20:51 30 September 2020
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    Es war wie ein Verwertungsprogramm für angehäuftes Privatkapital, dass die Sowjetführung in den 1960ern die Großproduktion eines schicken Kleinwagens für jedermann beschloss. Das Volk sollte ein Auto bekommen, wofür es bereitwillig seine Ersparnisse ausgeben würde. Vor exakt 50 Jahren erhielt der Ur-Lada in einer Ausschreibung seinen Namen.

    Die ersten Vorserienexemplare der neuen Kompaktlimousine waren noch im April 1970 vom Band gelaufen, Ende August war das neue Produktionswerk endlich auf die Serienfertigung vorbereitet – nur ein klingender Name fehlte noch für den VAZ 2101. Der wurde volksweit ausgeschrieben, und das Ergebnis stand am 7. September 1970 fest: „Schiguli“. So heißt das Gebirge am rechten Wolga-Ufer unweit der neuen Autofabrik.

    Die war übrigens gewaltig: Auf 600 Hektar war bis 1970 die größte Produktionsstätte Europas entstanden, mit einer Jahreskapazität von 600.000 Fahrzeugen. 120.000 Menschen beschäftigte das gigantische Autowerk. Allerdings ging der Aufbau nicht ohne fremde Hilfe voran. Die Sowjetführung hatte mit Ford, Renault, Peugeot und Fiat über eine Lizenz für das künftige Volksauto verhandelt; die Wahl fiel letztlich auf den Fiat-124. Das Prädikat „Auto des Jahres“ 1965 sprach für sich, außerdem hatte der Kreml ein gutes Verhältnis zur damals sozialistischen Regierung in Rom.

    Ein revolutionäres Fahrzeug war der Fiat nicht, sondern eine grundsolide schicke Kompaktlimousine. Trotzdem musste der kleine Italiener vor der Produktion in der Sowjetunion noch einen Ausdauerlauf über sich ergehen lassen. Mehrere Exemplare des Fiat-124 wurden kreuz und quer durch die UdSSR gejagt, unter unterschiedlichsten klimatischen Bedingungen auf allen möglichen Straßen von der asphaltierten Stadtautobahn bis zur staubigen Waldschneise.

    Sogleich wurden Veränderungen am italienischen Kleinwagen vorgenommen, eine Russifizierung sozusagen: Die Aufhängung wurde verstärkt, die Scheibenbremse hinten wurde gegen eine schmutzresistente Trommelbremse eingetauscht, das Getriebe wurde überarbeitet, die Karosserie stellenweise stabilisiert und die Bodenfreiheit vergrößert – 800 Nachbesserungen insgesamt, aber äußerlich blieb das Auto nahezu unverändert.

    Auf den Originalmotor von Fiat verzichteten die russischen Ingenieure bewusst und entwickelten ihr eigenes Aggregat mit dem gleichen Hubraum von 1,2 Litern und 64 PS, aber mit einer oben-, statt untenliegenden Nockenwelle. Das war für diese Fahrzeugklasse und die damalige Zeit dann doch schon eine Innovation.

    Die Marke „Schiguli“ erwies sich in der Sowjetunion als derart markant und beliebt, dass alle weiteren VAZ-Modelle bis in die 1980er Jahre hinein so genannt wurden. Dabei war bereits 1973 die Bezeichnung „Lada“ entstanden – ein Tribut an die Exportmärkte, denn für ausländische Käufer stand „Schiguli“ vor allem für einen Zungenbrecher und weniger für einen Kleinwagen, auf den man sich verlassen konnte.

    Den größten Erfolg fuhr der VAZ 2101 auf dem heimischen Markt ein. Der Kleine wurde zum Verkaufsschlager, obwohl mit 5500 Rubel für die damaligen Verhältnisse gar nicht so billig. Ist auch nachvollziehbar, denn für sein Geld bekam der Sowjetbürger ein robustes und zugleich komfortables Gefährt mit einem Hauch von europäischem Chic.

    In den ersten Jahren nach der Auslieferung musste der glückliche Halter nur darauf achten, die Betriebsflüssigkeiten rechtzeitig zu wechseln. Ansonsten musste an dem 2101er – im Unterschied zu anderen sowjetischen Modellen – nichts nachjustiert oder nachgeschmiert werden. Er lief, sofern man denn einen bekam: Wer einen „Schiguli“ bestellte, musste sich auf Lieferzeiten von mehreren Jahren einstellen.

    Vier Jahre nach dem Start der Serienfertigung wurde der 2101er aufgefrischt und den Käufern als 21011 angeboten. Die verchromten Stoßstangen wurden konstruktiv vereinfacht und mit einer Gummibeschichtung versehen, die Rücklichter wurden um eine Rückfahrleuchte erweitert, im Innenraum wurden neue Sitze eingebaut, der Kühlergrill wurde neugestaltet: Ein bescheidenes Facelift. Außerdem erhielt das aufgefrischte Modell einen um fünf PS stärkeren Motor mit 1,3 Litern Hubraum.

    Danach entwickelte VAZ ganze Modellreihen auf der Basis des 21011: vom Kombi 2102 bis zum fast schon edlen 2107. Die Ingenieure versuchten jedes weitere Modell eine Spur komfortabler zu machen, auch wenn die Verbesserungen durchaus spärlich ausfielen.

    Der VAZ 2103 beispielsweise erhielt einen Bremskraftverstärker, einen Drehzahlmesser und eine elektronische Uhr im Innenraum. Die Karosserie wurde mit verchromten Seitenleisten aufgewertet, die Frontpartie kam mit zwei Doppelscheinwerfern daher.

    Besonders wichtig waren den VAZ-Ingenieuren die Exportmodelle. Die Ladas wurden nicht nur an die Ostblockländer geliefert, sondern auch nach Schweden, Österreich, Neuseeland und Kanada. Das Sowjetauto überzeugte auch verwöhnte Kunden im Westen durch niedrigen Preis und technische Zuverlässigkeit. Schließlich wurde jeder Lada nochmal überarbeitet und gründlich durchgecheckt, bevor er ins westliche Ausland ging.

    Bis zum Produktionsschluss 1983 liefen über zweieinhalb Millionen 2101er vom Band. Alles in allem fertigte das Autowerk an der Wolga rund fünf Millionen Fahrzeuge unter der Reihe „Schiguli“.

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    Tags:
    UdSSR, Autos, AvtoVAZ