15:25 30 Oktober 2020
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    Die Qualität war passabel, die Fahreigenschaften für die damalige Zeit gerade gut genug, vor allem aber überzeugte der Preis: Für 1800 Rubel konnte der Sowjetbürger in den Individualverkehr einsteigen – so viel kostete der Kleinwagen SAS-965, als dessen erstes Exemplar vor 60 Jahren vom Band rollte.

    Mitte der Fünfzigerjahre fiel in Moskau die Entscheidung, die Sowjetunion mit Kraftfahrzeugen für jedermann zu versorgen. Ein Volksauto gab es in der UdSSR zu dem Zeitpunkt eigentlich schon. Es war der Moskwitsch-402: ein offiziell erschwinglicher, aber den Meisten im Sozialismus doch zu teurer Kleinwagen. Gefordert war ein günstigeres Modell.

    Wie es sein könnte oder sollte, machte das westliche Ausland mit dem Seicento von Fiat oder dem Käfer von Volkswagen vor. Etwas Ähnliches fasste die Sowjetführung ins Auge, doch die Versuche, ein neues Automodell vom Reißbrett auf neu zu entwickeln, misslangen. Die Forschungsanstalt NAMI hatte mehrere Varianten entworfen, die sich im Praxistest freilich als unbequem, unzuverlässig und schlecht steuerbar erwiesen. Ein bewährtes Muster musste als Vorlage her. Es wurde der Fiat 600.

    Moskwitsch-402 in einer Reihe
    Moskwitsch-402 in einer Reihe

    Die Sowjets kopierten den Italiener nicht komplett, sondern übernahmen das Design, die Auslegung mit dem Heckmotor und teilweise die Aufhängung. Gearbeitet wurde in der Sowjetunion im Akkord: Der Prototyp des neuen Kleinwagens entstand im Moskauer Werk MZMA und war 1957 fertig, als Moskwitsch-444.

    Der Standort in der Hauptstadt war jedoch mit der Fertigung anderer Fahrzeuge schon ausgelastet, weshalb die Produktion des neuen Volksautos in die Ukraine verlagert wurde. Eine Fabrik für Landwirtschaftsmaschinen in der Region Saporoschje nahm sich des Kleinen an. Aus dem Moskwitsch-444 wurde so ein Saporoschez, kurz: SAS-965.

    Der Motor des SAS war eine rein sowjetische Entwicklung: Ein luftgekühlter V-förmiger Vierzylinder-Benziner mit 746 Kubikzentimetern Hubraum und 23 Pferdestärken – immerhin doppelt so viel wie beim westlichen Vorbild. Die Leistung genügte, um den 600-Kilogramm-Winzling auf 80 Stundenkilometer zu beschleunigen.

    Bau von SAS-965 in Saporoschje
    © Sputnik / L. Leonow
    Bau von SAS-965 in Saporoschje

    Allerdings wurde der Motor größer als beim Fiat, weshalb der Saporoschez ein markantes Designelement aufwies: die Ausbuchtung im Heck. Die war ursächlich dafür da, dass der Kleine im Sowjetvolk sein Leben lang mit dem Spitznamen „Buckel“ gezeichnet war.

    Ansonsten stand der SAS-965 seinen Klassenbrüdern im Westen in nichts nach, im Einzelnen übertraf er sie sogar. Beispielsweise erhielt er eine unabhängige Radaufhängung: Schraubenfedern hinten, Drehstabfedern vorne. Der Fiat-600 wurde auf harten Blattfedern getragen.

    Vier Personen hatten Platz im zweitürigen SAS mit gut drei Metern Länge. Der Innenraum war minimalistisch eingerichtet und dennoch: die vorderen Einzelsitze waren verstellbar, eine Standheizung und ein Radio wurden ab Werk eingebaut, über Ausstellfenster in den Türen konnte zumindest behelfsmäßig gelüftet werden.

    Nichts für Anspruchsvolle

    Mit einem Stückpreis von 1800 Rubel war der SAS-965 das günstigste Auto in der Sowjetunion. Ein Moskwitsch kostete fast 1000 Rubel mehr, ein Wolga verschlang ganze 5000. Vielen Familien in der Sowjetunion machte der „Buckel“ den Einstieg in den Individualverkehr überhaupt erst möglich und war für viele Sowjetbürger das erste eigene Auto in ihrem Leben.

    Der Niedrigpreis hatte aber auch Negativfolgen für die Qualität und das Fahrvergnügen mit dem SAS. Der Fahrersitz war alles andere als ergonomisch, dem linken Fuß stand der Radkasten im Wege, eine Schallisolierung war kaum vorhanden und das typische Rattern eines luftgekühlten Motors drang penetrant in den Fahrgastraum ein. Der Motor heizte sich auch noch schnell auf im Sommer. Die Hälfte des ohnehin bescheidenen Kofferraums verschlangen der Benzintank und das Ersatzrad – ohne einen Dachgepäckträger kamen SAS-Besitzer kaum aus.

    Urlaubsreisen über hunderte Kilometer mit dem SAS waren eine Zumutung für die Passagiere wie für die Technik. Für die Stadt aber und für Wochenendausflüge aufs Land war der Kleinwagen flink genug. Der „Buckel“ kam erstaunlich gut im Gelände voran: Eine Antriebswelle von der Front zum Heck war ja nicht erforderlich, weil der Motor hinten saß, was die Bodenfreiheit erhöhte. Fuhr sich der Kleine doch mal auf einem Feldweg fest, konnten zwei Mann ihn problemlos wieder freischieben.

    SAS-965
    © Sputnik / Zinkin
    SAS-965

    Der SAS-965 wurde sogar mehrmals überarbeitet, erhielt sozusagen ein Facelifting. Am 1. Oktober 1960 war die Serienfertigung gestartet, schon 1963 wurde die Motorleistung auf 27 und drei Jahre später auf 30 Pferdestärken gesteigert. Aus dem eigentlichen Pkw entstand eine Vielzahl an Sonderfahrzeugen: ein Postauto, ein Pickup zum Beispiel und ein behindertengerechtes Fahrzeug. Eine Ausführung mit aufgewertetem Innenraum und verbesserter Schallisolierung wurde als „Jalta“ exportiert.

    Bis 1969 wurde der „Buckel“ gebaut, insgesamt über 320.000 Mal. Ein Ladenhüter war der SAS-965 mitnichten. Zwar scherzten die Besitzer über den Kleinwagen auch: „Eine halbe Stunde schämen und man ist am Ziel“, aber einen festen Platz unter den Sowjetautos und im Herzen der Sowjetbürger hatte der Saporoschez allemal.

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    Tags:
    Moskwitsch, Saporoschje, Autoindustrie, Autobau, UdSSR, Sowjetunion