoff-Marschflugkörper, der von einem Satelliten auf das Ziel gerichtet wird. Getragen werden diese Waffen von Bombern und Kampfjets. Als Ziele gelten Boden- und Wasserobjekte, egal ob bewegliche oder unbewegliche.

    Das sind nicht die ersten Projekte der US-Rüstungsindustrie im Rahmen der Entwicklung von Hyperschallwaffen. In den frühen 2000er Jahren hatte die Nasa den Apparat X-43 getestet. Im Laufe von drei Jahren wurden drei dieser Raketen abgefeuert, von denen nur zwei relativ erfolgreich waren. Der erste Apparat wurde nach elf Sekunden Flug wegen eines Fehlers des Lenksystems vernichtet. Die Entwickler behaupteten, die Raketen hätten eine Geschwindigkeit von etwa 10 Mach (fast 12.000 km/h) erreicht.

    Später entwickelte DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency) den manövrierenden Kampfblock Falcon und den Kampfblock AHW (Advanced Hypersonic Weapon), deren Teststarts jedoch erfolglos blieben. Auch das Pentagon arbeitet an einem bodengestützten Hyperschall-Raketensystem.

    Allerdings konnten die Amerikaner bislang kein einziges derartiges Projekt vollständig in Erfüllung bringen: Hunderte Millionen Dollar, die diverse Forschungs- und Entwicklungsarbeiteten kosteten, wurden quasi vergeudet.

    Sergej Sudakow, korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Militärwissenschaften, verwies darauf, dass die USA auf Probleme bei der Entwicklung des Zielanweisungssystems gestoßen seien. „Sie haben einen guten Brennstoff entwickelt und Schritt für Schritt die Software vervollkommnet. Wenn sie auch ein gutes Lenksystem hätten, dann würde es auch mit dem Hyperschall keine Schwierigkeiten geben“, so der Militärexperte.

    „Stellen Sie sich vor: Sie nehmen eine Schleuder und starten eine Rakete, die eine enorme Geschwindigkeit erreicht, das Ziel aber nicht treffen kann, weil Sie es nicht schaffen, die Rakete zu lenken. Das ist die Schlüsselfrage. Um diese Aufgabe zu lösen, müssen die USA ihre Satellitengruppierung erweitern, was mit dem Raumfahrtprogramm unmittelbar verbunden ist. Trump hat bereits den entsprechenden Auftrag gegeben.“

    Auf der anderen Seite des Großen Teichs

    Russland ist und bleibt seinerseits das einzige Land in der Welt, dessen Hyperschallwaffen bereits in die Bewaffnung aufgenommen wurden. Das verkündete Präsident Wladimir Putin nämlich in seiner Jahresbotschaft an das russische Parlament im März 2018. Gleichzeitig wurde bekannt, dass die russischen Waffenbauer auch den strategischen Raketenkomplex „Awangard“ erfolgreich getestet hatten. Diese Waffe kann in den dichten Schichten der Atmosphäre fliegen und andere Kontinente erreichen, wobei ihre Geschwindigkeit 20 Mach übertreffen kann. Damit kann sie alle möglichen Luft- und Raketenabwehrkräfte überwinden, die es aktuell in der Welt gibt.

    Die bereits erwähnte Hyperschallrakete „Kinschal“ wird von Kampfjets MiG-31 getragen, bleibt wegen ihrer riesigen Geschwindigkeit unsichtbar für Radare und kann Ziele aus einer Entfernung von mehr als 1000 Kilometern treffen. Das russische Verteidigungsministerium berichtete wiederholt von erfolgreichen Übungen, wobei wasser- und bodengestützte Ziele erfolgreich getroffen worden wären. Im Jahr 2018 sollen MiG-31-Kampfjets mehr als 400 Flüge mit „Kinschal“-Raketen an Bord über dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer absolviert haben.

    Auch die russischen Seestreitkräfte dürfen mit Hyperschallwaffen rechnen. Schon seit 2011 wird der Komplex „Zirkon“ entwickelt, mit dem U-Boote der fünften Generation „Husky“ und neue Überwasserschiffe ausgerüstet werden sollen. Die „Zirkon“-Rakete wird voraussichtlich die Geschwindigkeit von 9 Mach erreichen, wobei ihre Reichweite 1000 Kilometer übertreffen wird.

    Experte Sudakow zeigte sich überzeugt, dass die russischen Konstrukteure ihren amerikanischen Kollegen bei der Entwicklung von Hyperschallwaffen um drei bis fünf Jahre voraus sind. „Ich bin aber sicher, dass die USA in den nächsten Jahren Hyperschallwaffen entwickeln werden – da sollte man keine Illusionen haben“, warnte er. Und auch andere Länder werden nach seinen Worten irgendwann eigene Hyperschallwaffen bekommen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Hyperschallwaffen, Russland, USA, Pentagon, NASA