Roman Neustädter, Spieler der russischen Fußball-Nationalmannschaft (Archiv)

EXKLUSIV: Russland-Nationalspieler Roman Neustädter: „Fußball-WM wird Riesenereignis“

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Er spielte lang in der Bundesliga. Seit Sommer 2016 ist er russischer Fußball-Nationalspieler: Roman Neustädter (29). Der Russlanddeutsche spricht im Exklusiv-Interview mit Sputnik über die Weltmeisterschaft (WM) 2018 im eigenen Land, sportliche Ziele, seine Familie, die Sport-Jugend in Russland – und: schöne „Gefahren“ für Fußballer.

Herr Neustädter, Sie sind deutscher Fußballspieler, haben in der Bundesliga gespielt. Wurden in der Ukraine geboren und sind russischer Nationalspieler. Macht Sie das stolz? Und: Wie groß ist die Vorfreude auf die Heim-WM 2018?

Ich wurde quasi in der Sowjetunion geboren, was jetzt danach die Ukraine geworden ist. Bin dort aufgewachsen. Dann nach Deutschland gekommen. Aber natürlich weiß ich, wo ich herkomme. Und weiß auch, dass in Russland meine Wurzeln sind. Meine Großeltern leben noch da. Mein Onkel, meine Tante, meine Cousinen. Ich habe schon noch sehr, sehr viel Bezug dahin.

Es macht mich mega-stolz, für mein Heimatland zu spielen. Die Vorfreude, glaube ich, die steigt mehr und mehr. Trotzdem ist man immer noch sehr fokussiert jetzt im Moment auf seinen Verein und seine eigenen Leistungen, dass man dann dabei ist. Aber bei den letzten Spielen mit der Nationalmannschaft hat man schon gesehen, dass immer mehr und mehr Fans kommen und dass die Euphorie größer wird. Man sieht auch, dass die Stadien jetzt fast alle fertig sind. Man merkt schon, dass die Euphorie steigt. 

Also das russische Fußball-Volk ist im WM-Fieber, würden Sie sagen?

Ja, total. Ich glaube, das wird eine Riesensache für das ganze Land und auch für die ganze Welt, die Weltmeisterschaft in Russland zu haben. Ich kann wirklich nur Jedem empfehlen, wenn er die Möglichkeit hat, dann soll er versuchen zu kommen. Weil es ein Riesenereignis sein wird.

Neustädter beim ersten Spiel für die ‘Sbornaja’ gegen die Tschechische Republik im Juni 2016.
Neustädter beim ersten Spiel für die ‘Sbornaja’ gegen die Tschechische Republik im Juni 2016.

Sie spielten in der Bundesliga lange für Borussia Mönchengladbach, auch für Schalke 04. Aktuell stehen Sie in der Türkei bei Fenerbahçe Istanbul unter Vertrag. Sagen Sie mal: Käme für Sie auch ein Wechsel zu einem russischen Klub infrage? Theoretisch?

Ja, man soll nie Nie sagen. Aber im Moment fühle ich mich so richtig wohl in Istanbul. Diese Saison spiele ich auch immer, bin Stammspieler. Es läuft auch relativ gut. Jetzt haben wir die Rückrunde vor uns. Soweit denke ich noch nicht. Aber klar kann man sich das vorstellen, in seinem Heimatland irgendwann mal zu spielen. Aber momentan bin ich total happy hier in Istanbul und fokussiere mich hier nur auf den Verein.

Klar, verständlich. Herr Neustädter, träumen Sie manchmal vom 15. Juli 2018, dem Tag des Endspiels der WM in Russland? Oder anders gefragt: Wie weit kann denn Ihre russische Mannschaft kommen? Der Kicker-Chefredakteur sagte im Interview mit uns, er sehe Russland „mindestens im Viertelfinale“ …

Also geträumt habe ich das noch nicht. Weil es ist noch sehr weit weg. Aber wichtig für uns wird sein, einfach gut vorbereitet zu sein für die Weltmeisterschaft. Und auch die Gruppe zu gewinnen. Um die ganze Atmosphäre und Euphorie mitzunehmen und dann natürlich so weit zu kommen wie möglich. Das ist auf jeden Fall unser Ziel.

Welche Nationalmannschaften sind denn – neben Russland – die Top-Favoriten bei der WM?

Deutschland. Meiner Meinung nach auch Frankreich. Spanien gehört auch immer dazu. Ich denke mal, die drei gehören mit zu den Favoriten.

Wenn wir jetzt mal von Ihnen absehen, wer sind denn die besten Spieler in der „Sbornaja“, der russischen Nationalelf?

Unser Kapitän und Torwart, Igor Akinfejew. Fjodor Smolow als Stürmer. Und Alexander Kokorin.

