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10:29 23 Oktober 2019
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    Ein US-Kampfjet des Typs F-14 Tomcat der Fighter Squadron 126 (Archivbild)

    Top Gun: Wieso Amerikas beste Kampfpiloten sowjetische Kampfjets fliegen

    © Foto: U.S. Navy / PH2 Bruce Trombecky, USNR-R
    Technik
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    Gegner im Luftnahkampf simulieren, die eigene Flugabwehr trainieren, neue Radartechnik testen – Amerikas Air Force und Navy verfügen über spezielle Flugschulen mit spezieller Ausrüstung: Flugzeuge, die die Kampfjets potenzieller Gegner imitieren. Das Portal „army news“ berichtet.

    Bei diesen Geschwadern fliegt nur, wer als Kampfpilot wirklich etwas draufhat: Zu den Trainingseinheiten der Air Force und der Navy kommen nur die Besten der Besten.

    Wie anspruchsvoll die Lehrflüge dort sind, zeigt etwa deren Materialverschleiß. 1985 hatten die amerikanischen Marineflieger eine spezielle Version der F-16 zum Üben von Luftkämpfen beschafft: die F-16N. Die Maschinen waren maximal gewichtsreduziert: die Bordkanone war ausgebaut, die Bordelektronik vereinfacht worden. Stattdessen wurden Flugdatenrekorder installiert, die das Verhalten der „Kampfjets“ im Training für das spätere Debriefing akribisch aufzeichneten.

    Eine F-16B der Flugschule Top Gun in der Kamouflage russischer Su-Kampfjets (Archivbild)
    Eine F-16B der Flugschule Top Gun in der Kamouflage russischer Su-Kampfjets (Archivbild)

    Nur zehn Jahre währte der Einsatz dieser „Falken“. Bei Übungsflügen simulierten sie die russischen MiG-29-Jäger und mussten dabei so wild manövrieren, dass die Überlastungen zu Rissen an Rumpf und Tragflächen führten.

    Die „F-16-Light“ wurde später ersetzt: Washington sagte einen Flugzeugdeal mit Pakistan ab, weil Islamabad an einem Atomprogramm zu arbeiten begonnen hatte. Die fertiggestellten Kampfflugzeuge – auch F-16, Version A/B – kamen zur US Navy Fighter Weapons School, einer Eliteschule für amerikanische Marineflieger, auch bekannt als „Top Gun“.

    Auch diese Maschinen wurden vor ihrem Einsatz erleichtert: Waffen und Feuerleitsysteme raus, neue Kommunikations- und Navigationsausrüstung rein. Rumpf und Tragflächen wurden, von bisherigen Erfahrungen ausgehend, verstärkt. Vor allem aber: Die F-16 wurden lackiert als wären sie russische MiGs.

    So realitätsnah wie möglich zu trainieren – mit Flugzeugen, die der Wahrnehmung der eigenen Kampfpiloten fremd sind – hat in den USA inzwischen Tradition. Seit Mitte der 1970er-Jahre setzten die Schulstaffeln von Air Force, Navy und Marine Corps den leichten Jagdbomber F-5 „Tiger“ ein, in der Version E/F „Tiger II“.

    Bei Flugmanövern und Wendigkeit ähnelte diese Maschine stark den sowjetischen MiG-21. Die „Tigers“ imitierten daher meist den „Aggressor“. Gesteuert von Amerikas besten Piloten gewannen sie sogar Luftkämpfe gegen bessere Jäger wie F-14 und F-15. Noch heute dienen einige F-5 als „Angreifer“ bei Trainingseinsätzen in der „Top Gun“-Schule. Aber nicht nur die.

    Als „Aggressor“-Flugzeuge kommen in den USA auch F/A-18-Kampfjets zum Einsatz, in der älteren und neueren Version „Hornet“ bzw. „Super Hornet“. Auffällig ist deren Lackierung: Einige dieser Maschinen tragen den Tarnanstrich der russischen Su-35S – so gesichtet beim Übungsgeschwader VFC 12 auf der Naval Air Station Oceana.

    Private Flugstunden für Kampfpiloten

    Es ist eine Besonderheit der US Air Force, private Luftfahrtunternehmen für Schulungsflüge zu engagieren – auch für Flüge zum Üben von Luftnahkämpfen. Denn auch amerikanische Privatfirmen bieten die Möglichkeit, an echtem russischem (ehemals sowjetischem) Kampfgerät zu trainieren, konnten sie doch nach dem Zerfall des Ostblocks einige MiG- oder Su-Fighter in den ehemaligen Sowjetrepubliken erwerben.

