08:02 10 August 2020
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    Nordkorea hat erneut einen Raketentest durchgeführt. Einen „sehr wichtigen“, wie es von offizieller Seite hieß. Was dieser Test für den US-Präsidenten bedeutet und welche Rolle dabei China und Russland zukommen kann – dazu hat Sputnik mit Analysten von der Koreanischen Halbinsel gesprochen.

    Nordkorea habe am 7. Dezember Raketentriebwerke getestet, hieß es vom südkoreanischen Verteidigungsministerium ohne nähere Angaben. Auch die staatliche Nachrichtenagentur KCNA aus Pjöngjang vermeldete einen Test auf dem Startplatz Sohae. Details zum Hergang des Testversuchs sind nicht genannt worden, dem Vernehmen nach aber fanden mindestens zwei Triebwerkzündungen von unterschiedlicher Dauer statt, was ein Indiz dafür sein kann, dass zeitgleich mehrere neue Typen von Raketentriebwerken getestet worden sind.

    Auch früher schon waren auf dem Startplatz Sohae Versuche mit Raketenmotoren erfolgt, wobei es sich um Flüssigkeitstriebwerke handelte. Die Vermutung liegt daher nahe, dass der „sehr wichtige Test“ dazu dient, die Triebwerke der Paektusan-Serie weiterzuentwickeln. Diese Motoren finden Anwendung in den bislang stärksten nordkoreanischen Interkontinentalraketen: Hwasong-14 und Hwasong-15.

    Die nordkoreanische Interkontinentalrakete Hwasong-14
    © AP Photo / KRT via AP Video
    Die nordkoreanische Interkontinentalrakete Hwasong-14

    Sollte es Nordkorea gelingen, diese Motoren zu einem Block aus drei Doppelkammertriebwerken zu verbinden (nach dem Muster des sowjetischen RD-251), entsteht eine Rakete für den Transport schwerer Satelliten in den Erdorbit. Genau darum geht es Pjöngjang seit langem.

    Andererseits: Dass die nordkoreanische Akademie für Verteidigungswesen den jüngsten Test als ein Ereignis bewertet, das „den strategischen Stand des Landes maßgeblich beeinflussen“ werde, kann ein Hinweis darauf sein, worum es diesmal wirklich geht. Nämlich nicht um Satellitentechnologien, sondern: Um den Beginn einer weiteren Testreihe mit Feststofftriebwerken für ballistische Interkontinentalraketen. Feststofftriebwerke ermöglichen Raketenstarts ohne lange Vorlaufzeiten. Entsprechend schwierig ist es, die Starts zu detektieren und die Raketen rechtzeitig abzufangen.

    „Mich würde es nicht wundern, wenn Nordkorea ein Feststofftriebwerk für Interkontinentalraketen testet“, sagt Professor Kim Dong-yup vom Institut für fernöstliche Studien der Kyungnam University im Sputnik-Gespräch. „Über Raketen mit Feststofftriebwerken verfügt Nordkorea bereits. Das sind die Typen Pukkuksong-1, -2. und -3. Im März 2016 soll im Beisein von Kim Jong-un ein Feststofftriebwerk getestet worden sein. Wahrscheinlich aber fanden die Tests damals nicht in Sohae statt. Wenn aber die diesmalig getesteten Triebwerke für Interkontinentalraketen bestimmt sind, dann müssen die Versuche wegen der starken Antriebsleistung der Motoren auf dem Senkrechtstartplatz Sohae erfolgt sein.“

    Der Test eines leistungsstarken Feststofftriebwerks für eine Interkontinentalrakete als „Weihnachtsgruß an Washington“ wäre ein Skandal. Doch schon mit dem Start eines Satelliten würde Pjöngjang harsche Reaktionen der Weltöffentlichkeit auf sich ziehen. Die für den Transport von Satelliten in den Erdorbit nötigen zivilen Technologien sind den militärisch nutzbaren mehrstufigen Raketen sehr ähnlich. Deshalb verbietet der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen der nordkoreanischen Führung sogar zivile Raketentests.

    „Die Spannungen zwischen Pjöngjang und Washington steigen und ich befürchte, eine der beiden Seiten könnte die rote Linie überschreiten. Am meisten beunruhigt mich, dass die Falken in Washington sich dazu entschließen könnten, ein wenig mit dem Feuer zu spielen“, sagt Professor Kim Dong-yup weiter.

