10:50 15 November 2019
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    Ein Tomahawk-Marschflugkörper wird von der USS Cape St. George abgefeuert (Archivbild)

    Verstrickt: US-Raketen in der Falle?

    CC0 / Kenneth Moll
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    Russland baut sein Frühwarnsystem zur Raketenabwehr durch neue Weitsichtsensoren aus, die allerart Luftziele aus tausenden Kilometern Entfernung erfassen. Das erste System dieses Typs haben die russischen Streitkräfte bereits erhalten, bis Jahresende folgen weitere: Das Fangnetz für Tomahawk & Co wird noch engmaschiger.

    Größere oder relativ langsame Ziele wie Bomber oder Flugkörper entdecken die neuen russischen Sensorsysteme zwar auch. Deren wirkliche Leistung besteht nach Herstellerangaben aber darin, Hyperschallraketen aus 3.000 Kilometern Entfernung erfassen zu können.

    „Container“ ist der Codename eines dieser Systeme: ein sog. Überhorizontradar, ausgelegt auf die Ortung aerodynamischer Ziele in Höhen von bis zu 100 Kilometern. Insgesamt kann der „Container“ bis zu 5.000 Luftziele unterschiedlichen Typs gleichzeitig im Fadenkreuz behalten. Mit der Entwicklung des zweidimensionalen Überhorizontradars (offiziell bezeichnet als „29B6 Kontejner“) begannen die Spezialisten der russischen Forschungsanstalt für Fernmeldewesen (NII Dalnej Radioswjasi) Mitte der 1990er Jahre.

    ​Als Grundprinzip nutzt die Anlage die Reflexion der Radarstrahlen an der Ionosphäre der Erde: Ein in bestimmtem Winkel gesendetes Signal prallt an der Ionosphäre ab, trifft auf das Zielobjekt und geht, davon reflektiert, beim Empfänger ein. So werden die Position, die Geschwindigkeit und die Flugrichtung des Zielobjekts genau erfasst.

    Das erste „Container“-Exemplar steht seit 2013 im Dienst. Der Sender ist im Gebiet Nischni Nowgorod stationiert, der Empfänger – ein Feld von 150 Dreißig-Meter-Antennen – steht in Mordwinien. Der Standort im Landesinneren ist so gewählt, weil der „Container“ einen toten Winkel von 900 Kilometern aufweist. So aufgestellt, kann das Radar den Luftraum über den angrenzenden Staaten überwachen.

    Diese erste Anlage wirkt in Richtung Westen. Ein Großteil Europas und damit die wichtigsten Stationierungsgebiete der Nato stehen unter ihrer Kontrolle. Angesichts der Aufkündigung des INF-Vertrags ist das besonders relevant: Der „Container“ befähigt die russische Armee, die Luft- und Raketenbasen der Nato permanent im Auge zu behalten.

    Geplant ist, Russland von allen Seiten mit diesem Sensorsystem abzudecken. „Container“ werden im Fernen Osten, im Nordwesten und im Süden Russlands aufgestellt, sagt der Generaldirektor der Forschungsanstalt für Fernmeldewesen, Kirill Makarow.

    Im Fern- und Nicht-ganz-so-fern-Bereich

    Eine weitere Komponente des russischen Raketenschirms sind die küstenbasierten Weitbereichsradare des Typs „Podsolnuch“ („Sonnenblume“). Diese Anlagen überwachen den Luft- und Seeraum in der küstennahen Wirtschaftszone Russlands. Deren Reichweite von 450 Kilometern ist, verglichen mit dem „Container“, durchaus bescheiden.

    Einer der größten Vorteile dieses küstenbasierten Radars ist die Allwetterfähigkeit. Zudem erkennt „Podsolnuch“ auch Schiffe und Flugzeuge mit Stealth-Eigenschaften. Im gänzlich automatischen Modus erfasst und begleitet eine Radarstation dieses Typs bis zu 300 See- und 100 Luftziele.

    Das System klassifiziert die Ziele auch: Handelt es sich um ein Einzelobjekt oder eine Objektgruppe? Sind es See- oder Luftvehikel? Wie groß sind die Ziele? All das ermittelt das Radar automatisch. Die Daten gelangen weiter an die Leitstände an der Küste, wo über den Einsatz entsprechender Abwehrmittel entschieden wird.

    Weitbereichsradar des Typs „Podsolnuch“
    CC0 / Russlands Verteidigungsministerium
    Weitbereichsradar des Typs „Podsolnuch“

    Der erste Militärverband in Russland, der eine „Podsolnuch“-Station erhalten hat, ist die Kaspische Flottille. Die Mannschaften ihrer Korvetten üben permanent das Zusammenwirken mit den Sensorstationen: erhalten Koordinaten simulierter Ziele im Kaspischen Meer. Seit es das neue Radar gibt, sagen die Seeleute, sei es sehr viel einfacher geworden, den anvertrauten Bereich zu Wasser und in der Luft zu überwachen. Kürzlich hat Russland weitere Weitbereichsradare dieses Typs aufgestellt: im Fernen Osten und im Ostseeraum.

    Die interkontinentale Gefahr

    Bei all ihrer Wirksamkeit erfüllen die genannten Sensorsysteme nur eine Support-Funktion im russischen Raketenabwehrverbund. Die Führungsstellung in diesem Netzwerk haben die Radarstationen „Woronesch“. Sie sind es, die die ballistischen Interkontinentalraketen frühzeitig erfassen.

    Es sind Hochleistungsradare, modular aufgebaut. Die Anlage wird ab Werk als standardisierter Bausatz geliefert, der vor Ort mit minimalem Zeit- und Arbeitsaufwand zu einem System montiert werden kann, unter Berücksichtigung örtlicher Gegebenheiten.

    Eine Anlage der ersten Ausführung „Woronesch-M“ verrichtet den Dienst seit 2006 im Leningrader Gebiet. Die Station funktioniert im Meter-Frequenzbereich und deckt einen Raum von Marokko bis Spitzbergen ab. Die späteren Ausführungen des „Woronesch“-Radars mit den Zusatzbezeichnungen „DM“ und „SM“ funktionieren im Dezimeter- und Zentimeter-Bereich.

    Radarstation „Woronesch“
    © RIA Novosti . Alexandr Jurjew
    Radarstation „Woronesch“

    Das Radarnetzwerk zieht sich entlang der russischen Grenzen von Kaliningrad über Orenburg und Krasnojarsk bis nach Irkutsk. Auch im Gebiet Krasnodar ist eine „Woronesch“-Station aufgestellt, bis 2024 soll eine auf der Krim stehen.

    Mit dem Aufbau eines gestaffelten Raketenabwehrsystems wurde in Russland noch zu Sowjetzeiten, in den 1960er Jahren begonnen. Der Urahn des heutigen Netzwerks bestand aus zwei Radarstationen des Typs „Dnepr“, aufgestellt in Murmansk und Riga, von wo aus die Daten an eine Leitzentrale nahe Moskau übermittelt wurden.

    Die Sensoranlagen selbst waren riesig, wartungsaufwendig und verschlangen Unmengen an Energie. Nach dem Zerfall der Sowjetunion blieben einige Anlagen abseits vom russischen Staatsgebiet und wurden aufgegeben. Einige Stationen aus Sowjetzeiten funktionieren aber bis heute, in Belarus und Kasachstan zum Beispiel.

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    Tags:
    Raketenabwehr, Tomahawk-Marschflugkörper, Tomahawk-Rakete