21:05 22 September 2020
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    Im Zweiten Weltkrieg wurde die Hauptstadt Großbritanniens beschossen wie nie zuvor: Ab dem 13. Juni 1944 gingen V1-Raketen in einem Feuerhagel auf die britische Metropole nieder. Nazis feuerten ihre „tödliche Wunderwaffe“ von Stellungen im besetzten Frankreich ab. Was taten die Alliierten?

    Bis zu hundert V1-Attacken täglich, tausende Tote, unzählige Flüchtlinge: Das britische Militär brauchte schnell ein Mittel gegen die strahlgetriebenen Bomben der Nazis. Bei der Luftschlacht um England von 1940 war es noch vergleichsweise einfach gewesen, schreibt das Portal „The National Interest“. Da hatte die Royal Air Force mit ihren schnellen Propellerjägern die deutsche Bomberflotte kräftig ausgedünnt. Für die Wehrmacht waren dies teure Verluste. Die Düsenbombe V1 aber war günstig und vor allem: unbemannt – deren Abschuss konnten die Nazis verkraften.

    Propellerflieger gegen Düsenbombe

    Die Lösung war die „Operation Diver“: Ein vielfach gestaffeltes Abwehrsystem gegen den Raketenschwall der Wehrmacht. Die erste Stufe stellten Verbände von radargeführten Kampfflugzeugen. Allerdings waren nur wenige Maschinen schnell genug, um die V1 einholen zu können. Die Raketen schafften bis zu 650 km/h in niedriger Höhe. Und selbst wenn die britischen Abfangjäger den Tempovorsprung der Nazi-Wunderwaffen überwanden, stießen sie auf die Stahlhülle der V1 als Hindernis: das Metall hielt den MG-Beschuss durch die RAF-Flugzeuge aus.

    Nur wenigen Piloten gelang es, den Düsenantrieb oder Gefechtskopf eines deutschen Marschflugkörpers durch gezielten Beschuss zu sprengen. Dies auch noch unter Lebensgefahr, denn die britischen Abfangjäger waren dem Risiko ausgesetzt, von der Explosionswelle eines V1-Sprengskopfs erfasst zu werden. Eine Lösung: Die V1 mit den Flügelenden des Flugzeugs anzustoßen und so vom Kurs abzubringen, was manchem alliierten Piloten wirklich gelang, schreibt „The National Interest“.

    Der schnellste Abfangjäger der Royal Air Force war damals die Hawker Tempest V. Der Einsitzer brachte es in mittlerer Höhe auf fast 700 km/h. Und seine 20-mm-Bordkanone schaffte es, den Metallrumpf der V1 aus sicherer Distanz durchzusieben. Die RAF stellte sechs Geschwader dieser Jagdflugzeuge zur Abwehr der deutschen V1 auf, ergänzt durch Spitfire Mark XIV (drei Verbände) und unterstützt von US-Abfangjägern Mustang Mark III (drei Geschwader), geflogen von amerikanischen und polnischen Kampfpiloten.

    Auch nachts griffen die V1 an. Zu deren Abwehr verfügte die RAF über drei Geschwader mit Mosquito-Jägern, die dank ihres Bordradars nachtflugtauglich waren. Durch das Radar geführt, spürten die Mosquitos die V1-Raketen im nächtlichen Himmel auf und zielten dann auf den hellen Abgasstrahl der Raketentriebwerke.

    Selbst ihren ersten einsatztauglichen Abfangjet – die Gloster Meteor – schickten die Briten auf die Jagd nach der V1. Die Düsenjäger schafften rund 650 km/h in niedrigen Höhen, aber ihre vier Bord-MGs waren ein Problem, weil sie im Einsatz häufig wegen Ladehemmung ausfielen.

    Insgesamt schossen die Alliierten laut dem Portal über 1900 deutsche V1-Raketen ab – ein Drittel davon in Einsätzen mit den Tempest- und Mosquito-Maschinen.

    Fla-Kanonen und Luftballons

    Rund 1600 Flugabwehrkanonen stationierte das britische Militär zur V1-Abwehr in mehreren Schutzgürteln um die Hauptstadt. Es handelte sich hauptsächlich um 40-mm-Schnellschusskanonen. Eine von sechs deutschen Düsenbomben holten sie in den ersten Wochen der V1-Kampagne vom Himmel – immerhin.

    Erst durch den Einsatz von Feuerleitradaren und spezieller Munition mit Abstandszündern, die in festgelegter Entfernung vor dem Zielobjekt detoniert, konnte die Abschussrate im August 1944 auf 60 bis 80 Prozent aller einfliegenden V1-Raketen erhöht werden. Weitere rund 230 dieser Flugkörper wurden durch Luftballons aufgehalten, die mit dicken Stahlseilen am Boden befestigt worden waren: Daran wurden die kurzen Tragflächen der V1 zerfetzt.

    Foto der Sperrballone über London 1939–1945, Buckingham Palace und das Victoria Memorial groß im Bild
    Foto der Sperrballone über London 1939–1945, Buckingham Palace und das Victoria Memorial groß im Bild

    Neuer Versuch: Luftgestützte Marschflugkörper

    Als die deutschen V1-Stellungen in Frankreich von den Alliierten erobert worden waren, änderte die Wehrmacht ab September 1944 ihre Angriffstaktik. Die Anflugroute der V1-Raketen führte nun über die Nordsee. Die Flugkörper wurden mit modifizierten Heinkel He-111-Bombern in Richtung England geflogen, wodurch es den Nazis auch noch gelang, die Kanonenstellungen der britischen Flugabwehr zu umgehen.

    Die britische Marine setzte trägergestützte Jagdflugzeuge vom Typ Fairey Firefly ein, um die deutschen Bomber abzufangen – mit nur mäßigem Erfolg. Die RAF nutzte hierzu sogar Flugzeuge, die als erste AWACS-Maschinen der Kriegsgeschichte bezeichnet werden können: Wellington-Bomber, ausgerüstet mit speziellen Ortungsradaren.

    Eine erbeutete V1 wird nach dem Kriegsende auf dem Trafalgar Square ausgestellt
    © AP Photo /
    Eine erbeutete V1 wird nach dem Kriegsende auf dem Trafalgar Square ausgestellt

    Acht deutsche Bomber schossen britische Mosquitos im Verbund mit den Frühwarnflugzeugen ab. Deutlich mehr Heinkel-Maschinen verlor die Luftwaffe jedoch durch missglückte Starts der V1-Raketen, die die Bomber rumpfunterseitig trugen.

    Zum Ende der V1-Kampagne gegen London erreichte nur eine von fünf abgefeuerten deutschen Raketen das Ziel. Selbst das war verheerend genug: auf jeden V1-Einschlag kamen zwei tote und sieben verwundete britische Bürger – 6100 bzw. 17000 in toto.    

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    Tags:
    Marschflugkörper, Deutschland, Drittes Reich, London, Der Zweite Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg