Widgets Magazine
21:42 19 Oktober 2019
SNA Radio
    Manöver der russischen Luftabwehr (Archivbild)

    Rakete frei, Feuer! Wie die russische Flugabwehr US-Spione vom Himmel schoss

    © Sputnik / Witalij Ankow
    Technik
    Zum Kurzlink
    Von
    395106
    Abonnieren

    Flugabwehrtruppen sind für die Landesverteidigung ein absolutes Muss. Sie schützen Stützpunkte, Städte, ganze Regionen vor feindlichen Luftattacken. Am 8. Juli feiern die russischen Flugabwehrspezialisten ihren Ehrentag – ein guter Anlass für einen Blick auf deren fast 60-jährige Geschichte und anspruchsvolle Gegenwart.

    Ihr Können stellen russische Flugabwehrtruppen seit 1960 immer wieder unter Beweis – nicht nur bei Übungen, auch im echten Gefecht. In dem Jahr wurde die Fla-Raketen-Abteilung innerhalb der sowjetischen Flugabwehrtruppen gegründet.

    Am 1. Mai 1960, zwei Monate vor der offiziellen Gründung der neuen Truppengattung, schossen die russischen Flugabwehrprofis einen amerikanischen Höhenaufklärer ab. Das war in der Nähe von Swerdlowsk (heute Jekaterinburg): der berühmte Abschuss einer U-2.

    Seit 1956 hatte Francis Gary Powers, der Pilot dieser Maschine, entlang der sowjetischen Grenze spioniert, aus Afghanistan, Iran oder der Türkei kommend. Am 9. April 1960 drang er in den sowjetischen Luftraum ein und fotografierte Geheimanlagen auf dem Kernwaffentestgelände bei Semipalatinsk.

    Die U-2 flog dabei in einer Höhe, in der sie unerreichbar war. Am 1. Mai 1960 gelang jedoch das scheinbar Unmögliche: Den Himmel über der Sowjetunion schützte die 2. Division der 57. Fla-Raketen-Brigade, ausgerüstet mit den damals neuesten Flugabwehrraketensystemen S-75. Die Mannschaft von Hauptmann Michail Woronow holte das Ziel vom Himmel.

    Die Abwehrrakete holte die U-2 ein, detonierte rückseitig und zerstörte das Leit- und Triebwerk der Maschine. Der Aufklärungsjet stürzte aus einer Höhe von über 21.000 Metern zu Boden. Die Fla-Soldaten hatten sicherheitshalber mehrere Raketen abgefeuert. Eine davon traf irrtümlich eine sowjetische MiG-19, die zum Abfangen der U-2 eingesetzt worden war. Der Pilot, Sergej Safronow, überlebte den Einschlag nicht.

    Francis Gary Powers landete indes an einem Fallschirm unweit der Siedlung Kossulino, wo er von Einheimischen festgenommen wurde. Was folgte, war ein politischer Skandal und eine Eskalation in den ohnehin schwierigen Beziehungen zwischen den Supermächten: Ein Gipfeltreffen in Paris wurde abgesagt, ein Besuch von Präsident Eisenhower in Moskau auch.

    Das Oberste Gericht der Sowjetunion verurteilte Powers wegen Spionage zu zehn Jahren Zuchthaus. Im Februar 1962 wurde der Spionagepilot gegen den russischen Agenten Rudolf Abel ausgetauscht.

    Und dann: Am 27. Oktober 1962 – mitten in der Kuba-Krise – trifft eine S-75-Rakete am Himmel über der Karibikinsel einen weiteren Höhenaufklärer. Der Pilot Rudolf Anderson stirbt. Der Tag geht als „Schwarzer Samstag“ in die Geschichte ein: Noch nie war die Welt einem atomaren Weltkrieg so nah gewesen.

    Von Vietnam bis Ägypten

    Fast 10.000 US-amerikanische Fluggeräte wurden im Vietnamkrieg abgeschossen: mehr als 3.700 Flugzeuge, 5.600 Hubschrauber und 575 Drohnen. Der Großteil dieser Verluste geht auf den Einsatz sowjetischer Fla-Spezialisten zurück, die die Flugabwehr in Nordvietnam von null an aufgebaut hatten.

