16:59 26 November 2020
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    Das Flugboot Be-12 war, als es vor 60 Jahren in der UdSSR zum Erstflug startete, der größte Seefernaufklärer der Welt. Weitere 46 Weltrekorde stellte das Flugzeug im Verlauf seiner Dienstzeit auf. Ein wirksamer Schutz gegen U-Boote der Nato – in dieser Funktion war die Maschine damals im Einsatz und ist es heute noch.

    Testpilot Georgi Burjanow steuerte die Maschine am 18. Oktober 1960 sehr vorsichtig auf dem Erprobungsflugplatz der Flugzeugwerke Taganrog. Es war noch völlig unklar, wie die Be-12 sich unter echten Bedingungen in der Luft verhalten würde. Zwar hatte die UdSSR bereits Erfahrung in Bau und Betrieb von Flugbooten: Ein Kollektiv unter der Leitung des Flugzeugkonstrukteurs Georgi Berijew hatte für die Sowjetmarine vorher die Be-6 und Be-10 entwickelt. Doch die „Zwölf“ unterschied sich konstruktiv deutlich von den Vorgängerinnen. Testpilot Burjanow brachte die Maschine ordentlich in die Luft. Rund anderthalb Stunden dauerte der Jungfernflug und bestätigte, dass die Stabilität und Steuerbarkeit der Be-12 ungefähr im Normbereich lagen.

    Wie wichtig es war, spezialisierte Wasserflugzeuge zur U-Boot-Jagd in der Nutzung zu haben, hatte die Führung der Sowjetmarine im Zweiten Weltkrieg erkannt. Die amerikanische Navy setzte die PBY „Catalina“ damals sehr erfolgreich zum Schutz transatlantischer Schiffskonvois ein. Mit bis zu zwei Tonnen Wasserbomben an Bord war die „Catalina“ eine starke Bedrohung für jedes deutsche U-Boot.

    Dem amerikanischen Muster war das erste sowjetische Amphibienflugzeug – die Be-6 – in vieler Hinsicht ähnlich. Sie zu ersetzen, war die Bestimmung der Be-12. Fünf Jahre vergingen nach dem Erstflug im Oktober 1960, bis die neue Maschine in Dienst gestellt wurde. Insgesamt 143 Exemplare wurden seitdem gebaut und an alle sowjetischen Flotten verteilt – ausgenommen die Kaspische Flottille, denn dort war keine Bedrohung durch Nato-U-Boote gegeben.

    Vier Maschinen nutzt die russische Marine noch heute. Stationiert sind alle vier Be-12 auf dem Fliegerhorst Katscha auf der Krim. Zuverlässigkeit und konstruktive Anspruchslosigkeit machen die Maschine auch 60 Jahre nach dem Erstflug noch einsatzfit. Erst kürzlich waren die Be-12 nebst anderen Flugzeugen der russischen Schwarzmeerflotte in die Großübung „Kaukasus 2020“ eingebunden. Im Verbund mit Abwehrhubschraubern Ka-27PL simulierten die Wasserflugzeuge eine U-Boot-Jagd.

    Atomar bestückte Amphibien

    Ausgelegt ist die Be-12 als Hochdecker mit zwei je 5180 PS starken Propellerturbinen. Die Tragflächen sind somit über dem Rumpf angeordnet, darauf die beiden Motoren – damit bei Starts und Landungen kein Wasser hineingerät. Mit maximal 550 Stundenkilometern fliegt die Be-12 in den Einsatz, mit 320 Stundenkilometern patrouilliert sie im Einsatzgebiet. Für eine U-Boot-Jagd ist dieses Marschtempo mehr als ausreichend.

    Eine Besonderheit der Be-12 ist der Rumpf in Form eines zweistufigen Gleitboots, aufgeteilt in zehn wasserdichte Sektionen. Das Flugzeug hält sich selbst dann noch über Wasser, wenn zwei dieser Sektionen mit Wasser vollgelaufen sind. Bis zum Seegang der Stärke 3 ist die Be-12 wasserstart- und landefähig. Gerade diese Fähigkeit ist der große Vorteil der Amphibienflugzeuge im Patrouilleneinsatz: Sie können lange Zeit direkt auf dem Wasser stationiert und von Versorgungsschiffen betankt werden. Außerdem ist die Be-12 anspruchslos genug, um auf Graspisten starten und landen zu können.

    Die maximale Reichweite beträgt bei vollen Tanks 4000 Kilometer. Normalerweise wirkt die Be-12 jedoch in einem Einsatzradius von 600 bis 650 Kilometern. Das Lagebild im Einsatzgebiet erstellt der Seefernaufklärer hauptsächlich mittels der Sonarbojen. Davon hat die Maschine 90 Stück an Bord.

    Ist ein Ziel entdeckt, setzt die Mannschaft die Be-12 selbstständig darauf an und bekämpft es mit Wasserbomben PLAB-50 oder PLAB-250. Auch mit Torpedos ist das Flugzeug bewaffnet. Zu Sowjetzeiten existierte die Spezialversion Be-12SK: bewaffnet mit atomaren Wasserbomben zur Bekämpfung von Zielen in bis zu 500 Metern Tiefe. Aber auch für Überwasserschiffe und Marineverbände war die Sonderversion der Be-12 eine Waffe zum Fürchten.

    In den 1980er Jahren plante die Sowjetführung einen Ersatz für die Be-12, wiederum durch Amphibienflugzeuge, diesmal des Typs A-40 „Albatros“. Die strahlgetriebene und deshalb bis zu 800 Stundenkilometer schnelle Maschine erreichte Einsatzhöhen von bis zu 13 Kilometern und konnte mit einer Waffenlast von bis zu sechseinhalb Tonnen einen ganzen Tag lang im Einsatzgebiet patrouillieren.

    Mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde das Projekt abgebrochen. Nur zwei Maschinen waren bis dahin fertiggestellt worden. Erst 2018 erklärte die Flugzeugbauholding UAC, man arbeite daran, die Produktion der A-40 wiederaufzunehmen. Das Flugzeug soll allerdings mit neuester Sensorik, Elektronik und Bewaffnung ausgerüstet werden. Eine kleine Version der A-40 – die Be-400 – ist heute bereits im Einsatz, jedoch auf ganz anderem Gebiet: Der russische Katastrophenschutz nutzt die Maschine, um Waldbrände zu löschen und Menschen aus Notlagen zu retten.

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    Tags:
    Russland, Berijew Be-12, Be-12, Amphibienflugzeug, U-Boot-Jäger, U-Boot