00:10 21 November 2019
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    B-52-Bomber von der Edwards Air Base mit einem maßstabgetreuen Modell einer ARRW unter dem Flügel

    Trumpf oder Trick: Kann die neueste US-Rakete wirklich Hyperschall?

    © Foto: Facebook/Edwards Air Force Base
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    Ein Booster soll den Sprengkopf der neuesten aeroballistischen Rakete der US Air Force auf Hyperschalltempo beschleunigen. Schaut man sich aber die technischen Daten dieser Rakete an, kommen Fragen in Bezug auf ihre Hyperschallfähigkeit auf. Das Portal „vpk-news“ analysiert.

    Ein B-52-Bomber startete vor einigen Wochen von der Edwards Air Base in Kalifornien mit einem maßstabgetreuen Modell einer ARRW unter dem Flügel. Das Kürzel steht für Air Launched Rapid Response Weapon: die künftige hyperschallschnelle aeroballistische Luft-Boden-Rakete der US Air Force. Der Rüstungskonzern Lockheed Martin entwickelt den Flugkörper.

    Der Flug mit dem B-52-Bomber war ein Test: Die ARRW-Rakete wurde auf ihre aerodynamischen Eigenschaften hin untersucht. Das US-Verteidigungsministerium veröffentlichte einige Bilder von dem Testflug, darauf ist die ARRW-Rakete an einer Außenaufhängung mit vier eingeklappten Leitflossen am Heck zu sehen.

    Sollte die Entwicklung erfolgreich enden und der Flugkörper in Dienst gestellt werden, wäre dies die erste ballistische Boden-Luft-Rakete im US-Arsenal. Die welterste Rakete dieser Art ist jedenfalls die russische „Kinschal“. Die Amerikaner hatten vorher schon mit aeroballistischen Raketen experimentiert, namentlich mit der „Skybolt“, aber ihre Entwicklung ist über die Testphase nicht hinausgekommen.

    Den 480-Millionen-schweren Auftrag für die Entwicklung der ARRW hat die US Air Force im August letzten Jahres an Lockheed Martin vergeben. Bis Dezember 2021 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Die Hauptanforderung an das Projekt: Die strategischen Bomber der amerikanischen Luftwaffe brauchen eine Waffe, die sie einsetzen können, ohne in die Reichweite russischer Flugabwehr zu gelangen.

    Ausgelegt ist die ARRW, auch AGM-183A genannt, als aeroballistischer Flugkörper mit Feststoffantrieb und einem abtrennbaren Kampfblock, der von einem Booster – dem Tactical Boost Glide (TGB) – auf Hyperschalltempo beschleunigt werden soll. Dieser Booster wird seit geraumer Zeit unter der Leitung von DARPA, der Forschungsabteilung des Pentagons, entwickelt.

    Von bis zu 20-facher Schallgeschwindigkeit war inoffiziell die Rede. Eine sehr optimistische Einschätzung. Von sieben bis acht Mach auszugehen, wäre realistischer. Das Startgewicht der Rakete beträgt nach offiziellen Angaben 2250 Kilogramm, die Länge knapp 6,5 Meter. Bis zu vier solcher Raketen könnte ein B-52-Bomber unter den Flügeln aufnehmen. Die Reichweite der ARRW: 800 Kilometer.

    Eine sehr wichtige Kennzahl ist der Durchmesser der Rakete: 0,97 Meter. Daraus lässt sich ableiten, welches Triebwerk bei der ARRW zum Einsatz kommt. Höchstwahrscheinlich handelt es sich dabei um den Feststoffantrieb Orion 38 XL.

    Dies wäre nicht das erste Mal, dass eine Kampfrakete aus Bauteilen ziviler Trägerraketen entwickelt wird. Das spart Kosten und Zeit. Die ballistische Interkontinentalrakete XMGM-134A „Midgetman“ ist ein sehr gutes Beispiel dafür: Die Triebwerke ihrer drei Stufen wurden auf der Basis der Antriebe der Trägerrakete „Delta II“ entwickelt.

    Das Wichtigste aber ist die Nutzlast, die die ARRW tragen kann. Eine ballistische Rakete dieser Klasse – also mit Reichweiten unter 1.000 km – kann üblicherweise eine Last von rund 10 Prozent ihres Startgewichts aufnehmen. In diesem konkreten Fall also 225 Kilogramm.

    Davon müssen 130 Kilogramm gleich wieder abgezogen werden, sollte die Rakete mit einem nuklearen Gefechtskopf bestückt werden.  Dafür eignen sich die Sprengköpfe W80-4, W-61-3 oder W-61-4, die allesamt rund 130 kg wiegen.

    Hinzu käme noch das Gewicht des Tactical Boost Glide, der den Kampfblock der Rakete mit dem nuklearen Sprengkopf auf Hyperschallgeschwindigkeit bringen soll. Nach obiger Rechnung bleiben dafür nur 95 Kilogramm übrig. Ein bisschen wenig für einen Booster.

    Anzunehmen ist deshalb, dass die offiziellen Angaben zum angeblich hyperschallschnellen Kampfblock der ARRW-Rakete eher eine Täuschung sind. Wahrscheinlicher ist, dass der Flugkörper AGM-183A ein konventioneller ist, ohne die Features etwa einer „Kinschal“-Rakete.

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    Tags:
    B-52, Test, Hyperschallwaffen, USA