    Schon im Juli 1965 waren S-75-Divisionen bei Hanoi stationiert worden. Die Mannschaften dieser Raketenstellungen bestanden aus sowjetischen Fachleuten und ihren vietnamesischen „Lehrlingen“. Ausgestattet waren die Einheiten mit dem moderneren Abwehrsystem S-75M. Am 24. Juli 1965 kam es zum ersten Gefecht: Sowjetische Flugabwehrsoldaten schossen zeitgleich drei amerikanische „Phantom“-Jets ab, rund 50 Kilometer nordwestlich von Hanoi.

    Die Kampfjets wurden frontal angegriffen, was für die Piloten ziemlich unerwartet gewesen sein muss. Nach den Abschüssen wechselten die Abwehrstellungen ihre Position, um dem Gegenfeuer zu entkommen. Seitdem feiert die vietnamesische Armee den 24. Juli als Tag der Flugabwehrtruppen.

    Die Stationierung sowjetischer Abwehrraketen in Vietnam verringerte die Wirksamkeit der US Air Force spürbar. Um dem Raketenbeschuss zu entgehen, waren die amerikanischen Kampfpiloten gezwungen, Einsätze in niedrigen Höhen zu fliegen. Dort waren sie jedoch leichte Ziele für die Fla-Kanonen der Vietnamesen.

    Besonders engagiert war die sowjetische Flugabwehr rund um Hanoi und Haiphong gewesen. Hier wurden im gesamten Kriegsverlauf die hitzigsten Abwehrschlachten geschlagen, besonders als die amerikanischen Luftangriffe ihren Höhepunkt erreichten, in den Jahren 1967-1968.

    Einsatzerfahrung sammeln konnte die sowjetische Flugabwehr auch in Ägypten. Im Frühjahr 1970 war eine große Gruppe sowjetischer Kampfpiloten und Flugabwehrexperten dorthin entsandt worden.

    Eine sowjetische Fla-Rakete (Archivbild)
    © Sputnik / Archiv
    Eine sowjetische Fla-Rakete (Archivbild)

    Ihr Auftrag: Den Himmel über Ägypten gegen starke Angriffe der israelischen Luftwaffe im sog. Abnutzungskrieg sichern. Ausgerüstet waren sie mit den neuen Abwehrsystemen S-125, die zusammen mit den ägyptischen S-75-Einheiten zu gemeinsamen Verbänden zusammengelegt wurden.

    Der erste Erfolg gelang am 30. Juni 1970: Eine israelische „Phantom“ wurde abgeschossen. Fünf Tage später noch eine. Die Israelis ließen das nicht auf sich sitzen. Acht sowjetische Flugabwehrsoldaten starben bei israelischen Bombardements am 18. Juli. Dabei verloren die Angreifer vier „Phantom“-Jets. Weitere drei israelische Flugzeuge wurden am 3. August abgeschossen.

    Wenige Tage später wurde unter Vermittlung von Drittstaaten ein Waffenstillstand am Suez-Kanal vereinbart. Bis dahin hatte die sowjetische Flugabwehr insgesamt neun Kampfjets des Gegners vernichtet.

    Kraftprobe in Syrien

    Auch gegenwärtig haben russische Flugabwehrspezialisten viel zu tun. Allerdings sind jetzt nicht Kampfjets ihre Hauptgegner, sondern selbstgebaute Drohnen und Geschosse. Damit greifen Terroristen russische Einrichtungen in Syrien an, etwa den Fliegerhorst Hmeimim.

    Im Oktober 2017 teilte das russische Verteidigungsministerium mit, zwei vom IS* abgefeuerte „Grad“-Raketen abgewehrt zu haben. Dabei kam das Flugabwehrsystem „Panzir“ zum Einsatz. Zwei Monate später griffen Dschihadisten den russischen Stützpunkt wieder an, wieder wehrten „Panzir“-Systeme die Raketenattacke ab. Ende 2017 erklärte Russlands Verteidigungsminister Sergei Schoigu, die russische Flugabwehr habe in Syrien insgesamt 54 Artillerieraketen und 16 Drohnen vernichtet.

    Auch im laufenden Jahr mussten „Panzir“-Systeme eingreifen: Am 6. Mai wurden damit im Verbund mit dem Abwehrsystem „Tor-M1“ 27 Raketen abgeschossen, die die Terroristen in Syrien auf den russischen Stützpunkt abgefeuert hatten. Nach Angaben der russischen Armee traf keines der feindlichen Geschosse das Ziel.

    * - Terrororganisation, in Russland verboten

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Kuba-Krise, Vietnamkrieg, Panzir-S-System, Sowjetunion, S-125 (Luftabwehrsystem), Luftabwehr