10:47 18 Januar 2020
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    Es sieht nach einem Flottenprogramm aus, wie es Russland seit Sowjetzeiten nicht hatte: Der Schiffsbaukonzern USC rechnet laut dem Konzernchef mit einem Großauftrag für den Zerstörer der „Lider“-Klasse. Die Order könne die Basis legen für eine Serie von ferneinsatzfähigen Multimissionsschiffen. Plant Russland eine Expansion auf den Weltmeeren?

    Einsätze fernab heimischer Gestade sind das eigentliche Element von Kampfschiffen der Zerstörer-Klasse. Größer als eine Fregatte oder Korvette hat ein Zerstörer mehr Platz, Raum und Kraft für deutlich mehr Dienstwert: Er bekämpft jeden Schiffs- und U-Boot-Typ auch im Alleingang, wehrt Luft- und Raketenangriffe ab, und bleibt länger auf See als die kleineren Kampfschiffe.

    Ruhestifter im Mittelmeer

    Bei Antiterrormissionen im Schwarzen oder Mittelmeer kann ein Zerstörer Führungsaufgaben übernehmen. Der Name der neuen russischen Zerstörer-Klasse wird zum Programm: „Lider“ ist nichts anderes als das Englische „Leader“ – „Anführer“, das Flaggschiff eines Verbands.

    Bei der Sowjetmarine war der Zerstörer ein echter Universalkämpfer auf See, größer und schwerer bewaffnet als derselbe Schiffstyp der NATO. Schließlich mussten die sowjetischen Kampfschiffe dieser Klasse auch ohne Luftunterstützung gegen Flugzeugträger bestehen können.

    Zwischen 1976 und 1992 entstand in der UdSSR eine Großserie von Zerstörern der „Sarytsch“-Klasse (Projekt 956), bei der NATO geführt als „Sowremenny“. Ein durchaus gelungenes Mehrzweckkampfschiff, das bei der Sowjetflotte seinen Dienst aufnahm und noch heute bei der russischen Marine dient. Auch die chinesischen Seestreitkräfte nutzen diesen Zerstörertyp.

    Zerstörer der „Sarytsch“-Klasse „Admiral Uschakow“
    © Sputnik / Pawel Lwow
    Zerstörer der „Sarytsch“-Klasse „Admiral Uschakow“

    Seit dem Ende der Achtzigerjahre arbeiteten die Entwickler der „Sarytsch“-Klasse an deren Nachfolge. Zumindest was die Größe und die Funktionsvielfalt von Zerstörern angeht, stehen russische Schiffsbauer fest in der Tradition ihrer sowjetischen Vorfahren. Die Technik von heute macht es dabei möglich, eine breite Skala von Waffensystemen kompakt auf relativ kleinem Raum zu platzieren.

    2009 endlich wurde vermeldet, ein Wettbewerb für die Auswahl eines Entwicklers der künftigen russischen Zerstörer-Klasse sei in Vorbereitung. Im selben Jahr hieß es, die Kiellegung des neuen Zerstörers der russischen Marine soll 2012 schon erfolgen.

    In der Realität verläuft alles weniger schnell, aber die Arbeiten am vorläufigen Konzept des neuen Kampfschiffs wurden in der Tat aufgenommen. Mitte 2012 teilte das Management der United Shipbuilding Corporation (USC) mit, der künftige Zerstörer werde über Systeme zur Luft- und Weltraumabwehr verfügen. Auf diese Weise erfuhr die Öffentlichkeit von der „Lider“-Klasse.

    Flottenprogramme von dieser Größenordnung gab es nur zu Sowjetzeiten

    Drei Jahre später wurde beschlossen, den künftigen Zerstörer auf einem nuklearen Antrieb aufzubauen. Im Juni 2015 folgte sodann die Vorstellung eines Modells des künftigen Kampfschiffs, genannt „Projekt 23560E“ – gezeigt auf der Rüstungsmesse Army 2015.

