21:55 14 Dezember 2019
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    Soldat der russischen Armee mit der Panzerabwehrwaffe „Fagot“ (Archivbild)

    Faust mit Grips: Was nutzt das Heer für die Panzerabwehr?

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    Kampfpanzer – einst behäbige Kästen auf Ketten – werden Immer stärker, klüger und flinker. Mit jedem neuen Modell sind die Panzer auch immer besser geschützt. Die Artillerie, wie man sie aus der Nachkriegszeit kennt, scheiterte vielfach bei der Panzerabwehr. Neue Waffen wurden entwickelt: Sie wirken stark, auf Distanz und teils völlig autonom.

    Russische Ingenieure nannten sie spaßhaft „Das Baby“, eine kleine tragbare Lenkwaffe zur Panzerabwehr, die sie Ende der 1960er Jahre entwickelten – auf Russisch: „Maljutka“. Über zwei Kilo wog die Hohlladung der kleinen Rakete, stark genug, um eine Panzerung von 200 Millimetern Dicke auf 500 bis 3000 Meter Entfernung zu durchstoßen.

    Die Lenkwaffe kam bei den sowjetischen Infanteristen gut an, hatte aber auch ihre Macken. Bedient wurde das „Baby“ von drei Schützen: Einer trug das Steuerpult, die beiden anderen die Geschosse. Gesteuert wurde das Projektil von Hand über einen Draht, der sich im Flug entrollte. Das verlangte dem Schützen einiges an Geschick ab.

    Die Lenkwaffe vom Typ „Maljutka“ im Museum der Hisbollah-Bewegung
    © Sputnik / Jekaterina Tschessnokowa
    Die Lenkwaffe vom Typ „Maljutka“ im Museum der Hisbollah-Bewegung

    Zudem konnte die Rakete nicht einfach abgefeuert werden: Den Gefechtskopf ankoppeln, die Flügel ausklappen, auf der Lafette anbringen, die vorher auch erst aufgestellt werden musste – dies alles nahm wertvolle Minuten in Anspruch. Dabei war der Treffer nicht immer gesichert: Weil das Projektil relativ langsam flog, hatte der Gegner Zeit, seine Stellung zu wechseln.

    Aber die Vorteile überwogen. Streitkräfte von 45 Ländern setzten die „Maljutka“ ein – die Sowjetunion, die Staaten des Warschauer Paktes, die verbündeten kommunistischen Regime. Die Lenkwaffe bewährte sich etwa in Vietnam oder auch in den Kämpfen zwischen Iran und Irak.

    1970 kam der Nachfolger: Das erste sowjetische System mit einer halbautomatischen Zielführung – die Panzerabwehrwaffe „Fagot“ (dt.: „Fagott“). Die Entwickler hatten die Nachteile der Vorgängerin berücksichtigt und schufen eine einfache, bedienerfreundliche und wirkungsvolle Waffe zur Abwehr von Kampfpanzern und gepanzerten Fahrzeugen.

    Ein Soldat der russischen Armee mit der Panzerabwehrwaffe „Fagot“
    Ein Soldat der russischen Armee mit der Panzerabwehrwaffe „Fagot“

    Das Projektil befindet sich in einem Ein-Weg-Container, muss vor dem Start also weder herausgeholt noch aufgestellt werden. Das Marschtriebwerk der Rakete startet erst in einiger Entfernung vom Abschussort, was das Verletzungsrisiko für den Schützen erheblich verringert.

    Und: Der Schütze muss nach dem Abfeuern nichts weiter tun. Seine Aufgabe ist es, das Ziel mit dem Visier zu erfassen und den Abzug zu drücken. Die Systemsteuerung begleitet das Projektil auf dem kompletten Flug und korrigiert, wenn nötig, die Flugbahn – bis zum Zieleinschlag.

    Die „Fagott“ wurde mehrfach modernisiert. Die russische Armee nutzt das System heute zusammen mit der Abwehrrakete 9M113M „Konkurs“ mit einer Hohlladung Kaliber 135 mm. Die schlägt eine Panzerung von 800 mm Stärke aus 2500 Metern durch.

    Und die anderen, was nutzen die?

