12:27 30 Oktober 2020
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    Ägypten wollte einst in die Liga von Ländern vorstoßen, die ihre Kampfjets selbstständig entwickeln. Wilhelm Messerschmitt – ja, der half dem Land dabei. Es entstand die Helwan HA-300: ein starker Abfangjäger der damals neuesten Generation. Doch Kosten brachen dem Rüstungsprogramm das Genick. Das „Military Watch Magazine“ berichtet.

    In den 1960er Jahren war die MiG-21 das Rückgrat der Luftwaffe in Ägypten. Die Arabische Republik nutzte das sowjetische Kampfflugzeug als Gegenmittel gegen die französischen Mirage-Kampfjets der Israelis. Denen war die MiG klar voraus, nur lag der Führung in Kairo viel daran, die Waffenabhängigkeit des ägyptischen Militärs von externen Lieferanten zu verringern. In Ägypten sollte ein eigenes Luftkampfsystem entstehen: ein einmotoriger überschallschneller Abfangjäger.

    Die MiG sollte von der Neuentwicklung aus den Reihen der ägyptischen Luftwaffe nicht verdrängt, sondern nur ergänzt werden. Auch würde das Waffenprogramm die heimische Industrie technologisch voranbringen und künftige Eigenentwicklungen im Militärbereich ermöglichen, so die Idee der ägyptischen Führung.

    Natürlich fehlte den Ägyptern damals die Expertise, die nötig war, um einen Kampfjet aus eigener Kraft zu bauen. Der passende Fachmann für das Programm kam dann trotz aller Autarkiebestrebungen doch aus dem Ausland: Wilhelm (alias Willy) Messerschmitt, ehemaliger Vorsitzender der Bayerischen Flugzeugwerke (BFW), war der perfekte Chefentwickler für das ägyptische Vorhaben. Der Deutsche hatte mit seinem legendären Düsenjäger Me-262 bewiesen, Neues in der Luftfahrt nicht zu scheuen.

    Eine HA-300 in Ägypten, ca. 1964
    Eine HA-300 in Ägypten, ca. 1964

    Nach der Kapitulation des Dritten Reichs 1945 wurde Messerschmitt wegen seiner Stellung in der Rüstungsindustrie der Nazis verhaftet und anschließend mit einem Berufsverbot belegt: An deutschen Kampfjetprogrammen durfte Messerschmitt nicht arbeiten, im Ausland war er hingegen ein begehrter Spezialist.

    Unter seiner Federführung entstand der Prototyp des ersten ägyptischen Kampfjets. Die Helwan HA-300 wurde von einem einzigen Triebwerk, dem leistungsstarken E-300, auf bis zu Mach 2 beschleunigt – dies bei einer Waffenlast von zwei Bordkanonen und vier Raketen. Der Einsatzradius der Maschine betrug ansehnliche 1.400 km, die Dienstgipfelhöhe 18.000 m.

    Von den Parametern her war die HA-300 genau das, was die ägyptische Luftwaffe haben wollte: ein schneller Abfangjäger großer Reichweite als perfekte Ergänzung zur MiG-21. Der ägyptische Power-Jet übertraf das sowjetische Kampfflugzeug sogar ein Stück weit, denn bei gleicher Top-Geschwindigkeit verfügte die HA-300 über größeren Aktionsradius und schwerere Bewaffnung. 

    Der Abfangjäger aus Ägypten hätte einer der ersten Kampfjets der 3. Generation werden können – ähnlich der amerikanischen F-4 Phantom, die höher, weiter und schneller flog als die MiG-21 oder die Mirage III.

    Hätte ... Denn trotz der guten Anfänge wurde das HA-300-Programm 1969 eingestellt. 135 Millionen ägyptische Pfund hatte das Programm bis dahin gekostet – rund 15 Milliarden Euro nach heutiger Rechnung. Dabei war Ägypten durch den Sechs-Tage-Krieg, der kürzlich erst zu Ende gegangen war, auch finanziell schwer angeschlagen. 

    Die Sowjets boten indes weitere MiG-21 zum Kauf an: nicht nur zum Bruchteil der HA-300-Kosten, sondern auch noch mit einem annähernd 50-prozentigen Abschlag und einem in nationaler Währung zurückzuzahlenden Kaufkredit.

    Schließlich zog Kairo das Waffenprogramm vor, das zumindest auf kurze Sicht kosteneffizienter war. Ägypten beschaffte eine Vielzahl modernisierter MiG-21-Jets, die wenig später in Materialschlachten gegen Israel eingesetzt wurden.

    Sieben Prototypen der HA-300 wurden gebaut, doch in die Serienproduktion ging der Kampfjet nie. Wäre das Programm gelungen, so wäre das erste im Nahen Osten selbstständig entwickelte Kampfflugzeug entstanden. Und: Angesichts der starken Zelle wäre die Maschine heute noch als Luftkampfsystem in der Nutzung – Upgrades mit moderner Avionik, Sensorik und Bewaffnung vorausgesetzt.

    Der Nahe Osten ist gegenwärtig eine der wenigen Weltregionen, die kein eigenes Kampfflugzeugprogramm betreiben. Der Iran mit seinen doch eher fraglichen Vorhaben in diesem Bereich sei an dieser Stelle ausgenommen. Wäre die Serienfertigung der HA-300 gestartet worden, hätten sich in der Region sicherlich Kunden für dieses Flugzeug gefunden. Und Ägypten hätte die Milliarden gespart, die das Land in den 1980ern für den Kauf amerikanischer F-16-Kampfjets ausgeben musste.

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    Tags:
    Abfangjet F-4 Phantom II, UdSSR, Sowjetunion, Messerschmitt, Ägypten, Mirage-Kampfjet, MiG-21