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    Zwei-Klassen-Gesellschaft in Russland macht Arme mutlos - "Gazeta.Ru"

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    MOSKAU, 24. Juni (RIA Novosti). Beinahe 40 Prozent der Russen halten sich für arm, fast die Hälfte haben nach eigenen Angaben niemals in Wohlstand gelebt, schreibt die Internetzeitung "Gazeta.Ru" am 23. Juni.

    Laut Experten ist der Anteil der Armen um die Hälfte geringer. Eine dermaßen niedrige Einschätzung ihres sozialen Stands sei Folge der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. Doch auch vermeintliche Armut sei für das Land gefährlich.

    Die "armen" Menschen sind gleichmäßig über das Land verteilt: Ihr Anteil ist gleich, egal ob es sich um Moskauer oder Landbewohner handelt. Die finanzielle Lage hängt auch nicht vom Alter ab: Unter den jungen Menschen halten sich 15 Prozent, unter den Betagten 19 Prozent für arm.

    "Eine Zahl wie in den 90er Jahren", sagt erschrocken Olga Kusina, Generaldirektorin der Nationalen Agentur für finanzwissenschaftliche Studien, in ihrem Kommentar zu den Umfrageergebnissen des Meinungsforschungsinstituts "Öffentliche Meinung".

    Diese Ergebnisse widersprechen den Statistiken, laut denen der Wohlstand der Russen zunehme. Im Januar bis Mai 2008 stiegen die verfügbaren Einnahmen der Bevölkerung gegenüber den gleichen Vorjahresmonaten um 9,4 Prozent, errechnete Rosstat (russischer Statistikamt). Laut Schätzungen von Fachleuten ist der wahre Stand der Armut im Lande niedriger, als die Umfrage aufzeigt, dennoch ist zu groß genug. "Nach unseren Berechnungen machen die wirklichen Armen in unserem Lande 15 bis 20 Prozent aus", stellt Kusina fest. Igor Poljakow, führender Experte des Zentrums für makroökonomische Analyse und kurzfristige Prognosen, spricht in diesem Zusammenhang von 18 Prozent.

    Dass die Bürger ihren Lebensstandard zu niedrig einschätzen, hängt mit der wachsenden Differenzierung der Gesellschaft zusammen. 2005 machten die Einkünfte von zehn Prozent der Reichsten das 15,2-fache der 10 Prozent der Ärmsten aus, 2006 war es bereits das 16-fache und 2007 das 16,8-fache, gibt Poljakow zu bedenken.

    "Von großem Einfluss sind das Fernsehen und die unverhüllte Zuschaustellung des Wohlstands. Bekanntlich steigt die Zahl der Selbstmorde nicht während einer Krise, sondern beim beginnenden Aufstieg. Im Ergebnis können die Menschen einfach nicht so reich werden, um ihre von Tag zu Tag wachsenden Ansprüche einzulösen", sagt Kusina.

    Aber selbst eine solche, nicht absolute, sondern relative Armut ist für den sozialökonomischen Zustand der Gesellschaft gefährlich. "Ein solches Missverhältnis droht dem Lande, dass die Bevölkerung 'den Mut verliert' und keine Möglichkeiten für eine Verbesserung des eigenen Lebens sieht. Mit solchen Bürgern, bei denen 'der Funke in den Augen erloschen ist', besteht wohl kaum die Möglichkeit, das Bruttoinlandsprodukt zu erhöhen und überhaupt das Land auf den 'innovativen' Entwicklungsweg zu führen", so Dmitri Baranow, Experte der Treuhandgesellschaft Finam Management.

    "Die zunehmende Ungleichheit wird zur Verlangsamung des Wirtschaftswachstums führen. Es wird keine dauernde beständige Entwicklung der Verbrauchernachfrage geben, die soziale Struktur wird stagnieren. Die Mittelschicht wird keine Unterstützung bekommen, demnach werden vom Wachstum nur die Reichen profitieren", folgert Poljakow.