15:54 30 Oktober 2020
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    Leicht, hochmobil und dabei schwerbewaffnet – russische Fallschirmjäger haben erstmals den Luftlandepanzer BMD-4M getestet, und zwar im Übungseinsatz „Kaukasus 2020“. Die Kampffahrzeuge sind bei der Truppe noch relativ neu, gelten aber bereits als zuverlässig wirksam.

    Die Landung des Regiments aus zehn Luftlandepanzern BMD-4M gelang der „fliegenden Kavallerie“ hervorragend. Die für das neue Kampffahrzeug eigens entwickelten Fallschirmsysteme funktionierten zuverlässig; am Boden angelangt, machten die Besatzungen ihre Fahrzeuge binnen weniger Minuten startklar und stürmten ins (simulierte) Gefecht. Gleich nach der Landung kampfbereit zu sein, ist ja genau das, was den neuen Luftlandepanzer der russischen Fallschirmjäger auszeichnet: Die Konstruktion ermöglicht das Absetzen des luftmobilen Kettenfahrzeugs zusammen mit der Mannschaft an Bord.

    „Leichtpanzer“ wäre auch eine passende Bezeichnung für den BMD-4M. Das Kampffahrzeug ist nicht gerade unterbewaffnet: Das 100-mm-Geschütz mit Ladeautomat als Hauptwaffe (Typ 2A70) trifft Ziele aus sieben Kilometern bei einer Kadenz von bis zu zehn Schuss pro Minute. Die Seitenwand eines modernen Kampfpanzers durchschlägt die Kanone im Flankenangriff. Gepaart ist das 100er Geschütz mit einer 30-mm-Maschinenkanone (2A72) zur Bekämpfung gegnerischer Weichziele auf bis zu vier Kilometer Entfernung. Außerdem mit an Bord: ein 7,62-mm-MG und vier Lenkraketen zur Panzerabwehr (Typ „Arkan“), die über das Rohr der Hauptwaffe verschossen werden.

    Auf der Höhe der Zeit ist auch das Feuerleitsystem. Das Zielfernrohr des Kommandanten verfügt über Entfernungsmesser und Nachtsichtkanal, das des Richtschützen über ein Wärmebildgerät und eine Optik zur Fernsteuerung der Panzerabwehrwaffe. Die Waffenanlage ist zweiachsig stabilisiert, ein ballistischer Rechner und eine Zielverfolgungsautomatik sind vorhanden. Die Einzelkomponenten sind auf der Basis eines Verbundinformationssystems eng verzahnt, zahlreiche Sensoren liefern Daten für ein hochgradiges Situationsbewusstsein.

    Die Wanne des BMD-4M besteht aus Aluminium, der Turm aus Stahl. Die Panzerung schützt gegen Splitter und MG-Beschuss. Einem „dickeren Fell“ hätte die Luftverladefähigkeit geopfert werden müssen. Der Luftlandepanzer ist auch leicht genug, um Wasserhindernisse ohne Hilfsmittel zu überqueren. Der Vielstoffmotor mit 500 PS beschleunigt das Kettenfahrzeug auf bis zu 70 km/h. Eine Tankfüllung reicht für maximal 500 Kilometer. Die hydropneumatische Aufhängung ermöglicht je nach Einsatz und Untergrund eine Bodenfreiheit zwischen 190 und 590 Millimeter.

    „Fallschirmjäger wissen am besten, welches Kampfgerät sie benötigen“

    Der Einsatzzweck des BMD-4M ist hauptsächlich der geschützte Truppentransport hinter den feindlichen Linien, die Bekämpfung von Feuerstellungen, Kampffahrzeugen und Unterständen. 275 Stück dieses Universalgeräts haben die russischen Luftlandetruppen bisher erhalten. Die Serienfertigung läuft seit 2016, die ersten Serienexemplare waren allerdings viel früher fertiggestellt worden. Nur entstanden auf dem Weg zur Serienfertigung des BMD-4M immer wieder unvermutet neue Hürden.

    Beim Vorgängertyp – dem BMD-3 – waren die russischen Luftlandetruppen mit der Bewaffnung unzufrieden. Die Streitkräfte hatten ein Kampffahrzeug mit einem 100-mm-Geschütz gefordert, was sich in den vorgegebenen Gewichtslimits allerdings nicht umsetzen ließ. Der BMD-3 wurde mit einer 30-mm-Kanone an die Truppe ausgeliefert.

    Panzerwagen BMP-3 beim Manöver „Kaukasus 2020“
    © Sputnik / Maxim Blinow
    Panzerwagen BMP-3 beim Manöver „Kaukasus 2020“

    2004 stellte der Entwickler dem russischen Verteidigungsministerium den Nachfolger vor: den BMD-4. Nach zähen Verhandlungen konnten sich der Kunde und die Konstrukteure auf ein Gesamtgewicht von 13,6 Tonnen einigen. Die Vorgängergeneration des Luftlandepanzers war rund eine Tonne leichter, aber ein 100-mm-Geschütz mit dem dazugehörigen Kampfsatz im neuen Fahrzeug ohne Gewichtszuname zu realisieren, war technisch unmöglich.

    Ein Jahr darauf, 2005, stand das Projekt BMD-4 unvermittelt kurz vor dem Aus: Das Fertigungswerk in Wolgograd hatte die Insolvenz angemeldet. Die Produktion musste an den Hersteller des Vorgängermodells – das Werk KMZ in Kurgan – verlagert werden. Dort wurde die Konstruktion des BMD-4 erheblich überarbeitet und formtechnisch an den Landepanzer der Mot-Schützen angepasst. Durch größtmögliche Teilekompatibilität des BMD-4 mit dem BMD-3 konnten zudem der Aufwand und die Kosten der Produktion reduziert werden. 2008 wurde der Prototyp unter der Bezeichnung BMD-4M letztlich der Fachwelt präsentiert.

    Die Beschaffer im Verteidigungsministerium hatten 2000 Stück des neuen Luftlandepanzers für die Armee vorgesehen. Doch die Truppe selbst war von dem neuen Kampffahrzeug alles andere als begeistert: Das niedrige Schutzniveau und die überhöhten Anschaffungskosten waren die Ansatzpunkte der Kritik. Das Verteidigungsministerium erklärte, auf die Beschaffung des BMD-4 zu verzichten, ein Heeresgeneral stampfte das Modell in Grund und Boden – aber die Luftlandetruppen stellten sich schützend vor das Gefährt.

    „Die Erstausführung des BMD-4 war in der Basis unausgereift. Die modernisierte Version, der BMD-4M, stellt uns hingegen absolut zufrieden“, erklärte der Kommandeur der russischen Luftlandetruppen damals. „Schließlich müssen die Fallschirmjäger mit und auf dem Fahrzeug kämpfen. Sie wissen am besten, wie das Kampffahrzeug dafür beschaffen sein muss.“

    Diese Stimme hatte Gewicht – der BMD-4M ging in Serie. Parallel zur Serienfertigung des Luftlandepanzers entstehen weitere Modelle auf dessen Plattform. Beispielsweise der luftmobile Kampfpanzer „Sprut-SDM1“: das starke Stück der russischen Fallschirmjäger zur Bekämpfung starkgepanzerter Technik. Oder die luftverlegbare Haubitze 2S42 „Lotus“ zur Feuerunterstützung der gelandeten Soldaten. 2022 erwarten die russischen Fallschirmjäger zudem ein Flugabwehrsystem auf BMD-4M-Basis.

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    Luftlandetruppen, Russland, BMD-4M