    Die Vorreiter bei der Entwicklung von gelenkten Panzerabwehrwaffen waren die… Deutschen. Noch während des Zweiten Weltkrieges entwickelten sie die X-7 „Rotkäppchen“: eine zweistufige, zigarrenförmige Rakete von 80 Zentimetern Länge. Aus eineinhalb bis zwei Kilometern traf sie das Ziel, abgefeuert von einer einfachen Schienenlafette. Gelenkt wurde das Geschoss über einen Draht.

    Ende 1944 erst begann die Erprobung der Abwehrwaffe – das Kriegsende kam schneller, als dass die Wehrmacht das „Rotkäppchen“ in Dienst stellen konnte. Die meisten fertigen Exemplare und die technische Dokumentation gelangten den Franzosen in die Hände, französische Fachleute entwickelten auf deren Grundlage die „Nord SS-10“.

    Die französische Lenkwaffe „Nord SS-10“
    © Foto : Gemeinfrei
    Die französische Lenkwaffe „Nord SS-10“

    1955 stellte die französische Armee die Abwehrwaffe in Dienst und setzte sie im Jahr darauf bereits in Ägypten ein. Über 450 Panzer verloren die ägyptischen Streitkräfte damals, auch wegen der neuen „Nord SS-10“. Später wurde die Lenkwaffe auch im Algerien-Konflikt eingesetzt.

    Deutlich später als die Franzosen erhielten die amerikanischen Infanteristen ihre tragbare Panzerabwehrwaffe. Mitte der 1970er Jahre stellte die US Army die „M-47 Dragon“ in Dienst. Das Projektil wurde zwar auch über einen Draht gesteuert, aber die Rakete unterschied sich erheblich von den sowjetischen und westeuropäischen Mustern.

    Die US-Panzerabwehrrakete vom Typ M-47 „Dragon“
    Die US-Panzerabwehrrakete vom Typ M-47 „Dragon“

    Der Flugkörper wurde nicht von einem Triebwerk, sondern von mehreren kleineren Boostern angetrieben, die auch das Flugverhalten korrigierten. Eine komplizierte Konstruktion, die die Produktion und die Wartung erschwerte – und zudem unpräzise und unzuverlässig war. Nach mehreren Modernisierungsversuchen wurde die „Dragon“ nach und nach durch die „FGM-148 Javelin“ ersetzt.

    Die US-Panzerabwehrlenkwaffe vom Typ FGM-148 „Javelin“ im Einsatz
    Die US-Panzerabwehrlenkwaffe vom Typ FGM-148 „Javelin“ im Einsatz

    Die Lenkrakete ist keine reine Panzerabwehrwaffe, weil sie auch tieffliegende Fluggeräte – Hubschrauber oder Drohnen – bekämpfen kann. Die „Javelin“ funktioniert nach dem Fire-and-Forget-Prinzip: Der Schütze muss nur das Ziel erfassen, der Infrarotsuchkopf findet es dann selbstständig. Weil das Marschtriebwerk der Rakete erst in bestimmter Entfernung von der Abschussposition zündet, kann die Rakete auch aus geschützter Stellung, einem Unterstand zum Beispiel, abgefeuert werden.

    Bis heute ist die „Javelin“ trotz etlicher Mängel die Standard-Abwehrwaffe der US-Infanterie. Ein großer Nachteil ist, dass damit nur Ziele bekämpft werden können, die bereits in Sichtweite sind, wobei der Schütze auf die Flugbahn des Projektils nach dem Start keinen Einfluss mehr nehmen kann.

    Die Treffergenauigkeit der „Javelin“ hängt von der Temperatur des Ziels ab und von dessen Umgebung. Der Infrarotsuchkopf und das Nachtsichtgerät der Rakete müssen vor dem Start gekühlt werden, was einige Minuten in Anspruch nehmen kann. Ein anderer Nachteil der „Javelin“ ist für US-Waffen typisch: Das komplette Waffensystem kostet über 200 000 Dollar – 150 000 für den Starter plus 80 000 je Projektil. Ein teures Schätzchen.

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    Tags:
    Frankreich, USA, Russland, Panzerabwehrlenkwaffen, Panzerabwehrraketen, Panzerabwehrwaffen, FGM-148 Javelin