05:57 03 Dezember 2020
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    Eine Software nimmt einem Panzerkommandanten so viel Arbeit ab wie nur möglich und kürzt dadurch die Reaktionszeit zwischen Zielerkennung und Zielbekämpfung auf ein Drittel. ATLAS heißt diese Technologie. Die Entwickler vom Pentagon versprechen, der Kampfpanzer „Abrams“ könne damit zum russischen „Armata“ aufschließen.

    Kampfpanzer sind immer leistungsfähiger, immer besser geschützt, immer stärker bewaffnet, immer fortschrittlicher digitalisiert. Nur in einem sind die Kampfkolosse von heute so wie ihre Vorgänger vom Zweiten Weltkrieg: Die Ziele auf dem Schlachtfeld bestimmt immer noch der Kommandant. Er sagt dem Richtschützen, wohin zu schießen ist. Der richtet das Geschütz, misst die Entfernung und eröffnet auf Kommando das Feuer. Ein aus der Sicht amerikanischer Strategen veralteter Ablauf.

    Stattdessen soll in Kampfpanzern eine Software walten, die von den Digitalisierungsspezialisten der US-Armee, dem Zentrum C5IRS, entwickelt wird: ein System zur optimierten Zielerfassung und Erhöhung der tödlichen Trefferquote oder „Advanced Targeting and Lethality Aided System“ – ATLAS.

    „ATLAS wird es unseren Panzersoldaten ermöglichen, mehrere Ziele in der Zeitspanne zu bekämpfen, die heute zur Bekämpfung eines einzigen Ziels benötigt wird“, erklärte der projektverantwortliche US-Beamte vor Journalisten. „Die Automatik wird den Menschen zwar nicht ersetzen, aber erheblich entlasten. Die Entscheidung – schießen oder nicht – trifft weiterhin der Panzerkommandant.“

    Automatisierte Zielerkennung

    Das Militär hat die Möglichkeiten des ATLAS vor wenigen Tagen in den USA auf einem „Griffin“-Panzer mit einer 50-mm-Maschinenkanone vorgeführt. Folgendermaßen funktioniert es: Wird das System hochgefahren, scannen optronische und Infrarotsensoren auf dem Panzerturm durch Drehbewegungen die Umgebung; die Daten laufen in einem Zentralprozessor zusammen; das selbstlernende Programm identifiziert unter Anwendung von Algorithmen automatisch die Ziele, erkennt die Art des Ziels, ermittelt die Entfernung bis zum Objekt und dessen Geschwindigkeit.

    Die Informationen werden auf dem Steuerungsbildschirm des Kommandanten visualisiert: links stehen die Ziele als Icons in einer Spalte, mittig erscheint das vom Geschütz übertragene Lagebild. Der Kommandant hat nur auf das passende Icon zu tippen, den Rest erledigt das Programm: den Turm drehen, die Waffe ausrichten, die Entfernung ermitteln, die Flugbahn berechnen, die passende Munitionssorte und den geeigneten Feuermodus vorschlagen. Der Mensch drückt nur noch den Knopf. Ist das Ziel getroffen, wählt der Kommandant auf seinem Display das nächste Ziel aus – der Ablauf beginnt von vorn.

    Nach Einschätzung des US-Militärs wird ATLAS die Zeit von der Zielortung bis zur Zielbekämpfung auf ein Drittel reduzieren. Noch aber ist das System unausgereift und wird im Moment von circa 40 Panzerbesatzungen getestet. Erprobt wird eine Systemversion für mittelschwere Waffen (ATLAS-MC), eine Ausführung für Panzergeschütze ab 120 Millimeter soll jedoch folgen.

    Neuronaler Verbund

    Die Fachleute vom C5ISR betonen: Das Kernstück des ATLAS ist eine starke KI. Die Künstliche Intelligenz werde einen russischen BTR von einem BMP oder einen T-80 von einem T-90 exakt unterscheiden können ebenso wie einen Soldaten mit einer Panzerfaust von einem Scharfschützen mit einem Gewehr.

    Später soll das System auch bei den Luftstreitkräften Anwendung finden. Die Forschungsstelle des Pentagons, DARPA, hat im Juli dieses Jahres die Entwicklung einer Technologie ausgeschrieben, die es den Drohnen ermöglichen soll, mobile Ziele am Boden zu erkennen und deren Typ zu identifizieren. Die KI wird dabei auf einen ausführlichen Datensatz von 3D-Modellen zurückgreifen können: Erkennt die Drohne einen Panzer im Einsatzgebiet, vergleicht sie ihn mit den dreidimensionalen Abbildungen in ihrer Datenbank und sucht das passende Muster aus.

    Aber auch dieses System ist noch lange nicht einsatzreif und wirft Fragen auf, vor allem hinsichtlich der Erkennbarkeit der Zielobjekte. Schließlich können sich Kampffahrzeuge desselben Typs durch modulare Ausrüstung äußerlich erheblich voneinander unterscheiden.

    Die Anwendung der KI in Land-, See- und Luftkampfsystemen dient als Grundlage für das amerikanische Konzept der „Mosaischen Kriegsführung“ („Mosaic Warfare“) mit dem Ziel einer größtmöglichen Automatisierung der Kampfhandlungen und des massiven Einsatzes unbemannter Systeme im Verbund mit dem Menschen.

    „Künstliche Intelligenz ist in der Tat eine vielversprechende Technologie“, erklärt Militärexperte Michail Chodarenok im Sputnik-Gespräch. „Algorithmen, die im Kampfpanzer den Richtschützen überflüssig machen, sind nur ein Anwendungsbeispiel von vielen. Denkt man die Technologie weiter, so könnte es wirklich dazu kommen, dass die KI das Kriegswesen so revolutioniert, wie es einst das Schießpulver getan hatte. Ich wage die Prognose, dass ein Land im Besitz einer volleinsatzfähigen KI keine Soldaten mehr benötigen wird. Kämpfen wird die Automatik.“

    Die ATLAS-Entwickler erklären derweil, ihr System werde die „Abrams“-Panzer zur Bekämpfung des russischen T-14 „Armata“ befähigen. Eine strittige Ansage. Der russische Kampfpanzer ist dem amerikanischen Kampffahrzeug technisch eine Generation voraus, ist besser geschützt und kann Ziele mittels elektronischer Systeme aus Entfernungen erfassen, aus denen die bisher bekannten Nato-Panzer ihn nicht treffen können.

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    Tags:
    Pentagon, US-Militär, USA, Kampfpanzer, Panzertechnik