    Aber dass die Vereinigten Staaten im Sicherheitsrat eine Sitzung über „jüngste Entwicklungen auf der koreanischen Halbinsel“ beantragt haben, könne als eine Art Rückversicherung Washingtons gewertet werden, so der Wissenschaftler. „Darin spiegelt sich Trumps Wunsch, die amerikanische Präsidentschaftswahl frei von Starts nordkoreanischer Interkontinentalraketen durchzustehen.“

    Der US-Präsident hat also eine klare Botschaft an den nordkoreanischen Machthaber gesandt. Jedoch: „Es ist zu viel, was Trump über Nordkorea nicht weiß“, soll ein nordkoreanischer Unterhändler kürzlich geäußert haben. „Wir haben nämlich nichts zu verlieren.“

    Pjöngjang hat bereits für Ende Dezember die 5. Plenarsitzung des Partei-ZKs angesetzt. Höchstwahrscheinlich wird dann der Verhandlungsstopp in Sachen atomarer Entwaffnung mit Washington verkündet – wegen der Unnachgiebigkeit der USA. Und es ist durchaus möglich, dass Nordkorea dann den „Neuen Weg“ einschlägt, den Kim Jong-un schon in seiner Neujahrsansprache ankündigte, sagt Cheong Seong-Chang, Vize-Chef der Planungsabteilung am Sejong Institut, im Sputnik-Gespräch.

    2013 hatte das ZK der Partei der Arbeit Koreas eine Parallelentwicklung eingeschlagen, um die nordkoreanische Wirtschaft und das Atomwaffenprogramm gleichermaßen zu fördern. 2018 änderte das ZK den Kurs und lenkte alle Kraft allein auf die Wirtschaft. Jetzt sei die Wahrscheinlichkeit hoch, „dass Nordkorea sich mit dem ‚Neuen Weg‘ dazu entschließt, seinen Status als faktische Atommacht zu sichern – durch die Aufstockung bei atomaren Waffen und ballistischen Interkontinentalraketen“, sagt der Experte.

    „Überdies könnte Nordkorea sich bemühen, zusätzliche Mittel der atomaren Abschreckung zu erlangen, und die Arbeiten an U-Booten für ballistische Raketen forcieren“, so der Analyst. „Parallel dazu könnte Pjöngjang den Kurs hin zu einem ‚wohlhabenden und erfolgreichen sozialistischen Land‘ einschlagen. Dies durch die Mobilisierung innerer Ressourcen und die strategische Zusammenarbeit mit China und Russland.“

    Laut dem jüngsten UNCTAD-Bericht hat Nordkorea im vergangenen Jahr Waren und Dienstleistung im Wert von nur 300 Millionen Dollar exportiert (ein Minus von 82 Prozent). Was nicht überraschend ist, verbieten doch die UN-Sanktionen sogar den Kauf nordkoreanischer Meeresfrüchte. Dabei liegen die Einfuhren des Landes mit 2,6 Milliarden Dollar weit über den Ausfuhren und verursachen ein starkes Missverhältnis in der Handelsbilanz.

    Eine Voraussetzung für die Fortsetzung von Abrüstungsgesprächen wäre aus der Sicht von Pjöngjang deshalb die Aufhebung der Sanktionen, worauf die Vereinigten Staaten sich jedoch nicht einlassen. Im Gegenteil: Die USA fordern von anderen Ländern, noch mehr zum Erhalt eines harten Sanktionsregimes gegenüber Nordkorea beizutragen.

    „In Bezug darauf ist es wichtig, wie sich China und Russland im Sicherheitsrat verhalten werden. Wenn der ‚Neue Weg‘ darin besteht, über den bilateralen Dialog mit den USA hinauszugehen und sich einer internationalen Allianz mit Russland und China in zentraler Rolle einzuschließen, dann dürfen wir, glaube ich, auf eine sehr spannende Entwicklung gespannt sein“, sagt der Wissenschaftler Cheong Seong-Chang vom Sejong Institut.

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    Tags:
    China, Interkontinentalrakete, Raketentriebwerk, Hwasong-14, Hwasong-15, USA, Nordkorea