Im Sommer 2017 fand die WM-Generalprobe, der „Confed Cup“ in Russland statt. Ihr Team ist leider schon in der Vorrunde ausgeschieden. Welche Lehren haben Sie da gezogen für die Heim-WM? Hat das irgendwie einen Lern-Effekt gehabt?

Ja, natürlich. Ich glaube, sehr viel sogar. Man hat gesehen, dass wir mit den großen Nationen mithalten können. Und dass es auf diesem Niveau auf sehr viele kleine Details ankommt. Ob man ein Spiel gewinnt oder ausscheidet, verliert. Auf jeden Fall waren es nur kleine Details, kleine Fehler oder kleine Dinge, die dazu geführt haben, dass wir ausgeschieden sind.

Ich hoffe, dass das uns Erfahrung gibt und dass wir das bei der Weltmeisterschaft besser machen können. Weil wir durch den Confed Cup Erfahrungen gesammelt haben und uns schon mal beweisen durften, beweisen konnten gegen gute Fußball-Nationen.

Roman Neustädter, Spieler der russischen Fußball-Nationalmannschaft
Roman Neustädter, Spieler der russischen Fußball-Nationalmannschaft

Ich möchte ein wenig auf diese aktuelle Doping-Debatte eingehen. Was würden Sie denn Kritikern entgegnen, die meinen, man sollte als Sportler überhaupt nicht in Russland spielen, um auch ein politisches Zeichen zu setzen? Wie sehen Sie diese ganze aktuelle Doping-Diskussion?

Zur Politik kann ich mich sowieso nicht äußern. Das mache ich auch nicht. Das ist nicht meine Sache.

Also, ich bin mit Doping noch nie konfrontiert worden. Auch nicht in Russland, wenn ich da bei der Nationalmannschaft war. Also kann ich für die Fußballer sprechen: Da habe ich selbst nie etwas mitbekommen. Da läuft alles reibungslos ab. Und bei den anderen Sportarten, da bin ich leider kein Teil davon.

Nun eine schmunzelnde Frage: Eine große Gefahr für die Fußballer sind die russischen Frauen. Wie planen Sie persönlich – und auch das russische Team – die ganzen Schönheiten zu umgehen?

Wir sind immer ganz gut abgeschottet in unserem eigenen Team-Hotel, immer außerhalb von der Stadt. Dass wir da schön fokussiert bleiben. Im Endeffekt liegt der Fokus auf den Fußball, und das ist das Wichtigste in der Zeit.

Wenn Sie in Russland bei der WM Spielpausen haben: Werden Sie da auch Familie und Freunde besuchen? Gibt es diese Möglichkeit?

Ich werde versuchen, meine Großmutter zu sehen. Und meine Cousinen. Die waren jetzt auch bei meinen letzten Spielen. Da habe ich sie aber leider nicht sehen können, weil wir direkt nach den Spielen weitergeflogen sind in die andere Stadt zum nächsten Spiel. Aber ich hoffe, dass es dieses Mal klappt.

Ihre Einschätzung: Was läuft im russischen Fußball – also Liga und Verband – gerade gut? Was läuft weniger gut?

Ich habe nie in Russland gespielt. Aber ich denke, man sieht, dass immer mehr Jungs begeistert werden für den Fußball. Immer mehr und mehr. Und die Vereine, die haben jetzt sehr gute Akademien bekommen über die letzten Jahre. Die Jugendarbeit ist gut geworden. Es kommen in Russland im Moment viele gute junge Spieler raus. Ich glaube, auch durch die Akademien bedingt.

Das einzige Manko, was ich überhaupt kenne, ist, dass es zu spät kam im Vergleich zu anderen Ländern. Wie früher Deutschland, Holland, Belgien. Dass die uns da vielleicht ein paar Jahre voraus waren. Aber man sieht schon, dass eine Entwicklung in Russland stattfindet. Und ich hoffe, dass das auch so weitergeht.

Würden Sie sagen, dass Fußball in der russischen Jugend dem Eishockey mittlerweile den Rang abläuft? Oder ist das zu weit gegriffen?

Das kann ich nicht einschätzen, weil ich nicht immer dort bin. Aber ich sehe auch, dass viele meiner Jungs in der Nationalmannschaft sehr Eishockey-begeistert sind und sehr viele Spiele schauen. Also man merkt schon, dass die Begeisterung für andere Sportarten sehr, sehr groß ist.

Russland ist halt auch eine große Sport-Nation. Letzte Frage: Was wünschen Sie sich für alle Beteiligten zur Heim-WM 2018 in Russland?

Ich wünsche mir, dass die WM reibungslos abläuft. Dass jeder Spaß haben wird. Dass die Leute sich freuen können auf ein tolles, schönes Land mit sehr viel Historie. Und dass sie das einfach genießen sollen und ihre Eindrücke, die sie dort sammeln, niemals vergessen werden.

Alexander Boos

Das komplette Interview mit Roman Neustädter zum Nachhören:

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