19:09 27 November 2020
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    Die EZB will Staatanleihen massiv kaufen, um die Wirtschaft im Euroraum anzukurbeln, doch russische Experten haben ihre Zweifel am Erfolg der Maßnahme. Zunächst müssten Probleme der EU-Randländer gelöst werden, sonst verfehlt das geplante Quantitative Easing (QE) sein Ziel, so das Argument. Die Lage wird durch die Griechenland-Wahl verkompliziert.

    „Der Start des QE-Programms ist zweifelsohne eine Frage der nächsten Zukunft. Die Maßnahme spiegelt allerdings die allgemeine Schwäche des Wirtschaftswachstums im Euroraum wider“, sagte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank in Russland, Jaroslaw Lissowolik.

    Die russische Zeitung „Nowyje Iswestija“ zitierte ihn am Mittwoch weiter mit den Worten, die aktuellen Herausforderungen für den Euroraum seien dermaßen ernst, dass die Europäische Zentralbank (EZB) zu extremen Maßnahmen bereit sei, um die Gefahr einer Deflation zu reduzieren und das Wirtschaftswachstum monetär zu stimulieren.

    „Ich denke, die Folgen des QE-Programms werden ungefähr den Geschehnissen in den USA ähneln, wo solche Maßnahmen im Prinzip erfolgreich funktioniert haben. Im der EU sind allerdings strukturelle Disproportionen in der Wirtschaft stark ausgeprägt. Um dem europäischen QE-Programm einen Erfolg zu sichern, müssen vor allem Probleme der peripheren Länder Europas gelöst werden“, so Lissowolik.

    Viktor Supjan, Professor an der in Moskau ansässigen Higher School of Economics, erläuterte im Gespräch mit der Onlinezeitung Gazeta.ru: „Bei dem Quantitative Easing handelt es sich eigentlich um einen Anleihekauf, für welchen Geld zusätzlich gedruckt wird. Diese Geldspritzen sollen, wie erwartet, die Wirtschaft ankurbeln.“ 

    Die US-Notenbank Fed hatte ihr ähnliches Programm im März 2009 gestartet, um die damalige Bankkrise zu bremsen. Laut Supjan wollte man dadurch die Bankbilanzen sanieren, um mehr Kredite für die Realwirtschaft zu ermöglichen und neue Arbeitsplätze in diesem Sektor zu schaffen.

    Andrej Kotschetkow, Analyst der russischen Bank Otkritie, sieht allerdings eher schwarz für das europäische QE-Programm. Es gehe um keine unmittelbare Unterstützung für die EU-Wirtschaft, so das Argument.

    „Bisher hat die EZB die Geldmittel für die Banken billiger gemacht, damit diese Banken den Menschen wiederum Kredite gewähren. Nun will die EZB Staatsanleihen kaufen, was diesen Staaten ermöglichen soll, ihre Ausgaben zu erhöhen. Die Kreditlast mancher Staaten ist jedoch ziemlich kritisch. Ein Anleihekauf wird deshalb kaum helfen. Nötig wären effizientere Maßnahmen, um die Geldmittel im Euroraum umzuverteilen“, kommentierte Kotschetkow für Gazeta.ru.

    Wie die russische Zeitung „Wedomosti“ am Mittwoch feststellt, wird die Situation durch die griechische Parlamentswahl am kommenden Sonntag zusätzlich verkompliziert. Laut Umfragen ist die linkspopulistische Syriza-Partei ein Favorit – und sie will auf die Sparmaßnamen verzichten, die Griechenland zuvor als Bedingung für die EU-Hilfe beschlossen hatte.

    Dass die EZB zum Anleihekauf greifen will, hatte kürzlich der französische Präsident François Hollande angekündigt. Die Maßnahme helfe voraussichtlich der EU-Wirtschaft im Allgemeinen und beschleunige das Wachstum des französischen Bruttoinlandsprodukts im Besonderen, so Hollande. Insgesamt sollen Anleihen von EU-Staaten im Gesamtwert von 550 Milliarden Euro gekauft werden, so die Prognosen.

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