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10:35 21 Oktober 2019
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    Der russische Langstreckenbomber Tu-22M3M

    „Backfire“ für Nato: Darum ist Russlands Überschallbomber Tu-22M so einzigartig

    © Sputnik / Maxim Bogodwid
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    Superschnell, schwer bewaffnet und immer noch einer der besten – es sind mittlerweile 50 Jahre seit dem Tag vergangen, an dem der sowjetische raketentragende Überschallbomber Tu-22M zum ersten Mal abhob.

    Diese Maschinen wurden mehrmals modernisiert und sind immer noch in der Bewaffnung der russischen Luftstreitkräfte – und werden noch mindestens bis 2030 bleiben. Die „Backfire“-Bomber (so werden sie von den Nato-Ländern genannt) kamen in Afghanistan, Tschetschenien, Südossetien und Syrien zum Einsatz. Warum die Tu-22M-Bomber einzigartig sind und wie ihre Zukunftsaussichten sind, schreibt Sputnik in diesem Artikel.

    Mit Klappflügeln

    Das Tu-22M-Modell hat eigentlich nur sehr wenig gemeinsam mit dem Überschallbomber Tu-22, der zum ersten Mal im Sommer 1958 abgehoben war. De facto sind das zwei verschiedene Maschinen. Die Tu-22M wurde in der Ära von Nikita Chruschtschow an der sowjetischen Machtspitze entwickelt, der auf Raketenwaffen setzte und die Entwicklung von Militärflugzeugen quasi vernachlässigte. Um für dieses Projekt Geld zu bekommen, musste der Konstrukteur Andrej Tupolew sich etwas einfallen lassen – und kam auf die Idee, zu sagen, dass er das alte Modell „modernisieren“ wolle.

    Der sowjetische Überschallbomber Tu-22 (Archivbild)
    Der sowjetische Überschallbomber Tu-22 (Archivbild)

    Mitte der 1960er-Jahre wurde durch den Einsatz von Langstreckenflugzeugen offensichtlich, dass einstufige Überschallbomber nicht besonders effizient waren – es war eine mehrstufige Maschine nötig, deren Flughöhen- und Geschwindigkeitsbereich enorm groß wäre. Das sollte durch die Entwicklung von Schwenkflügeln erreicht werden, denn bei höheren Geschwindigkeiten sind breiter ausgestreckte Flügel effizienter und bei geringeren Geschwindigkeiten (Start oder Landung) enger ausgestreckte.

    Das Modell Tu-22M ist aus der Sicht der Aerodynamik ein freitragender Tiefdecker. Die Maschine besteht überwiegend aus diversen Aluminiumlegierungen, hat einen Halbschalenrumpf und ein Dreibeinfahrwerk. Die jüngsten Modifikationen sind mit zwei Turbo-Propeller-Triebwerken NK-25 mit einer Schubstärke von je 14.500 Kilopond ausgestattet. In einer geringen Flughöhe kann das Flugzeug 1050 km/h erreichen, in einer größeren Höhe entwickelt es eine Geschwindigkeit von 2300 km/h.

    Der supergute Ziel- und Navigationskomplex

    Die modernste Version des Bombers bleibt vorerst die Modifikation Tu-22M3, die in den späten 1970ern entwickelt wurde. In die Bewaffnung wurde sie 1989 aufgenommen. Sie hat eine veränderte Konstruktion der Triebwerkseinläufe, dank der die Belastung auf die Flügel teilweise gesenkt werden konnte. Zudem wurde das System der Stromversorgung komplett verändert: Es wurden neue elektronische Lichtmaschinen und Antriebe mit konstanten Drehzahlen aufgestellt.

    Der russische Überschallbomber vom Typ Tu-22M3
    © Sputnik / Alexander Tarassenkow
    Der russische Überschallbomber vom Typ Tu-22M3

    Das vervollkommnete Kampfbelastungssystem ermöglicht es, gleichzeitig Raketen und Bomben an Bord zu nehmen. Die russischen Luftstreitkräfte verfügen aktuell über etwa 60 Maschinen dieser Modifikation.

