00:26 10 Dezember 2019
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    US-Tarnkappenjets vom Typ F-35

    Wer war der „Stealth-Vater“ aus der Sowjetunion?

    © Foto : U.S. Navy / Mass Communication Specialist 2nd Class Manuel Tiscareno
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    Dass der taktische Bomber F-117 von Lockheed Martin auch „Nachtfalke“ genannt wird, hat seine Berechtigung: Der Kampfjet schlägt bei Dunkelheit zu, wie ein Falke unvermittelt, weil für das Radar unsichtbar. Ein Physiker aus der UdSSR ist der Ur-Vater dieser US-Maschine. Das Portal „Army News“ erzählt seine Geschichte.

    Erst sieben Jahre nach dem Erstflug gab das Pentagon die Existenz der F-117 offiziell zu. In einer Pressemitteilung vom November 1988 äußerte sich das US-Verteidigungsministerium zur Entstehung der „Nighthawk“ und zeigte ein Foto des ungewöhnlichen Flugzeugs: die stark gepfeilten Flügel und der kantige Rumpf fielen auf. Aber angefangen hatte alles mit einer Textübersetzung.

    Braver Angestellter mit Russischkenntnissen

    Denys Overholser war Anfang der 1970er Jahre bei Lockheed Martin angestellt: ein Job wie jeder andere in der Entwicklung, der junge Mann hatte es noch nicht weit gebracht im Rüstungskonzern. Weil er über Russischkenntnisse verfügte, zählte auch die Durchsicht sowjetischer Forschungspublikationen zu seinen Aufgaben.

    Die „Methode der Randwellen in der physischen Theorie der Diffraktion“ war so ein russischer Text, mit dem Overholser einmal beauftragt wurde. Die Forschungsarbeit war fast zehn Jahre vorher, 1962, vom jungen sowjetischen Physiker Petr Ufimzew verfasst worden. Was für einen herkömmlichen Übersetzer vielleicht eine Qual gewesen wäre, war für Overholser von größtem Interesse, hatte er doch ein Ingenieurstudium hinter sich. Der Amerikaner las sich in den Text des russischen Wissenschaftlers ein.

    Worum es in der Arbeit ging, war ein physikalisch-mathematischer Algorithmus zur Berechnung der Strahlungssignatur eines Flugzeugs beliebiger Form. Ufimzew hatte im Grunde eine Formel aufgestellt, wie ein Flugzeug für Flugabwehrradare praktisch unsichtbar gemacht werden könne.

    Fachkundig wie er war, erkannte Overholser gleich, welche Möglichkeiten die sowjetische Forschungsarbeit den amerikanischen Luftstreitkräften eröffnete. Der Angestellte hielt den Schlüssel zur Stealth-Technologie in seinen Händen. Und dies völlig legal: das wissenschaftliche Material war nicht geheim, sondern frei zugänglich.

    Overholser berichtete seinen Vorgesetzten von den Erkenntnissen, aber die winkten nur ab: Der Übersetzer habe sich an seinen Aufgabenbereich zu halten. Vom Firmenmanagement zurückgewiesen, ging der junge Angestellter zu seinen Kollegen. Die Männer vom Fach begriffen schnell, was sie an der Ufimzew-Formel haben: Es vergingen nur wenige Jahre und Lockheed Martin testete die „Have Blue“, den Erprobungsträger der künftigen F-117.

    Petr Ufimzew: Der Physiker aus tiefstem Sowjetland

    Geboren 1931 im fernen Altai, war Petr Ufimzew ein Kind der Kriegsgeneration. Im Alter von drei Jahren erlebt er die Enteignung und Deportation seines Vaters, wächst vaterlos auf. Dennoch gelingt ihm die Aufnahme an einer Hochschule: 1954 absolviert er die Universität von Odessa, Fachbereich „Theoretische Physik“.

    Am Zentralen Forschungsinstitut für Fernmeldewesen setzt er seinen Werdegang fort. Die wissenschaftliche Einrichtung des sowjetischen Verteidigungsministeriums befasst sich unter anderem mit sehr speziellen Aufgaben: mit der Entwicklung von elektronischen Kampfsystemen und Abwehranlagen zum Schutz vor Radarstrahlung.

    Experimente in einem Windkanal des Zentralen Aerohydrodynamischen Instituts der Sowjetunion (Archivbild)
    © Sputnik / Solowjew
    Experimente in einem Windkanal des Zentralen Aerohydrodynamischen Instituts der Sowjetunion (Archivbild)

    1970 wird Ufimzew zum Doktor der Physik und Mathematik promoviert. Ein großer Karrieresprung gelingt dem Forscher damit nicht, aber sein Beitrag zur Wissenschaft ist beachtlich. Seine Erkenntnisse schreibt in eben jener Arbeit nieder, die der junge Denys Overholser später übersetzt.

    Im Kern geht es dabei um Folgendes: Die Flugabwehrradare erkennen ein Flugzeug anhand der Rückstrahlung, die vom Rumpf, den Tragflächen und dem Leitwerk ausgeht. Die Eigenschaft, die Radarstrahlung zu reflektieren, steht in direkter Korrelation zur Radarsignatur eines Flugzeugs. Also gilt es, die Intensität der reflektierten Radarstrahlung zu reduzieren: Je weniger von den ursprünglichen Radarstrahlen wieder beim Radar ankommen, desto „unsichtbarer“ das Fluggerät.

    Eine für das Militär goldwerte Arbeit – von der Sowjetführung einfach ignoriert. Hätten die Verantwortlichen in der Sowjetunion die Ausführungen von Ufimzew beachtet, die UdSSR hätte wesentlich früher über Tarnkappenflugzeuge verfügt als die Vereinigten Staaten.

    Der US-Tarnkappenbomber vom Typ F-117 Nighthawk (Archivbild)
    Der US-Tarnkappenbomber vom Typ F-117 Nighthawk (Archivbild)

    Ausgerechnet die USA hatten Anerkennung und Verwendung für den Wissenschaftler Ufimzew. Erst Ende der 1980er Jahre, als die F-117 kein Geheimnis mehr war, erkannte die Sowjetführung den Wert seiner Theorie. Doch da war es längst zu spät.

    1990 war die Sowjetunion ihrem Ende nah. Auch Petr Ufimzew stand eine plötzliche Wende im Leben bevor. Der Forscher, damals als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Funktechnik und Elektronik der Sowjetischen Wissenschaftsakademie tätig, erhielt eine Einladung, seine Arbeit als Gastprofessor an der University of California fortzusetzen.

    Kurz nach der Ausreise traf Ufimzew denn auch Denys Overholser, den engagierten Übersetzer, der dessen Erkenntnissen rund 20 Jahre vorher zur Umsetzung verholfen hatte. Bald darauf wurde der ehemals sowjetische Wissenschaftler vom Lockheed-Konkurrenten Northrop Grumman abgeworben. Die Rüstungsfirma arbeitete gerade am Tarnkappenbomber B-2.

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    Tags:
    Kampfjet, UdSSR, Sowjetunion, Pentagon, USA, B-2 Spirit, F-117 Nighthawk, Tarnkappentechnologie, Tarnkappentechnik, Tarnkappe