14:07 06 August 2020
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    Große Reichweite, hohe Treffgenauigkeit und enorme Schlagkraft – bereits im Herbst wird US-Rüstungshersteller Northrop Grumman aus dem Militäretat des Landes eine Tranche in Höhe von 85 Milliarden Dollar für die Entwicklung einer prinzipiell neuen Interkontinentalrakete erhalten.

    Mitte der 2030er Jahre sollen diese Waffen alle 450 silogestützten Interkontinentalraketen Minuteman III bei den strategischen Abschreckungskräften der USA ersetzen. Was bislang über diese Rakete bekannt ist, erfahren Sie in diesem Artikel.

    Nachfolgerin der Minuteman-Rakete

    Die Ausschreibung für eine neue silogestützte Interkontinentalrakete in den USA wurde bereits 2016 ausgelobt. Um den Auftrag buhlten zwei Industrieriesen – Boeing und Northrop Grumman. 2017 wurde tief in die Staatskasse gegriffen, um allein einen Entwurf der beiden Konzerne zu finanzieren – 349 bzw. 329 Millionen Dollar.

    2019 griff Northrop Grumman zu einem Trick – der Konzern erwarb das Unternehmen Orbital OTK, das Feststoff-Raketentriebwerke an Boeing lieferte. Boeing sah daher kaum noch Chancen auf den Zuschlag und zog sich aus der Ausschreibung zurück. Im Dezember erhielt Northrop Grumman wegen fehlender Mitbewerber schließlich den Zuschlag.

    Der Entwurf der neuen Interkontinentalrakete bekam die Bezeichnung GBSD (Ground based strategic deterrent). Die Betriebsdauer der aussichtsreichen Rakete wird auf 50 Jahre geschätzt – sie soll gegen Ende dieses Jahrzehnts in den Dienst gehen und bis 2080 eingesetzt werden können. Bislang gibt es nicht viele öffentlich zugängliche Informationen über diese Waffe. Bekannt ist, dass die neue Rakete in Sachen Gewicht und Größe ungefähr mit Minuteman III vergleichbar sein wird, weil nicht geplant ist, die silogestützten Startanlagen im großen Stil umzubauen.

    Die Minuteman-III-Rakete (Archivbild)
    © AP Photo / DOUGLAS C. PIZAC
    Die Minuteman-III-Rakete (Archivbild)

    Auch bei den Stationierungsorten der Raketen bleibt alles beim Alten. Die Minuteman-III-Raketen sind derzeit mit jeweils 150 Raketen auf drei Stützpunkten der US-Luftstreitkräfte stationiert – Warren  Air Force Base (Bundesstaat Wyoming), Malmstrom Air Force Base (Bundesstaat Montana) und Minot (North Dakota). Laut den Plänen des Pentagons sollen die ersten GBSD-Raketen 2027 in den Gefechtsdienst genommen werden. Bis 2036 sollen sie ihre Vorgänger vollständig ersetzen.

    Dabei handelt es sich um eine Feststoffrakete mit drei Stufen und einer Reichweite von mindestens 15.000 Kilometern. Die große Reichweite wird dank eines neuen Mix-Kraftstoffs erreicht. Natürlich kommt dabei auch die modernste Hardware zum Einsatz. Die Treffgenauigkeit wird dank der Korrekturen nach dem GPS-Signal deutlich erhöht.

    Die Rakete ist mit einem Mehrfachsprengkopf ausgerüstet. Die GBSD soll mit thermonuklearen W87-Sprengköpfen in der „mod 1”-Version ausgestattet werden. Wie viele es sein werden, ist nicht bekannt, doch die Kapazität jedes Sprengkopfes wird auf 475 Kilotonnen geschätzt. Mit den ersten 300 Kilotonnen schweren W87-Versionen wurden die schweren silogestützten Interkontinentalraketen LGM-118A Peacekeeper ausgerüstet. Sie wurden 1986 in die Bewaffnung aufgenommen und waren bis 2005 im Gefechtsdienst, als die letzten Raketen gemäß START-II-Vertrag ausgemustert wurden.

    Seit einem halben Jahrhundert im Dienst

    Die einzigen aktuellen silogestützten Interkontinentalraketen im Atomarsenal der USA sind die LGM-30G Minuteman III, die seit 1970 im Dienst stehen. Trotz mehrmaliger Modernisierungen gelten die Waffen als veraltet. Die weitere Instandhaltung und Modernisierung ist wirtschaftlich nicht zweckmäßig.