    Derzeit ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Baubeginn der „Lider“-Klasse nach 2020 erfolgt. Im Maßstab des postsowjetischen Russlands wird es wohl das größte Kampfschiffbauprogramm werden. Findet die Kiellegung in den Jahren 2020-2022 statt, kann mit der Diensteinführung des neuen Schiffstyps in den Jahren 2024-2030 gerechnet werden.

    Für die Ausstattung der russischen Seestreitkräfte wäre dies ein gewaltiger Schritt nach vorn. Denn in der Zerstörer-Kategorie verfügt Russlands Flotte gegenwärtig über zwei Schiffe der „Sarytsch“- alias „Sowremenny“-Klasse, über ein schweres Abwehrschiff der „Kaschin“-Klasse (Projekt 61) und über sieben schwere Abwehrschiffe der „Udaloj“-Klasse (Projekts 1155), die nach NATO-Klassifikation auch als Zerstörer einzustufen sind.

    Ein russischer Zerstörer entspricht einem Raketenkreuzer der NATO

    Russische Zerstörer sind deutlich größer als die NATO-Schiffe dieser Kategorie. Daher die Möglichkeit des atomaren Antriebs und der breiten Waffenskala. Bei circa 200 Metern Länge soll die „Lider“-Klasse rund 15.000 Tonnen verdrängen. Von diesen Werten her ist es schon eher ein Raketenkreuzer.

    Modell des Zerstörers des Projekts 23560 Lider (Archivbild)
    © CC BY-SA 4.0 / Artem Tkachenko
    Modell des Zerstörers des Projekts 23560 "Lider" (Archivbild)

    Der atomare Anrieb ermöglicht es, zeitlich unbegrenzte Missionen zu fahren – an jedem Ort der Weltmeere. Hinzu kommt die imposante Schlagkraft der „Lider“-Klasse: mindestens 60 Flugkörper diverser Typen – „Kalibr“, „Oniks“ und „Zirkon“ – wird ein Zerstörer dieser Art einsetzen können.

    Mit diesem Arsenal sind die allermeisten Kampfaufträge zu erfüllen, von der Zerschlagung von Schiffsverbänden (auch Trägerkampfgruppen) bis zur Bekämpfung von Bodenzielen auf eine Distanz von 2.500 km.

    Ergänzt wird die Bewaffnung durch ein Geschützsystem im Kaliber 130 mm. Der Einsatz von Raketen ist mitunter überflüssig oder wäre übertrieben: Um Uferbefestigungen zu zerstören oder ein Schiff manövrierunfähig zu schießen, ist Kanonenbeschuss das effektivere Mittel.

    Flugabwehr S-500: Ersteinsatz auf einem Schiff

    Vor Luft- und Raketenangriffen sollen mehrere bordeigene S-500-Systeme die „Lider“-Klasse absichern. Der Kampfsatz insgesamt: 128 Flugabwehrraketen. Damit wird das Abwehrsystem zu einem Schutzschirm gegen ballistische Raketen, Marschflugkörper und Hyperschallwaffen – selbstverständlich auch gegen Luftangriffe. Im Nahbereich schützen den Zerstörer die Fla-Systeme „Panzyr“.

    Vor Torpedos und U-Booten schützen Schiffsabwehrraketen und mehrere Torpedosysteme vom Typ „Paket-NK“. Ein eigener Bordhubschrauber ist bei diesem Schiffstyp ohnehin Standard. Entsprechende Sensorik für die Aufklärung, Ortung, Frühwarnung und für elektronische Gegenmaßnahmen darf vorausgesetzt werden.

    Kurz: Kommt diese Zerstörer-Klasse in die Nutzung, wird die russische Marine erheblich aufgewertet. Die „Lider“-Klasse ist absolut hochsee- und ferneinsatztauglich. Unter der Führung dieses Zerstörers – mit dessen Waffenschutz und Sensorschärfe – können selbst kleinere Kampfschiffe und Korvetten der russischen Marine ihren Einsatzbereich erweitern und sich auf die Ozeane wagen. So entstünde dann eine gänzlich neue strategische Realität.

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    Tags:
    Kriegsschiff vom Typ "Lider", Kriegsflotte, Russland, Zerstörer