06:37 15 November 2019
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    U-Boot russischer Kriegsflotte bei der Parade in St. Petersburg (Archivbild)

    „Verrückte Iwans“: Wie russische U-Boote die Nato austricksen

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    Sich auf den Grund legen, Triebwerke abstellen und totale Stille bewahren – russische U-Boot-Besatzungen üben regelmäßig, wie man einer Verfolgung entgeht. Über das gefährliche Katz-und-Maus-Spiel unter Wasser und die effizientesten Methoden, „Beschatter“ abzuschütteln, erzählt Sputnik in diesem Beitrag.

    Vor einigen Tagen hat sich die Besatzung des Diesel-Elektro-U-Boots „Kolpino“ im Schwarzen Meer erfolgreich vor den Schiffen „Kassimow“ und „Susdalez“ versteckt, die die Rolle gegnerischer U-Boot-Jäger spielten. Sofort abtauchen! Sputnik und RIA Novosti begaben sich auf das U-Boot.

    Duell unter Wasser

    Kommandeure von U-Booten mögen es bekanntlich nicht aufzutauchen, um mit der Küste Kontakt aufzunehmen, denn dann wird ihr Aufenthaltsort sofort allgemein bekannt. Selbst wenn das U-Boot unter Wasser bleibt, aber die Sehrohre ausfährt, wird es anfällig für Angriffe. Vor allem werden gegnerische Flugzeuge und Hubschrauber es sehen, die seine Funksignale abfangen und deren Quelle orten können. Aber moderne U-Boote sind auch mit Radaranlagen ausgerüstet, die Signale von Flugzeugen entdecken. Wenn die U-Boot-Besatzung bemerkt, dass sie verfolgt wird, taucht sie sofort ab, um irgendwann später an einem anderen Ort aufzutauchen.

    Das russische Diesel-Elektro-U-Boot Kolpino
    © Sputnik / Witalij Timkiw
    Das russische Diesel-Elektro-U-Boot Kolpino

    Was die Besatzung in so einer Situation zu tun hat, ist längst klar und wird regelmäßig geübt. Der Kommandeur muss die optimale Geschwindigkeit und Tauchtiefe bestimmen, damit das U-Boot nicht geortet werden kann.

    „Man sollte nicht denken, dass das U-Boot sofort mit Höchstgeschwindigkeit wegfährt – das stimmt nicht“, sagte der frühere U-Boot-Kommandeur Igor Kurdin gegenüber RIA Novosti. „In diesem Fall wird man das U-Boot sofort orten, und das Duell geht verloren. Außerdem ist die Geschwindigkeit der Diesel-Elektro-U-Boote im Unterschied zu Atom-U-Booten nicht so hoch, um dem Gegner schnell zu entgehen. Aber Besatzungsmitglieder von Diesel-Elektro-U-Booten greifen auf andere taktische Tricks zurück, unter anderem mithilfe von wasserschalltechnischen Mitteln.“

    Kurdin zufolge besteht der größte Vorteil der Diesel-Elektro-U-Boote gegenüber Atom-U-Booten in der Fähigkeit, quasi geräuschlos auf dem Meeresboden liegen zu bleiben. An Bord wird das so genannte „Stille-Regime“ ausgerufen, alle Mechanismen und Anlagen werden ausgeschaltet. Die Matrosen dürfen sich an Bord nur in Notfällen bewegen. Auf dem Meeresboden kann ein U-Boot tagelang liegen bleiben. Atom-U-Boote können so etwas nicht: Die Hilfssysteme des Atommeilers dürfen nicht ausgeschaltet werden.

    „Verrückte Iwans“

    Um der Verfolgung zu entgehen, greifen russische Matrosen und ihre Nato-„Kollegen“ im Grunde zu denselben Methoden, fuhr Kurdin fort. Allerdings seien die Russen viel größere Meister in dieser „Disziplin“. Denn die Russen folgen dabei normalerweise nicht nur einem ganz bestimmten Plan, sondern können auch kreativ handeln. Eines der Manöver, das noch in den Jahren des Kalten Krieges erfunden wurde, heißt bei den Amerikanern „Verrückter Iwan“ („Crazy Ivan“). Damals wurden sowjetische U-Boote ziemlich oft von amerikanischen verfolgt, die ihnen in der so genannten „Totwasserzone“ folgten, wo sie nicht identifiziert werden konnten. Um diesen Nachteil zu überwinden, mussten die Russen oft spontane Manöver durchführen, unter anderem sich um 180 Grad drehen. Um Kollisionen zu vermeiden, mussten die Amerikaner Distanz halten.

    „Das größte Lob waren für mich als U-Boot-Kommandeur die Worte des früheren Befehlshabers der amerikanischen U-Flotte“, erzählte Kurdin. „Der US-Admiral sagte, ich sei einer der wenigen gewesen, die ihn überraschen konnten. Man muss sagen, dass die Amerikaner nicht nur die Charakteristiken der U-Boote und ihre akustischen ‚Portraits‘ berücksichtigen: Sie haben auch taktische ‚Portraits‘ von konkreten russischen Kommandeuren.“

    Sowjetische Seeleute lernten damals, Fallen der Amerikaner zu umgehen, sogar das bekannte Beobachtungssystem SOSUS. So fanden 1985 und 1987 die einmaligen Einsätze „Aport“ und „Atrina“ der sowjetischen Seestreitkräfte statt. Zwei Gruppen von je fünf Atom-U-Booten begaben sich heimlich in den Atlantischen Ozean. Das konnte unmöglich unbemerkt bleiben, und die Amerikaner gingen unverzüglich auf Jagd. Die Russen konnten jedoch ihre U-Boot-Abwehr überwinden, die US-Küste erreichen und dabei unbemerkt bleiben.

    Bewaffnete „Treiber“

    Die Verfolgung eines U-Boots ist eine besondere Sache. Die Methoden der Russen und der Nato sind dabei praktisch identisch: Beide Seiten setzen Marine-Fliegerkräfte (Flugzeuge und Hubschrauber) ein, die über verdächtigen Gebieten fliegen und hydroakustische, infrarote, passive und aktive Backen abwerfen.

    Die russische Marine verfügt beispielsweise über Flugzeuge Il-38, die mit Suchsystemen „Berkut-38“ und „Novella“ ausgerüstet sind. Der Einsatzradius der Maschine beträgt 220 Kilometer. Es gibt aber auch Maschinen Tu-142, die Tausende Kilometer weit vom Stützpunkt eingesetzt werden können.

    Sobald so eine Backe entsprechende Signale schickt, nimmt die Flugzeugbesatzung Kontakt mit U-Bootzerstörern auf. Das U-Boot kann aber unter Umständen (bei sonnigem und stillem Wetter) auch einfach so aus der Höhe gesehen werden.

    Wenn die Koordinaten des U-Boots bekannt sind, gehen die U-Bootzerstörer auf die Jagd. Viele von ihnen verfügen über Anlagen zur Kielwasserspurortung, die „sehen“, wann die tödliche „Zigarre“ in welche Richtung gefahren ist.

    Die Seestreitkräfte jeder Großmacht haben starke hydroakustische Komplexe, Torpedoapparate und reaktive Bombenwerfer. Die U-Boot-Jäger verfolgen ihr „Opfer“ und feuern Dutzende Tiefseebomben und Torpedos ab. Dabei muss das U-Boot nicht unbedingt getroffen werden – es genügt, wenn ein Geschoss irgendwo in der Nähe explodiert: Die Sprengwelle wird schon den Rest erledigen.

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    Tags:
    NATO, Russland, Kolpino, Diesel-Elektro-U-Boot, U-Boot