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17:08 12 November 2019
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    Konzept für einen Raumgleiter von Eugen Sänger

    Fast hätten Deutsche einen Hyperschallbomber gebaut…

    CC BY 3.0 / Palatinatian / Wikimedia Commons
    Technik
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    „Was haben die sich da ausgedacht! Ein Flugzeug! Von 100 Tonnen Feuerkraft!“ Das notierte der sowjetische Flugzeugingenieur Alexej Issajew über seinen Fund in Peenemünde kurz nach dem Kriegsende. Das Portal „Popular Mechanics“ berichtet.

    Bei seinem Arbeitsbesuch in Peenemünde wühlte Issajew alles an Papiermüll durch, was er nur vorfand. Es musste doch noch Unterlagen über die V-Raketen geben! Der Konstrukteur, selbst Entwickler eines raketengetriebenen Jägers, war nämlich Mitglied einer sowjetischen Kommission, die im August 1945 nach Deutschland entsandt wurde, zur Erkundung deutscher Raketentechnik. Seine Mühe war jedoch vergeblich: Die Mitarbeiter der Versuchsanstalt hatten bei der Archivvernichtung gute Arbeit geleistet.

    Bei dem Frust wäre es auch geblieben, hätte Issajew eines Abends seine Notdurft nicht hinter einem Holzschuppen verrichtet. Dort fand er das Heftchen mit einem roten Streifen und der Aufschrift „Streng Geheim“. „Das Flugzeug wird von diesem Höllentriebwerk in 300 oder 400 Kilometer Höhe katapultiert“, schrieb Issajew später in seinen Erinnerungen laut dem Portal. „Mit Hyperschall stürzt es dann runter, bohrt sich aber nicht in die Atmosphäre, sondern prallt davon ab, wie ein flaches Steinchen, das wir im kleinsten Winkel auf die Wasseroberfläche werfen. Es schlägt auf, springt hoch und fliegt weiter. So geht es zwei oder drei Mal. Ein Abpraller. Eine starke Idee!“

    Später, das geheime Heft war schon nach Moskau gelangt, wurde klar, dass dieses Projekt mit den V-Raketen gar nichts zu tun hatte. Der Projektentwickler Eugen Sänger hatte das Konzept eines Fluggeräts entworfen, das dem „Space Shuttle“ oder der Raumfähre „Buran“ um Jahrzehnte voraus war. Das Konzept wurde in Deutschland in Kleinstauflage abgedruckt und an staatliche Stellen verschickt, die sich mit der Luftfahrt befassten. So kam das Heft auch nach Peenemünde.

    Antipoden- / Amerika- / Ural-Bomber

    Dr. Eugen Sänger hatte zusammen mit der Mathematikerin Irene Bredt (seiner späteren Gattin) einen neuen Vorschlag, wie Raketen in die unteren Schichten der Atmosphäre wiedereintreten sollten. Was würde passieren, sollte ein Marschflugkörper zu schnell und zu steil in die dichte Atmosphäre (etwa in 40 Kilometern Höhe) eintreten? Das war die Kernfrage, die das Forscherpaar laut dem Portal interessierte.

    Silbervogel auf der Postmarke
    "Silbervogel" auf der Postmarke

    Aus Sängers Konzept ging hervor, dass der Flugkörper in solchen Fällen abprallen sollte, ähnlich einem flachen Stein, der von der Wasseroberfläche abspringt. Von den dichten Luftschichten zurückgeschnellt, würde die Rakete wieder nach oben, in die dünnere Atmosphäre fliegen. Nach einer gewissen Strecke würde der Flugkörper wieder auf die dichten Luftschichten stoßen und wieder abprallen. Der Flugverlauf käme einer Schlangenlinie mit immer weiter abnehmender Schwingungsweite gleich.

    Nach den Berechnungen von Sänger und Bredt würde eine Flugbahn solcher Art die Reichweite eines Flugkörpers deutlich erhöhen. Diese Annahme wurde zur Grundlage für das Konzept eines Antipoden-Bombers – eines Fluggeräts, das auch unter den Namen Amerika-Bomber, Ural-Bomber oder auch Silbervogel in die Geschichte eingegangen ist.

    Entwickelt wurde diese „Höllenmaschine“ als ein Gerät für den Überschallflug in der Stratosphäre. Entsprechend war der Rumpf aalglatt, wies einen Flachboden auf, sorgte teils selbst für Auftrieb, verfügte aber auch über Flügel an den Seiten und ein Höhenleitwerk im Heck.

