14:02 09 Juli 2020
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    Erstaunlich, wie erfinderisch Bastler in der Sowjetunion waren, um Autoträume wahr werden zu lassen. Die UdSSR in den Siebziger- und Achtzigerjahren: Ein Land exklusiver Rennkisten. Das Portal „ZR.ru“ berichtet.

    Entwürfe, die der Freiwillige Verein von Autoamateuren begutachtete und bestätigte, waren gewagt, geradezu revolutionär. Coupés und Limousinen, aus glasfaserverstärktem Kunststoff, mit Flügeltüren, Schalensitzen und Armaturenbrettern wie in einem Raumschiff – im sowjetischen Fahrzeugbau gab es so etwas nicht, aber die Technik-Avantgardisten im besagten Verein durften das.

    Hauptsache, sie hielten sich an vorgegebene Leistungsparameter. Maximal 45 PS je Tonne Gesamtgewicht waren bei selbstgebauten Autos in der Sowjetunion erlaubt – ja, auch das wurde in der UdSSR reglementiert. Der Motor durfte nicht größer sein als der eines Ladas: 1,2 Liter Hubraum; die Gesamtlänge 4200 Millimeter durfte nicht überstiegen werden. Konnte der Tüftler dann noch nachweisen, die Bauteile für seine Erfindung legal erworben zu haben, stand seinem Tatendrang nichts mehr im Wege. Eine Einschränkung nur: Neu durften die Komponenten nicht sein, sondern allesamt Ausschuss aus der Produktion – man lebte schließlich in einer Mangelwirtschaft.

    Waren die Formalitäten erledigt und die Teile beschafft, konnte es losgehen. Die Tüftler führten Neuerungen ein, die im offiziellen Fahrzeugbau unter Hammer und Sichel als klassenfremder Schnickschnack galten: Elektrische Fensterheber, Spiegelverstellung, Servolenkung waren damals ausschließlich Staatskarossen vorbehalten. Geklebte Windschutzscheiben, ergonomische Sitze, Lederlenkräder – davon hatte man in der UdSSR höchstens gehört. Oder man machte es eben selbst.

    1969 bauten zwei Brüder aus Moskau – Anatoli und Wladimir – ein windschnittiges Sportcoupé mit dem schwerfälligen Kürzel GTSchtsch – das Schtsch stand wohl für den Nachnamen der Brüder: Schtscherbininy. Den Motor hatte das Coupé vom Wolga GAZ-21 übernommen, einige Teile stammten von Lastwagen. Die Karosserie aus glasfaserverstärktem Kunststoff machte einen soliden Eindruck, wie serienmäßig hergestellt. Als Alternative zur klassischen Motoranordnung hatten die Brüder die Möglichkeit vorgesehen, den Motor mittig in der Karosserie einzubauen, wie bei Rallye-Rennern.

    GTSchtsch von Anatoli und Wladimir Schtscherbininy:

    Das 69er Coupé war dem Tüftler-Duo nicht genug. 1980 stellten sie in Kooperation mit zwei weiteren Bastler-Brüdern ein neues Modell vor: keilförmig, wie es sich für die Zeit gehörte, mit Klappscheinwerfern, in Ferrari-Rot. Mindestens vier dieser sportlichen Coupés sollen damals unter der Bezeichnung JuNA gebaut worden sein. Im sowjetischen Straßenbild sahen die Sportwagen aus, als wären sie aus dem Westen importiert worden – zumal mit Alufelgen und Knöpfen anstatt der Türgriffe.

    Noch auffälliger könnte aber das Sportcoupé OROR gewesen sein, gebaut vom Tüftler Genrich Matewossjan. Flügeltüren, Klappscheinwerfer, sogar eine Klimaanlage hatte das selbstgebaute Fahrzeug. Um den Platz im Kofferraum nicht zu verschwenden, brachte der Erfinder das Ersatzrad am Unterboden an: Es konnte elektrisch ein- und ausgefahren werden.

    OROR von Genrich Matewossjan:

    Ein Star unter den Selbstgebauten in der Sowjetunion war Laura, ein Schrägheck zweier Tüftler aus Leningrad: Dmitri Parfjonow und Gennadi Chainow. Zwei baugleiche Exemplare wurden gebaut, ausgestattet mit Lada-Motoren und Getrieben vom Kleinwagen ZAZ-968. Die Frontfederung stammte von einem Lastwagen, die Scheibenbremsen von einem Moskwitsch 2140. Ansonsten hatte das futuristische Schrägheck wenig vom herkömmlichen Sowjetauto. Frontantrieb, elektrische Türverriegelung, ergonomische Sitze, Displayanzeigen und Knöpfe statt Schiebereglern – wo auch immer Laura auftauchte, die Aufmerksamkeit der Passanten hatte das Tüftlerauto sicher.

     „Laura“ von Dmitri Parfjonow und Gennadi Chainow:

    Geradezu bombastisch war der 1983er Pangolina, ein Coupé von Alexander Kuligin. Von der Konstruktion her war das Fahrzeug simpler als das Laura-Schrägheck: Hinterradantrieb, Aufhängung vom Lada. Dafür konnte der komplette Frontaufbau zum Ein- und Aussteigen elektropneumatisch angehoben werden. Das Armaturenbrett mit unzähligen Knöpfen und einer Stereoanlage glich einem Flugzeugcockpit. Für die Rücksicht stand kein Rückspiegel, sondern ein Dachperiskop zur Verfügung.

    • Pangolina-Coupé von Alexander Kuligin
      Pangolina-Coupé von Alexander Kuligin
      © Sputnik / Archiv
    • Alexander Kuligin vor seinem Auto (Archivbild)
      Alexander Kuligin vor seinem Auto (Archivbild)
      © Sputnik / Boris Babanow
    • Pangolina-Coupé von Alexander Kuligin
      Pangolina-Coupé von Alexander Kuligin
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    Pangolina-Coupé von Alexander Kuligin

    1987 führten staatliche Stellen in der UdSSR neue Regelungen für selbstgebaute Fahrzeuge ein: 50 PS pro Tonne Gesamtgewicht waren nunmehr als Motorleistung erlaubt. Was die improvisierten Kisten mitunter zu echten Rennern machte, denn die Tragrahmen wurden häufig aus Aluminium statt aus Stahl zusammengeschweißt. Einige der damaligen Exemplare sollen die Zeit bis heute überdauert haben und bei Autosammlern beliebt sein. Vielleicht ist es für die Raritäten ein Segen, dass sie nie in die Serienfertigung übernommen wurden, sondern größtenteils Einzelstücke blieben.

    Einige weitere Vertreter der Sowjetmarke Eigenbau:

    Sportcoupé Laska von Alexander Mischtschenko: Lada-Motor und geklebte Frontscheibe:

    Wega-1600GT von Witali Rudenko und Alexander Kostin: Karosserie aus Glasfaserkunststoff, Lada-Komponenten – auffällig sind die feinverarbeiteten Details.

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    Tags:
    Bastler, Tuning, Autos, UdSSR, Sowjetunion