06:41 14 November 2019
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    Schiff „Marschall Krylow“ (Archiv)

    Wachsame Flotte: Wie Russland alle US-Raketenstarts vom Ozean aus verfolgen wird

    © Sputnik / Witalij Ankow
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    Interkontinentalraketen auf allen Flugbahnen verfolgen, Tests von Raketenabwehrsystemen fixieren und Weltraumstarts begleiten – so genannte schwimmende Mess-Stationen können diese Aufgaben an jedem Punkt der Weltmeere bewältigen. Vor genau 60 Jahren stellte das sowjetische Militär im Fernen Osten die ersten Spezialschiffe dieser Art in Dienst.

    Heute steht nur noch eines dieser Schiffe im Dienst, doch es gibt Pläne für den Bau neuer. Über die Entwicklung und Aussichten dieser Spezial-Flotte erfahren mehr Sie in diesem Artikel.

    Arktische Erfahrung

    Die Entwicklung eines neuen Schiffs des Projekts 18290 wurde 2016 bekannt, als das Zentrale Konstruktionsbüro „Eisberg“ einen Bericht über den Abschluss eines Vertrages mit dem Krylow-Forschungszentrum zur Erstellung eines technischen Angebots zur Entwicklung eines elektrischen Antriebssystems für Schiffsschrauben publik machte.

    Später teilte das Konstruktionsbüro mit, dass ein Entwurf konzipiert wurde. Im Rahmen dieses Projektes wurden mehr als 20 technische Aufgaben formuliert und dieselbe Zahl von Verträgen mit Subunternehmen geschlossen.

    Im Oktober 2015 wurde mit der Bildung einer technischen Gestaltung des Schiffs begonnen. Details werden bislang nicht offengelegt. Dennoch ist bekannt, dass die Versuchs- und Konstruktionsarbeiten mit dem Arbeitstitel „Bujer“ gekennzeichnet wurden. Mit den Projektarbeiten wurde „Eisberg“ beauftragt.

    Dieses Büro ist auf leistungsstarke Eisbrecher, Versorgungs- und Verkehrsschiffe für die Arktis spezialisiert. Das heißt, dass das neue Schiff wohl für den Einsatz in der Arktis bestimmt ist.

    Die russische Marine verfügt derzeit nur über ein Schiff dieses Typs – die „Marschall Krylow“ des Projekts 1914.1, das 1990 der Flotte übergeben wurde. Es gehört der russischen Pazifikflotte und ist in der Krascheninnikow-Bucht stationiert. Das Schiff ist imstande, Aufgaben an jedem Ort auf den Weltmeeren erfüllen.

    Marschall des Ozeans

    „Marschall Krylow“ wurde entwickelt zur Gewährleistung von Tests und Durcharbeitung neuer Modelle von Raketen- und Weltraumkomplexen, Suche, Rettung und Evakuierung von im Wasser gelandeten Besatzungsmitgliedern von Weltraumkapseln, Ortung von Schiffen, U-Booten und Flugzeugen. Das Schiff führt Ozean- und hydrologische Studien durch und kann auf allen Kanälen Informationen weitergeben.

    Vor einigen Jahren wurde die „Marschall Krylow” runderneuert. Das Schiff bekam eine neue Satellitenanlage zur Aufnahme und Übertragung telemetrischer Daten bei Weltraumstarts, das Messsystem wurde vervollkommnet. Außerdem wurde eine neue Antennenanlage installiert. Natürlich wurden auch die Triebwerke erneuert sowie die radiotechnische Ausstattung und die Bedingungen für die Besatzungsmitglieder verbessert.

    Etwa 350 Personen sind für die Steuerung und Wartung des Schiffes mit einer Wasserverdrängung von 23700 Tonnen verantwortlich.

    Eine der bekanntesten Operationen der „Marschall Krylow“ war die Weltraummission „Europa-Amerika-500“ im Jahr 1992, die anlässlich des 500. Jahrestages der Entdeckung Amerikas stattfand. Eine aus Russland gestartete Weltraumkapsel sollte humanitäre Fracht in die USA liefern – vor allem Souvenirs. Die Trägerrakete wurde vom Weltraumbahnhof Plessezk gestartet und brachte den Satelliten „Ressurs 500“ in die Umlaufbahn. Aus Sicherheitsgründen erfolgte die Landung nicht auf dem Boden, sondern im Pazifischen Ozean, 190 Kilometer von der US-Westküste entfernt.