    Der Treibstoff wurde in zwei großen Tanks aufbewahrt, je einem an den Seiten hinter dem Flügel im hinteren Rumpfteil. Vor dem Flügel befand sich in zwei ebenso seitlich angeordneten Tanks der Sauerstoff als Oxidans für die Verbrennung. Der Motor war ein gewaltiges Raketentriebwerk mit einer Schubkraft von 100 Tonnen, befeuert von einem Kerosin-Sauerstoff-Gemisch. Zudem waren zwei Hilfstriebwerke vorhanden, angebracht an den Seiten des Hauptmotors.

    Rund 28 Meter lang sollte der Bomber werden, mit einer Spannweite von circa 15 Metern und einem Leergewicht von 10 Tonnen. 80 Tonnen würde der Treibstoff wiegen, 10 Tonnen die Waffenlast (in einem Bombenschacht mittig im Rumpf) – macht zusammen: 100 Tonnen Startgewicht. Schutzbewaffnung war beim „Silbervogel“ nicht vorgesehen. Der Pilot würde von einer Druckkabine im Bug die Maschine steuern. Ein Drei-Punkte-Chassis sollte Landungen auf herkömmlichen Pisten ermöglichen.

    Bei diesem Gewicht würde der Flugkörper allein für den Start sehr viel Treibstoff benötigen. Sänger hatte aber auch dafür eine Lösungsidee: Eine schnurgerade, drei Kilometer lange Stahlschiene. Das Flugzeug würde, auf einem Schlitten mit Raketenantrieb platziert, auf der Schiene beschleunigt. Nach zehn Sekunden Startlauf sollte der Bomber laut dem Portal mit 500 Metern pro Sekunde (!) abheben, dann würde das Marschtriebwerk übernehmen.

    Theoretisch wäre eine Geschwindigkeit von 6000 m/s beim „Silbervogel“ möglich, schrieb Sänger laut dem Portal. Dies in einer Höhe von bis zu 260 km, also im Erdorbit. Von dort aus sollte sich der Bomber auf beschriebener Flugbahn fortbewegen. Die größte Schwierigkeit dabei: Für den Rückflug zur Heimbasis zu wenden. Schon bei 1600 m/s wäre ein Wendemanöver für das Raumflugzeug zu gefährlich (Bordgeräte würden die Überlast nicht aushalten) und würde zu viel Treibstoff verbrauchen. Deutlich einfacher wäre es, das Fluggerät weiterfliegen zu lassen, bis zur Landung irgendwo am gegenüberliegenden Ende der Welt: Der Bomber startet in Deutschland, wirft die Bomben im bestimmten Gebiet ab und landet in einem „Antipodalpunkt“ (deshalb die Bezeichnung „Antipoden-Bomber“).

    So eine Flugroute ließe sich ziemlich exakt berechnen, hatte aber einen Nachteil: Die einzige Großstadt der westlichen Hemisphäre, die das Raumflugzeug nach diesem Sänger-Schema überfliegen würde, wäre New York. Landen müsste das Gerät in Japan oder im japanisch kontrollierten Teil des Pazifiks.

    Eine Alternativroute: Wozu am anderen Ende der Welt landen, wenn man auch einfach die Welt umrunden und dort aufsetzen kann, wo man gestartet war? Nach 27500 Kilometern oder nach circa 3,75 Flugstunden würde der „Silbervogel“ so wieder zum eigenen Fliegerhorst zurückkehren.

    Das Oberkommando der deutschen Luftwaffe war von Sängers Projekt überzeugt und förderte es. Eine geheime Versuchsanstalt wurde eingerichtet, in Trauen in der Lüneburger Heide. Zehn Jahre Entwicklungszeit wurden für das komplette Programm angesetzt. Damit war aber auch das Ende des „Silbervogels“ besiegelt, denn nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion stellte die Reichsführung alle Rüstungsprogramme ein, die keine sofortigen Ergebnisse brachten…

    Bekannt wurde Dr. Sänger nach dem Krieg, mit dem Entwurf einer mehrfachverwendungsfähigen Raumfähre: des „Raumtransportsystems Sänger“, einer relativ günstigen und von den USA unabhängigen Transportmöglichkeit für europäische Raumfahrtprojekte. Das neue Sänger-System sollte von herkömmlichen Start- und Landebahnen aus operieren können. 1995 wurde das anfangs vielversprechende Projekt eingestellt.

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    Tags:
    UdSSR, Geschichte, Raumfahrzeug, Bomber, Rüstung, Nazi-Deutschland