    Die Hauptwaffe der Tu-22M3 sind aeroballistische Raketen Ch-15 und Anti-Schiffs-Marschflugkörper Ch-22. Zudem kann die Maschine lenkbare und unlenkbare Bomben an Bord nehmen. Unlenkbare Bomben können dank dem Ziel- und Navigationskomplex SWP-24-22 „Gefest“ als hochpräzise Waffen eingesetzt werden. Dieser wurde für Frontbomber Su-24 entwickelt und für das Tu-22M3-Modll vervollkommnet. Dadurch können die Piloten auf diverse taktische Methoden bei Zielsuche, Zielanflug und Anvisieren zurückgreifen. Dabei werden etliche Faktoren berücksichtigt: Geschwindigkeit, die geografischen Koordinaten der Maschine, Flughöhe, Zielentfernung, Wetterbedingungen usw.

    Das System kann selbst bestimmen, wann der Pilot „den Knopf zu drücken“ hat. Die Präzision der Bombenschläge wird dadurch mindestens um das Dreifache erhöht. Diese Vorgehensweise ist sehr sparsam, denn alte Munition wird genauso effizient eingesetzt wie neue und viel teurere lenkbare Bomben. Und schließlich hat die Tu-22M3 eine 23-Millimeter-Kanone GSch-23L im Heckteil, die zur Selbstverteidigung eingesetzt werden kann.

    Von der Treffsicherheit der Tu-22M3-Maschinen mussten sich die Terroristen in Syrien überzeugen. Die russischen Luftstreitkräfte setzten dort 14 Maschinen dieses Modells ein. Unter anderem wurden im Januar 2017 Luft- und Bombenschläge gegen die IS*-Stellungen in der Provinz Deir-ez-Zor versetzt.

    Zukunftspläne

    Das russische Verteidigungsministerium will keineswegs auf Tu-22M3-Flugzeuge verzichten und bereitet eine neue Modernisierung dieses Modells vor. Unter anderem sollen 30 Bomber bis 2020 vervollkommnet werden (die neueste Version wird den Namen Tu-22M3M tragen). Sie werden mit neuen Luft-Boden-Marschflugkörpern Ch-32 ausgerüstet, die 2016 in die Bewaffnung aufgenommen wurden. Dabei geht es um eine neue Modifikation der Ch-22-Rakete mit einer größeren Flugweite und -höhe und einem neuen, störsicheren Zielsuchkopf.

    Die neuste Tu-22M-Modifikation wird zudem eine neue funkelektronische Ausrüstung bekommen, die für die gesamte Funktionstüchtigkeit der Maschine zuständig sein wird, unter anderem für die Verwaltung der Waffenkomplexe, mit denen übrigens auch die neuesten strategischen Bomber Tu-160M2 ausgerüstet werden. Auch wird die Maschine neue Verteidigungsanlagen bekommen, um gegnerischen Luft- bzw. Raketenabwehrwaffen besser zu widerstehen. Auch einige Lufteigenschaften werden besser – dank digitalen Lenksystemen.

    Neben den Ch-32-Raketen wird die Tu-22M3M bis zu vier Hyperschallraketen Ch-47M2 „Kinschal“ an Bord nehmen können. Laut dem Fachmagazin „Popular Mechanics“ könnten die russischen Fliegerkräfte dadurch Luftschläge aus größeren Entfernungen versetzen, außerhalb der Reichweite der gegnerischen Luftabwehr. Da die Flugweite des Flugzeugs etwa 5500 Kilometer und die Reichweite der „Kinschal“-Rakete 1900 Kilometer ausmacht, könnte eine Tu-22M3M Ziele treffen, die 7400 Kilometer weit weg vom jeweiligen Flugplatz liegen.

    Das erste Rollout eines Tu-22M3M-Bombers fand am 16. August 2018 im Betrieb „Sergej Gorbunow“ in Kasan statt. Am 28. Dezember hob die Maschine zum ersten Mal ab. Ihr 37-minütiger Flug in einer Höhe von 1500 Metern verlief planmäßig und problemlos. Jetzt stehen staatliche Tests bevor, aber man kann schon jetzt genau sagen, dass die bis dato 50-jährige Geschichte der Tu-22M-Gattung noch sehr lange dauern wird.

    * - Terrororganisation, in Russland verboten

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    Tags:
    NATO, Russland, Überschalljet, Langstreckenbomber, Tu-22, Tu-22M3