05:38 22 Januar 2020
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    Wie die Sowjets sich einen Kampfpanzer für den Atomkrieg vorgestellt haben, haben wir kürzlich mit Verweis auf das Fachblatt „The National Interest“ berichtet. Nämlich wie das Objekt 279. Welche Strategie hinter dieser Technik steckte, erklärt das Magazin aber kaum. Deshalb dieser Nachtrag.

    Ganze Panzerarmeen sollten im Falle eines großen Krieges in Europa den Gegner niederwälzen. Nicht einmal atomare Waffen würden diese Massen aufhalten können, dachten die Militärstrategen. Hochmobile, schwerbewaffnete Panzerverbände mit starkem ABC-Schutz würden – durch die Luftstreitkräfte unterstützt – Schneisen in die Nato-Formationen schlagen und dann bis zum Ärmelkanal vorstoßen.

    Anfang der 1950er Jahre beginnt die Sowjetunion auf Betreiben von Marschall Georgi Schukow mit der Aufstellung schwerer Panzerdivisionen, die mit der besten Technik ihrer Zeit ausgerüstet wurden: mit dem schweren KPz Typ „IS“.

    Stationiert wurden die Verbände innerhalb der Streitkräftegruppe West in der DDR. Sie hatten den Auftrag, im Kriegsfall die Nato-Vorposten in Westdeutschland zu brechen und nach einer Abfolge atomarer Schläge den Weg für weitere Panzer- und Infanterieverbände zu ebnen.

    Für den Einsatz als „Brecheisen“ im Dritten (nuklearen) Weltkrieg mussten die Kampfpanzer so ausgelegt sein, dass sie auch in radioaktiv verseuchten Gebieten funktionieren würden. Also: dicke Panzerung mit Spezialbeschichtung, hermetisch abgeriegelter Innenraum, ABC-sichere Lüftung und Kühlung.

    Mitte der 1950er Jahre formuliert das sowjetische Verteidigungsministerium operative Anforderungen an einen schweren Sturmpanzer für den Krieg der Zukunft.

    Ziemlich stark und mächtig teuer

    Eine Anforderung: Der KPz musste das stärkste Geschütz einsetzen können, das damals verfügbar war – und dies auch während der Fahrt. Zwei sowjetische Konstruktionsbüros wurden aufgefordert, sich mit Entwürfen an einer Ausschreibung zu beteiligen. Der Gewinner sollte den Schwerpanzer „IS“ ersetzen. Alle eingereichten Prototypen basierten konstruktionstechnisch auf älteren Panzertypen. Alle bis auf das besagte Objekt 279.

    Dieses Kampfgefährt war in seiner Auslegung wirklich revolutionär. Die linsenförmige Wanne war wie aus einem Stück gegossen, mit einer Panzerung von über 200 mm. Die Ingenieure gingen davon aus, diese Form schütze das Vehikel vor jedem Frontal- oder Seiteneinschlag.

    130-mm-Kanone der sowjetischen Selbstfahrlafette im Panzermuseum Kubinka
    130-mm-Kanone der sowjetischen Selbstfahrlafette im Panzermuseum Kubinka

    Der gegossene Geschützturm hatte eine Panzerungsstärke von über 300 mm. Dessen 130-mm-Kanone mit gezogenem Lauf war gepaart mit einem 14,5-mm-MG. Vier Mann Besatzung bedienten das Gefährt: Kommandant, Fahrer, Richt- und Ladeschütze. Eine Kadenz von fünf bis sieben Schuss pro Minute war damit möglich. Ein Infrarotvisier für Nachteinsätze und ein halbautomatisches Feuerleitsystem waren Standard.

    Wirklich einmalig aber war der Antrieb von Objekt 279. Vier Laufketten, je zwei an einer Seite (zwei davon unterhalb des Rumpfs) befähigten das Gefährt zu Einsätzen in jedem einigermaßen festen Gelände. Entsprechend war auch die Motorleistung: 1000 Diesel-PS, 50 bis 55 km/h Marschgeschwindigkeit auf befestigten Wegen.

    Politische Sperren waren unüberwindbar

    1959 wurde das 4x4-Kettenfahrzeug erstmalig getestet. Das Objekt 279 erwies sich als von hohem Nutzungswert, zeigte aber auch große Probleme. Die Konstruktion war in der Praxis doch etwas zu aufwendig und entsprechend teuer. Den KPz im Feld zu warten, war besonders schwierig, der beiden „inneren“ Laufketten wegen, die komplett unter der Wanne verliefen. Auch war die Konstruktion schwerfällig, obwohl Agilität und Manövrierfähigkeit gefordert waren.

    Vor allem aber: Vor den gelenkten Panzerabwehrraketen, die damals gerade aufkamen, war selbst die starke und schwere Panzerung eines Objekts 279 nicht mehr gänzlich sicher. Überhaupt standen die anbrechenden 1960er Jahre militärisch im Zeichen von Lenkwaffen und Raketen.

    Unter Nikita Chruschtschow änderte sich die sowjetische Militärdoktrin radikal. Flugkörper galten nunmehr als Hauptwaffe. Die Funktion von „Schneise-Schlägern“ beim Durchbrechen von Nato-Formationen auf dem westeuropäischen Boden wurde auf Raketen übertragen.

    Die erfolgreichen Tests von SCUD-Raketen auch innerhalb der sowjetischen Panzertruppe bestätigten die Entbehrlichkeit schwerer KPz. Sie wurden vom Konzept des Standardpanzers abgelöst: eines Kampfgefährts für die ganze Breite an Einsätzen, die eine Panzerarmee zu bewältigen hat. Konsequent wurde dieses Konzept in der Sowjetarmee zwar nicht umgesetzt, aber seinen Beitrag zum Tod des schweren Spezialpanzers hat es geleistet. 

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    Tags:
    Kampfpanzer, Scud-Systeme, Sowjetunion, Kalter Krieg