23:42 20 November 2019
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    Internationale Raumstation „Lunar Gateway“ im Mondorbit (Studie)

    Eine Internationale Raumstation im Mondorbit – Bald europäische Fußabdrücke auf dem Trabanten?

    © Foto : NASA/ESA/ATG-medialab
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    Im Mondorbit soll eine internationale Raumstation entstehen, auf der Astronauten für Mondreisen zwischenlanden können. Außerdem könnte sie die erste Tankstelle für Raumschiffe im Weltall werden. Am Projekt sind große Raumfahrt-Player beteiligt wie NASA, Roskosmos, ESA und andere. Sputnik hat mit der ESA über die europäischen Pläne gesprochen.

    Ein neues Wettrennen um den Mond findet statt: Ein Rover nach dem anderen landet auf dem Erdtrabanten und auch die bemannte Raumfahrt zum Mond soll wieder aufgenommen werden. Neben einer Siedlung auf dem Mond ist für regelmäßige Reisen auf seine Oberfläche eine Station im Mondorbit geplant, der sogenannten „Lunar Gateway“ (zu Deutsch: „Mond-Tor“). An diesem Projekt sind nahezu alle großen Player der Raumfahrtindustrie beteiligt: die US-amerikanische NASA, Russlands Roskosmos, die europäische ESA, die kanadische CSA, die japanische JAXA und andere.

    Wie soll diese Station aussehen? Wer liefert was? Und was ist der aktuelle Stand? Sputnik hat bei ESA nachgefragt.

    „Der Gateway wird nicht sehr groß sein. Wir sind heute vertraut mit der Internationalen Raumstation (ISS), die ein richtiger Brummer ist, da sind fast 500 Tonnen in der Erdumlaufbahn. Der Gateway wird im Gegensatz dazu sehr klein“, erklärt Markus Landgraf, ESA-Experte, im Sputnik-Interview. Aus zwei Modulen soll sie zunächst bestehen – einem Service-Modul und einem Wohnmodul. Erweiterungen der Station können in der Zukunft dann folgen.

    Wer stellt welche Technologien bereit?

    In der internationalen Diskussion habe man sich geeinigt, dass NASA Systemführer bei dem Projekt sein wird. „Die NASA wird als Systemführer für den gesamten Gateway die operationelle Verantwortung übernehmen, auch den Großteil der Startkapazitäten. Wir werden auch mit unserer Ariane-6-Rakete Elemente starten“, so Landgraf.

    Konzept der Internationalen Raumstation „Lunar Gateway“ im Mondorbit
    © Foto : NASA/ESA
    Konzept der Internationalen Raumstation „Lunar Gateway“ im Mondorbit

    Von europäischer Seite sind für die Erweiterung die Bausteine „Esprit“ und „iHab“ angedacht. Der erste Baustein soll das Zurückholen von Mondproben ermöglichen, Kommunikationsinformationen weiterleiten und die Betankung des Gateways gewährleisten. „iHab“ bezeichnet ein zusätzliches Wohnmodul, um das die Station nach und nach ergänzt werden kann. Von russischer Seite ist zudem eine Luftschleuse angedacht sowie das Raumfahrzeug „Federazija“ (Deutsch: „Föderation“) in Arbeit, das zum Gateway fliegen soll. Der Hauptteil der Robotik soll aus Kanada kommen, welches bereits die Robotik beim Space Shuttle und der ISS zur Verfügung gestellt hat.

    Stufung: Wozu es überhaupt diese Plattform braucht

    „Wenn man sich zurückerinnert an die Apollo-Mission, dann war es immer so, dass eine Art Stufung passieren musste. Apollo hat ja auch ein Command-Service-Modul im Mondorbit hinterlassen“, erzählt Landgraf. Das Landemodul sei dann hinabgestiegen und wieder hochgekommen. So ähnlich werde es auch bei zukünftigen Mondmissionen ablaufen. Das Landmodul würde sich von der Station auf dem Weg zum Mond trennen und der obere Teil des Moduls würde dann zur Plattform wieder zurückkehren.

    Europäische Astronauten bald auf dem Mond?

    Den Hintergrund für dieses Projekt bildet der Auftrag der Regierung unter US-Präsident Donald Trump an die NASA, bis 2024 wieder Astronauten auf die Oberfläche des Mondes zu bringen. Der Gateway soll dabei eine Zwischenstation sein. „Das Landemodul wird zunächst ohne Astronauten an diesem Gateway anlegen, dann werden die Astronauten mit dem Orion-Raumschiff gestartet, das auch am Gateway anlegt. Die Astronauten steigen dann in das Mondmodul um. Das Mondmodul geht auf die Mondoberfläche, der obere Teil vom Mondmodul fliegt zurück zum Gateway. Die Astronauten wechseln wieder in das Orion-Raumschiff, das dann mit den Astronauten wieder zurück fliegt“, schildert Landgraf den Ablauf. Möglich ist auch, dass unter diesen Astronauten Europäer sein werden: „Die NASA ist sehr offen gegenüber uns Europäern bei einem Beitrag für die relativ zeitnahen Mondmissionen.

    Wir sprechen von Astronauten innerhalb der nächsten fünf Jahre, die auf den Mond fliegen sollen. Da ist die NASA überraschend offen“, sagt der ESA-Manager. „Wer weiß, vielleicht ist der erste europäische Mondastronaut gar nicht mehr so weit in der Zukunft?“

    Zunächst plane aber die ESA in Zusammenarbeit mit Kanada und Japan die zusätzliche, unbemannte Mission „Heracles“. Bei dieser für den Zeitraum 2026-2027 geplanten Mission sollen Mondproben zum Gateway gebracht werden, die dann später von Astronauten zur Erde mitgenommen werden können. Für die Zukunft könnten außerdem die Mondmodul wiederverwendbar gemacht werden und das Gateway auch zu einer Art Tankstelle für Raumschiffe erweitert werden. Noch später dann, könnten Mondressourcen vernünftig gewonnen und verarbeitet werden – ein sinnvolles Vorhaben.

    Der Mond als Zwischenstation zum Mars

    Schließlich könnte die Reise zum Mars mit einem Halt im Mondorbit erfolgen und auch einen Vorgeschmack längerer Reisen im Weltall bieten. Denn im Gegensatz zum Flug zur ISS, der mit einer Sojus-Rakete in zwei bis vier Stunden gemeistert ist, würde eine Reise vom Gateway zurück auf die Erde zehn Tage dauern, zum Mars und zurück dauert sie ganze zwei Jahre. Der Gateway wäre also ein weiterer Schritt auf dem Weg zu Reisen ins tiefe All, bei dem die Astronauten neue Situationen kennenlernen, Erfahrung sammeln und neue Szenarien vorhersehen lernen könnten. „Wenn man den Gateway im Rahmen von Mondmissionen betreibt, lernt man operationell und von Betriebsabläufen her, mit dieser schwierigeren Situation umzugehen“, bemerkt Landgraf dazu.

    Kosten unbekannt – Europa würde 5-10 Prozent übernehmen

    Bislang seien die Gesamtkosten unbekannt, da diese mit dem Gesamtkonzept der Station abhängen. „Die vorsichtige Schätzung ist, dass wir aus Europa fünf bis zehn Prozent der Kosten übernehmen könnten“, merkt Landgraf an. Es gebe bereits erste Blaupausen für europäische Vorschläge. Letztlich hänge aber die Durchführung von den EU-Mitgliedstaaten ab. „Die ESA kann das nur vorschlagen und dann stimmen alle 22 Mitgliedstaaten dem zu oder lehnen es ab.“ Sollte dies klappen, werden 2020 die Blaupausen ausgearbeitet und 2021 die erste Hardware gebaut. Das Startdatum für die ersten Beiträge würde sich in den Jahren 2023-2024 bewegen.

    Das Interview mit Markus Landgraf in voller Länge:

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    Tags:
    Mondlandung, Ressourcen, Mars, Japanische Raumfahrtbehörde JAXA, Jaxa, Mondstation, Pläne, Raumfahrt, Landung, Reise, Mond, Raumstation ISS, Raumstation, Roskosmos, NASA, ESA