    Air USA Inc. zum Beispiel ist so ein Subunternehmer. Die Firma besitzt zwei generalüberholte und demilitarisierte MiG-29-Jäger, gekauft in Kirgisien. Offiziell hieß es, die ehemaligen Kampfjets würden nur bei Flugshows eingesetzt.

    Eine A-4 Skyhawk mit Insignien sowjetischer Luftwaffe (Archivbild)
    Eine A-4 Skyhawk mit Insignien sowjetischer Luftwaffe (Archivbild)

    Aber das Unternehmen ist ein Dauerpartner des Pentagons, kooperiert mit dem Verteidigungsministerium beim Training von Kampfeinsätzen. 30 Flugzeuge hat Air USA Inc. inzwischen im Bestand, darunter auch MiG-21-Jäger und tschechische Trainer L-39 und L-59. 6.000 Flüge hat die Firma seit 2003 für das Militär unternommen.

    Ein anderes Schwergewicht im lukrativen Markt für militärnahe Flugleistungen ist Draken International. Das Unternehmen betreibt die weltgrößte Privatflotte ehemaliger Kampfflugzeuge: über 80 demilitarisierte Jagd-, Erdkampf- und Trainingsjets. Es gibt genug Staaten in der Welt, die rein zahlenmäßig eine kleinere Luftwaffe haben als dieser Privatanbieter.

    Auch die legendäre MiG-21 zählt zum Bestand von Draken International – wie gesagt: Das Pentagon möchte seinen Piloten ein möglichst realitätsnahes Lernumfeld bieten. Seit 2014 ist ein Großteil der Firmenflotte auf der Nellis Air Force Base in Nevada stationiert, einem großen Trainingszentrum für die Kampfpiloten der US Air Force. Die privaten Flieger simulieren meist den „Aggressor“ bei Luftkampf- und Abfangübungen.

    Kampfjets der Fighter Squadron 127 (Archivbild)
    Kampfjets der Fighter Squadron 127 (Archivbild)

    Draken International fliegt im Auftrag der Air Force – die Navy indes bevorzugt die ATAC: die Airborne Tactical Advantage Company. Seit 20 Jahren wirkt das Privatunternehmen an der Ausbildung amerikanischer Marineflieger mit, sei es im Luftkampf oder im Angriff auf See- und Bodenziele.

    ATAC ist das einzige private Unternehmen, welches zur Zusammenarbeit mit der „Top Gun“-Schule zugelassen ist. Über mehr als 20 Flugzeuge verfügt die Firma, die überall dort eingesetzt werden, wo es amerikanische Flugbasen gibt. Bisher waren die ATAC-Maschinen über 42.000 Stunden für ihre Auftraggeber in der Luft.

    Das ATAC-Personal besteht hauptsächlich aus ehemaligen Top-Piloten der US-Luftwaffe und -Marine, Kader der alten Schule mit immenser Einsatzerfahrung. Einst flogen sie selbst die Jagdflugzeuge, gegen die sie heute bei Übungskämpfen antreten.

    Ihr Einsatz im „Lehrbetrieb“ – dazu mit ungewöhnlichen Flugzeugen – hat für die Trainees den unschätzbaren Vorteil, unterschiedliche und außerordentliche Einsatzlagen durchspielen zu können. Die übenden Piloten lernen dadurch, schablonenhaftes Verhalten in anspruchsvollen Luftkämpfen zu vermeiden. Außerdem: Eine Übungsstunde mit einer privaten Fliegerrotte ist günstiger.

    Einige Experten sagen den Privaten sogar einen Zukunftsmarkt voraus. Mit ihren Flugzeugflotten könnten sie mehr im Auftrag des Staates tun als nur Luftkampfübungen abzuhalten. Luftnahunterstützung von Privatarmeen in Krisengebieten zum Beispiel oder sogar Luftraumpatrouillen wären möglich. Immer dann, wenn die US-Regierung den Einsatz ihrer echten Luftwaffe aus bestimmten Gründen vermeiden will.

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    Tags:
    Kampfjets, Kalter Krieg, USAF, USA