    „Die Verlängerung der Instandhaltung der Minuteman III ist eher weniger vorteilhaft bezüglich der Kosten als GBSD“, sagte der Generalleutnant der US-Luftstreitkräfte, Richard Clark, im Frühjahr vergangenen Jahres. „Bei der Interkontinentalrakete dieses Typs werden Elemente wie Triebwerk, Lenksystem und Kraftstoffsorte sukzessive überholt sein. Die Rakete erwartet dasselbe Schicksal. Für die Modernisierung werden zunehmend mehr Gelder nötig sein.“

    Alle verbliebenen 450 Minuteman-Raketen sind mit einem Monoblock-Kopfteil mit der Kapazität von 300 Kilotonnen ausgerüstet. Die Reichweite liegt bei rund 13.000 Kilometern. Das System zur Überwindung moderner Raketenabwehrsysteme hat sich seit den 1970er Jahren kaum verändert und besteht de facto aus einem Satz von Dipol-Rückstrahlern und einigen Täuschkörpern.

    Sarmat-Rakete kommt früher

    Um Ersatz für die silogestützten Raketen hatte sich das Pentagon lange Zeit nicht viel gekümmert, weil die USA im Fall eines Dritten Weltkrieges immer auf die ballistischen Raketen von U-Booten und Marschflugkörpern der strategischen Fliegerkräfte setzten. So entfällt auf die Trident-II-Raketen der Ohio-Atom-U-Boote mehr als die Hälfte des gesamten Arsenals der nuklearen Abschreckungskräfte der USA.

    In Russland waren bodengestützte Interkontinentalraketen immer das wichtigste Element der Atomtriade – mit den stärksten und meisten Waffen. Es ist nicht verwunderlich, dass das russische Verteidigungsministerium ihrer Modernisierung so viel Aufmerksamkeit widmete. In den vergangenen Jahrzehnten bekamen die strategischen Raketentruppen einige neue Raketen wie mobile und silogestützte Monoblock-Raketenkomplexe Topol-M sowie ihre Weiterentwicklung:Raketen des Typs RS-24 Jars, die 2009 in den Dienst gestellt wurden. Sie können vier Gefechtsköpfe mit einer Kapazität von 300 bis 500 Kilotonnen tragen und 12.000 Kilometer weit fliegen. Dabei verfügen sie über modernste Mittel zur Überwindung von Raketenabwehrsystemen.

    Russlands Raketensystem RS-24 „Jars“ (Archiv)
    © Sputnik / Maxim Blinow
    Russlands Raketensystem RS-24 „Jars“ (Archiv)

    Doch der wahre Durchbruch in der russischen Rüstungsindustrie gelang mit der Rakete RS-28 Sarmat. Diese schweren Raketen sollen die aus der Sowjetzeit stammenden R-36M2 Wojewoda ersetzen. Jede Rakete kann auf das Territorium des wahrscheinlichen Gegners mehr als zehn Gefechtsköpfe abwerfen. Die Reichweite liegt laut verschiedenen Schätzungen bei 16.000 bis 18.000 Kilometern. Die Rakete folgt dem Prinzip des „orbitalen Bombenangriffs“. Die Sarmat-Rakete ist demnach in der Lage, Ziele in den USA, darunter auf suborbitalen Bahnen, über den Südpol anzugreifen – unter Umgehung der stationierten Raketenabwehrsysteme.

    Die neue Rakete wird in den strategischen Raketentruppen deutlich früher in den Dienst genommen  als die künftige Interkontinentalrakete bei den Amerikanern. Laut dem russischen Vizepremier Juri Borissow sollen demnächst die Flugtests beginnen. Wie der stellvertretende Verteidigungsminister Alexej Kriworutschko zuvor mitteilte, sollen die ersten in Serie gefertigten Raketen 2021 in die Bewaffnung gehen. Seit Dezember 2019 bereitet sich die Einheit“Uschurskoje” der strategischen Raketentruppen auf die Indienststellung der Sarmat-Raketen vor.

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    USA, Russland, Interkontinentalrakete, Interkontinentalrakete RS-28 Sarmat, Sarmat, Minuteman, Minuteman-III-Rakete