    Diese Mission war trotz ihres humanitären Charakters einzigartig, nicht nur, weil die russischen Raketenbauer in der Praxis bewiesen, dass mithilfe einer Rakete Frachtgut in die USA gebracht werden kann. Auch die Besatzungsmitglieder der „Marschall Krylow“ traten damals den Beweis an, wie hervorragend und effizient die Anlagen an Bord des Schiffes arbeiten. Dank der radiotechnischen Suchanlagen konnte die Besatzung den exakten Landungsort der Kapsel im Ozean bestimmen, die an Bord geholt und nach Seattle gebracht wurde.

    Später kontrollierte die „Marschall Krylow“ die Flüge von Kampfdrohnen und Interkontinentalraketen, darunter „Topol“ und „Bulawa“. Zurzeit erfüllt das Schiff Aufgaben zur Gewährleistung der Starts von Weltraumkapseln, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen. Darüber hinaus werden die Starts von Trägerraketen vom Weltraumbahnhof Wostotschny im Gebiet Amur verfolgt.

    Zuverlässige Deckung

    „Marschall Krylow“ ist eines von zwei Schiffen, die speziell für die Verfolgung von Flügen von Weltraumapparaten und Interkontinentalraketen entwickelt wurden. Früher wurden diese Aufgaben von Spezialschiffen, die aus Verkehrsschiffen umgebaut wurden, erfüllt.

    Die ersten Schiffe zur Vermessung und Beobachtung wurden Ende der 1950er-Jahre in Betrieb genommen. Raketenbauer Sergej Koroljow schlug damals vor, schwimmende Mess-Stationen zu entwickeln – für die Tests der sich rasant entwickelnden Raketentechnik reichte das Gelände auf dem Boden nicht mehr aus.

    1959 wurde im Fernen Osten ein spezieller Schiffsverband gebildet – mit dem Namen „Pazifische hydrografische Expedition“. In der ersten Phase gehörten vier Schiffe – „Sibir“, „Sachalin“, „Sutschan“ und „Tschukotka“ – zu dieser Einheit. Die besonders geheim gehaltenen Schiffe wurden mit der modernsten Ausrüstung ausgestattet. Bodengestützte telemetrische und Radaranlagen wurden angepasst und in den Docks stationiert.

    Über diese Schiffe wurde in den Medien nicht berichtet. Ihre Bestimmung blieb nicht nur für die USA, sondern auch die Besatzungsmitglieder geheim – darüber erfuhren sie erst an Bord. Offiziell hießen sie Expeditions- und Ozeanographie-Schiffe.

    Nach einiger Zeit konnten die vier Schiffe die sich häufenden Aufgaben nicht mehr bewältigen. Es wurde beschlossen, zwei Güterschiffe umzubauen – „Tschaschma“ und „Tschumikan“. Sie wurden mit stärkeren radiotechnischen Anlagen ausgestattet. Von den früheren Schiffen unterschieden sie sich von außen durch eine riesige kugelförmige Antennenstation.

    Die Schiffe verfolgten auch Flüge von US-Weltraumapparaten und sammelten Informationen nach nuklearen Explosionen in großer Höhe. Eine weitere wichtige Mission war die Beobachtung von Tests des US-Raketenabwehrsystems. Die Anlagen begleiteten US-Raketen in der Endphase ihres Fluges. Damit bekamen die sowjetischen Militärs wichtige Informationen über Raketenabwehrsysteme der USA.

    In den 1990er-Jahren wurden nach dem Zerfall der Sowjetunion sieben der acht Messschiffe ins Ausland verkauft bzw. ausgemustert. Übrig blieb nur die „Marschall Krylow“.

    Experten sind der Meinung, dass diese Schiffe äußerst wichtig für die russische Marine sind. Es stehen sehr viele Tests der neuen Raketentechnik bevor, darunter Hyperschallwaffen und die aussichtsreiche Interkontinentalrakete Sarmat. Auch die Amerikaner haben nicht vor, die Entwicklung neuer Raketenwaffen zu stoppen. Somit werden die neuen Schiffe schon ihren Nutzen haben.

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    Tags:
    Aufklärung, Verfolgung, Interkontinentalrakete, Sicherheit, Entwicklung, Flotte, Russland