06:41 06 Dezember 2019
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    Tu-95 der russischen Luftsteitkräfte (Archivbild)

    Bomber Tu-95: Wie die Nato an dem Riesen verzweifelt

    © Sputnik / Jewgenij Odinakow
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    Der schnellste Propellerflieger der Welt startete vor 67 Jahren zum Erstflug. Über 50 Versionen des viermotorigen Riesen sind seitdem konzipiert worden, darunter: H-Bomben-Plattform, Raumflugzeug-Träger und nukleares Testlabor.

    Archaisch sieht er aus, der Bomber Tu-95. Ein Rentner ist er aber noch lange nicht. Auch im 21. Jahrhundert bleibt die Propellermaschine eine wichtige Komponente der strategischen Streitkraft Russlands.

    Die vergleichsweise geringe Wärmestrahlung der Tu-95-Motoren wird von Infrarotsensoren von Aufklärungssatelliten nicht erfasst. 

    Ende der 1940er Jahre hatten die USA als einziges Land eine nuklearfähige Bomberflotte. Die B-29 und B-36 standen auf Stützpunkten entlang sowjetischer Grenzen jederzeit zum Abflug bereit, um A-Bomben auf die UdSSR abzuwerfen. Die Sowjetunion hatte dem nichts entgegenzusetzen: Ihr stärkster Bomber, die Tu-4, konnte die Vereinigten Staaten nicht erreichen.

    Andrej Tupolew, die Legende der Luftfahrt, wurde in den Kreml beordert und damit beauftragt, innerhalb kürzester Zeit ein schnelles Bombenflugzeug mit interkontinentaler Reichweite zu entwickeln und zu bauen. Sein Kollege Wladimir Mjassischtschew erhielt den gleichen Auftrag. Die Rechnung ging auf: Durch die Konkurrenz angespornt, baute Tupolew in zwei Jahren eine grundlegend neue Maschine.

    Dabei hatte sich der Flugzeugkonstrukteur mit der Idee durchgesetzt, einen propeller- und keinen strahlgetriebenen Bomber zu bauen. Die damaligen Düsentriebwerke verbrauchten einfach Unmengen an Treibstoff. Für die Tu-95 wurde die weltstärkste Propellerturbine entwickelt, die NK-12. Ihr Wirkungsgrad von 34 Prozent war damals unübertroffen – und ist heute noch eine ordentliche Leistung.

    Damit die 15.000 Wellen-PS die Luftschraube nicht zerreißen, hätten sieben Meter große Propeller an die Triebwerke angekoppelt werden müssen. Das hätte die möglichen Abmessungen der Tu-95 gesprengt. Deshalb treiben die vier Motoren je zwei Koaxialpropeller an.

    Die Konstruktion der Propeller und die gigantische Kraft der Motoren machen die Tu-95 zum lautesten Gerät am Himmel. Was auf den Kampfwert des Bombers allerdings keinen Einfluss hat: Die Tu-95 setzt Marschflugkörper großer Reichweite ein, fernab des Ziels, ohne in den gegnerischen Wirkungsbereich einzudringen – zum Beispiel vom Nordpol her, wo die Bomber meist auch Patrouille fliegen.

    Bomber für die Zar-Bombe

    Im Oktober 1961 testete die Sowjetunion die stärkste thermonukleare Bombe der Welt. Um den Sprengkörper über der Insel Nowaja Semlja abzuwerfen, wurde die Tu-95B konstruiert: Da die Zar-Bombe in den Waffenschacht einer normalen Tu-95 nicht passte, wurden die Schachtklappen entfernt, die Bordelektrik wurde an die Ladung angepasst und der Rumpf wurde mit weißer lichtabweisender Spezialfarbe lackiert.

    Bei der Detonation der Bombe befand sich die Tu-95B in 11.500 Metern Höhe und bereits in 39 Kilometern Entfernung. Trotzdem war der elektromagnetische Stoß dermaßen heftig, dass drei der vier Bomber-Motoren ausfielen. Der Crew-Captain Andrej Durnowzew ging in den Sinkflug über und versuchte währenddessen die Triebwerke wieder zu starten. In 7.000 Metern sprang die zweite, in 5.000 Metern die dritte Turbine an. Die vierte funktionierte nicht mehr: Sie war stark angebrannt, wie sich nach der Landung herausstellte. Angesengt war stellenweise auch die lichtabweisende Farbe des Bombers.

    Auf der Basis der Tu-95 entstanden: ein Träger für das Raumflugzeug „Spiral“ und die Überschall-Lenkrakete Ch-20, ein Testlabor für das Programm eines Atomflugzeugs, ein Seefernaufklärer, ein U-Boot-Jäger und eine Passagiermaschine, die Tu-114. Im Unterschied zur Tu-160, die die russische Luftwaffe nach berühmten Piloten benennt, tragen die Tu-95-Bomber die Namen russischer Städte. „Moskau“ heißt die Bordnummer 12.

    Schrecken der Meere

    Das lange Leben der Tu-95 hat manch eine Anekdote parat. In den Sechzigerjahren versuchte eine „Lightning“ der Royal Air Force eine Tu-95 über der Nordsee abzufangen. Nur manövrierte der Brite so ungeschickt, dass der Jäger zerschellte, ohne dem sowjetischen Flugzeug Schaden zuzufügen.

    Anfang der Siebziger starteten drei F-4 „Phantom“ von einem US-Flugzeugträger im Atlantik, um einen Seefernaufklärer Tu-95MR zu verjagen. Beim Versuch, unterhalb des sowjetischen Bombers vorbeizufliegen, prallte einer der amerikanischen Jäger auf den Flügel des Bombers und stürzte ab. Der Seefernaufklärer kehrte nach erfülltem Auftrag zu seinem Flugplatz zurück.

    Eine F-22 Raptor begleitet den russischen Langstreckenbomber Tu-95 (Archivbild)
    Eine F-22 Raptor begleitet den russischen Langstreckenbomber Tu-95 (Archivbild)

    Eine Lieblingsbeschäftigung der Tu-95-Crews ist die Jagd auf amerikanische Flugzeugträger gewesen. Die Koordinaten der Schiffe erhielten die Mannschaften von der Küste, in circa 200 Kilometern Entfernung zum Ziel gingen die Bomber tief auf 100 Meter und flogen mit dem charakteristischen Motorenkrach über dem Deck am Flugzeugträger vorbei.

    2008 hat eine Tu-95-Besatzung diesen Trick wiederholt: Von Chabarowsk kommend, flog der Bomber, als würde er zum Angriff ansetzen, in nur 600 Metern Höhe zweimal über einem Flugzeugträger der „Nimitz“-Klasse vorbei. Die vom Träger gestarteten Abfangjäger konnten das Manöver nicht mehr verhindern.

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    Tags:
    Sowjetunion, Russland, Tu-95MS, Tu-95