20:02 05 Dezember 2020
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    Seit ihrem Start Mitte Juni schlagen Bund und Länder die Werbetrommel für die Corona-Warn-App. Vertrauliche Dokumente mit den Entwickler-Firmen zeigen nun: Womöglich hat die Bundesregierung selbst kaum an einen Erfolg geglaubt. Und tatsächlich häufen sich Mängel. Von einem wirksamen Instrument zur Bekämpfung einer Pandemie kann kaum die Rede sein.

    Es ist die beste Corona-App der Welt – das zumindest behauptete Kanzleramtsminister Helge Braun bei ihrem Start Mitte Juni. Und das behauptet er bis heute. Doch schon der eigentlich zwei Monate zu spät kommende Veröffentlichungstermin schmälerte die Erwartungen einer Wirksamkeit. Immerhin: Datenschutzexperten von TÜV-IT oder des Chaos Computer Clubs äußerten nach ihren Tests keine Bedenken. Es bestand quasi eine große Experten-Koalition des Einverständnisses.

    In der Praxis kaum wirksam

    Kritiker sahen jedoch von Beginn an große Defizite bei der App. So schlägt die Warn-App beispielsweise nur an, wenn der Kontakt zu einem Corona-Infizierten, der ebenfalls die App besitzt, mindestens 15 Minuten bei einem Abstand unter eineinhalb Metern andauert. Im Supermarkt gibt es solche Begegnungen nicht, selbst im öffentlichen Nahverkehr kaum. Am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis wäre es denkbar, doch eine Infektion lässt sich dort ohnehin schnell erkennen und nachverfolgen.

    Doch auch in Sachen Datenschutz hat sich der Wind gedreht: Normalerweise sollen Labore die positiven Tests in die Warn-App eintragen, die dann wiederum an den Nutzer weitergegeben werden. Dieser erhält einen QR-Code und kann dann entscheiden, ob er, wiederum anonym, sein positives Ergebnis für andere Nutzer freigeben möchte. Doch dieses Verfahren funktioniert so nicht. Rund ein Drittel der Labore hierzulande sind entweder nicht an das System angebunden oder sie hatten keine QR-Codes vorliegen. Das führte dazu, dass sich positiv getestete Personen namentlich bei einer Hotline melden mussten, um eine TAN-Nummer zu erhalten. Kurzum: Die Anonymität war auf einmal nicht mehr gegeben.

    In der Praxis fehlerhaft

    Ebenfalls wurde bekannt, dass die App stellenweise überhaupt nicht funktionierte. Sie hatte sich nicht automatisch aktualisiert und den Nutzer damit nicht aktiv gewarnt. Wenn die App nur im Hintergrund arbeitete, funktionierte sie nicht. Dieser Fehler wurde lange nicht publik gemacht, obwohl bei Herstellern und Politik bekannt. Schließlich hieß es, es gebe das Problem bei mehreren Millionen Android-Telefonen. Doch es stellte sich heraus, dass auch Millionen iOS-Geräte, also Apple-Smartphones, betroffen waren. Dies führte zu einer skurrilen Bitte der Entwickler: Die Warn-App solle einmal täglich geöffnet werden – im Abstand von 24 Stunden und einer Sekunde. Dann wäre sie zuverlässig.

    Aus Irland kam bereits im Juni eine Studie, die Warn-Apps mit Bluetooth-Technologie ebenfalls in Zweifel zieht. Überprüft wurde Bluetooth in Straßenbahnen. Das vorläufige Ergebnis lässt vermuten, dass die Signalstärke bei metallischen Wänden deutlich leidet. Das würde die Warn-App dann auch in Fernverkehrszügen in Zweifel ziehen. Das Robert Koch Institut verweist auf eigene Untersuchungen, denen zur Folge würden immerhin 80 Prozent der Kontakte korrekt aufgezeichnet. Außerdem sei die irische Studie noch nicht durch andere Forscher überprüft worden.

    In der Praxis lückenhaft

    Fakt ist: Die Corona-Warn-App wurde über 17 Millionen Mal heruntergeladen. Damit ist sie ein echter Download-Erfolg – heißt es. Doch Downloads sind nicht gleich Nutzerzahlen. Wer die App herunterlädt und sie dann wieder löscht, oder das Handy wechselt und dann ein weiteres Mal installiert, hat zwei Downloads verursacht. Die entscheidende Zahl ist aber nicht die Download-Zahl, sondern die Nutzerzahl. Und darüber lassen sich kaum Informationen finden.

    Es ist lediglich bekannt, wie viele TAN-Nummern von Laboren an positiv getestete Nutzer ausgegeben wurden. Die Zahl liegt bei knapp 1.700 Nutzern, welche innerhalb der vergangenen zwei Monate die Chance bekommen haben, ihren positiven Test in ihrer App zu veröffentlichen. Ob sie dies auch getan haben, weiß das Robert Koch Institut aber nicht: Das RKI stellt ausdrücklich fest, dass es diese Information nicht hat und aus datenschutzgründen auch nicht bekommen wird.

    In der Praxis hinter den Erwartungen

    Dem „Handelsblatt“ wurde nun ein interessantes Dokument zugespielt: Es ist der 436 Seiten lange Vertrag zwischen der Bundesregierung und den App-Entwicklern SAP sowie der Telekom-Tochter T-Systems. Die vertraulichen Dokumente beinhalten eine Vielzahl bislang nicht bekannter Informationen. Dazu zählen auch die technischen Annahmen, unter denen die App entwickelt wurde. So heißt es, dass die Warn-App auf maximal 25 Millionen Nutzer ausgelegt ist, darüber käme sie an ihre Kapazitätsgrenzen.

    Dabei hieß es doch seitens Politik und Experten immer wieder, rund 60 Prozent der Bevölkerung müssten die App nutzen, damit diese zuverlässig arbeiten und warnen könne. Doch 25 Millionen Nutzer wären nur rund 30 Prozent der Bevölkerung. Hat das Kanzleramt also selbst nicht damit gerechnet, dass die App zum Download-Kassenschlager wird? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn betont jedoch, dass jeder einzelne Nutzer einen Mehrwert bringe. Auch gebe es die Möglichkeit, die Kapazitäten der App nachträglich noch aufzurüsten.

    In der Praxis zu viele Hürden

    Vertraglich festgelegt ist im Übrigen eine Kapazität von 10.000 Meldungen täglich. Der Höchststand von neuen positiven Tests lag in Deutschland zu extremen Zeiten bei 6.000 pro Tag. Bei einer starken zweiten Welle, die von einigen Beobachtern befürchtet wird, könnte die App also an die vertraglich vereinbarten Kapazitätsgrenzen kommen. Doch dafür müssten erst einmal so viele positive Tests verzeichnet werden, zweitens müssten dann auch alle Labore in der Lage sein, diese Tests in das System einzupflegen. Dann müssten all die positiv Getesteten über die App verfügen und ihre Ergebnisse schließlich auch eintragen. Ein weiter Weg, der nicht sonderlich plausibel klingt. Aber immerhin: Im Ausland hat Deutschland weiterhin den Ruf, über die weltweit beste Corona-App zu verfügen.

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    Tags:
    Jens Spahn, Helge Braun, Bundeskanzleramt, Robert Koch-Institut (RKI), Covid-19, App, Coronavirus