11:14 06 Juni 2020
SNA Radio
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    117319
    Abonnieren

    Unsere Gemeinschaftswährung steht unter einem massiven Abwertungsdruck, zumindest wenn man US-Prognosen Glauben schenken mag. Doch ist der Euro tatsächlich bald weniger wert? „Die Suppe wird nicht so heiß gelöffelt, wie uns das Goldman Sachs oder die Deutschen Bank glauben lassen“, sagt der Chefanalyst der Bremer Landesbank, Folker Hellmeyer.

    Die Analysten der US-Investmentbank Goldman Sachs sagen voraus, dass Ende 2017 der Euro nur noch 0,85 Dollar wert sein wird, Tendenz fallend. Eine klar falsche Prognose, so Hellmeyer im Gespräch mit RIA-Novosti-Korrespondent Marcel Joppa: "Das sind Prognosen von Großbanken, die ein sehr angelsächsisch-amerikanisches Grundverständnis haben. Und ich teile diese Prognose nicht, weil man mit sehr oberflächlichen Analysen zu dieser Prognose kommt. Fakt ist, dass die USA keine Strukturreform gemacht haben.“

    Eurozone rutscht in die Deflation
    © REUTERS / Kai Pfaffenbach

    „Fakt ist, dass sich seit rund vier Monaten die US-Konjunktur dynamisch abschwächt. Was in den Medien aber kaum berichtet wird. Wir haben eine nachhaltige Schwäche auch bei den Konsumenten in den USA. Und der Unterschied zur Eurozone ist, dass wir zwar geringeres Wachstum haben, aber nachhaltigeres Wachstum“, so der Experte.

     Deshalb prognostiziert Hellmeyer eher stabile Zeiten im Euroraum: „Wir haben die stringentesten Reformen in der Eurozone durchgesetzt. Wir sehen, dass durch die Reformen Spanien, Portugal, Irland ganz vorne in der Wachstumsstatistik sind. Auch in den kommenden Jahren gehe ich davon aus, dass durch die Strukturreform wir eine viel nachhaltigere und stabilere Entwicklung sehen werden, als in den USA. Die USA sind konjunkturell auf keinem guten Weg."

    Seit 2008 sind die mittleren Einkommen in den USA laut Hellmeyer um 2,5 Prozent nominal gestiegen. Gleichzeitig ist die Verschuldung der privaten Haushalte um 18,5 Prozent gewachsen: „Wir haben heute eine viel kritischere Situation, als vor der Lehman-Krise. 70 Prozent der US-Wirtschaft hängen am Konsum. Diese Ungleichheit in den USA, dieses elitäre Demokratie- und Wirtschaftsverständnis dort führt dazu, dass die Kaufkraft der Mittelschicht abgetragen wird und damit eben auch das Geschäftsmodel der USA nicht so funktionieren kann, wie es heute in den Medien immer noch dargestellt wird. Auch in vielen Analysen, die grundsätzlich Amerika-freundlich sind."

    Die US-Notenbank hat am Mittwoch eine Zinswende in den USA angekündigt, die FED rechnet also mit einer baldigen Leitzinserhöhung. Hellmeyer sieht das skeptisch: "Wir werden keine wirkliche Zinswende in den USA sehen. Weil aufgrund der erhöhten Verschuldung im Verhältnis zu den Einkommen eine Zinswende faktisch gar nicht möglich ist. Die nachhaltige Kraft in der US-Wirtschaft gibt das nicht her. Und wenn wir das aktuelle Statement der USA sehen, wo sie die Wachstumsprognosen nach unten korrigieren, wo sie von einer moderaten Schwäche sprechen, ist das eigentlich eine ausgeprägte Schwäche."

    Verantwortlich für den billigen Euro ist laut vielen Experten die aktuelle Geldschwemme der Europäischen Zentralbank. Doch laut Hellmeyer muss man hier klar differenzieren: "Fakt ist, die EZB geht einen aggressiven Weg. Aber auch diese Geschichte muss eingeordnet werden. Wir haben bei der EZB von 2011 bis 2014 eine Reduktion der Bilanzen um 30 Prozent, in der gleichen Zeit werteten die USA um 40 Prozent auf. Dennoch ist die EZB immer noch die konservativste Zentralbank im westlichen Umfeld. Im Vergleich zur Federal Reserve, zur Bank of England und zur Bank of Japan. Das darf man nicht vergessen."

    Vor einem Wertverlust des Euros muss man sich laut Hellmeyer in Europa also vorerst keine Sorgen machen: "Messen wir das ganze über die Verbraucherpreise, im Moment gewinnt die Kaufkraft des Euros. Das heißt, im internen Verkehr ist der Euro eine extrem stabile Währung. Der Euro ist mal eingeführt worden bei 1,15 Dollar. Davon sind wir jetzt gerade mal 8 Cent entfernt. Das ist nicht dramatisch. Also ich sehe hier keinen Verfall der Eurozone, ganz im Gegenteil. Wenn wir hier weise Wirtschaftspolitik machen, auch in Richtung China und Russland, dann werden wir hier in der Eurozone viel mehr davon profitieren. Und ich wünsche mir hier eben auch eine Entspannung in diesen Verhältnissen und ich erwarte sie auch mittelfristig."

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Euro fällt auf tiefsten Stand seit neun Jahren
    US-Notenbank Fed belässt Leitzins bei 0,0-0,25 Prozent
    Menschheit per Mikrochips kontrollieren? Bill Gates reagiert auf Vorwürfe
    Tags:
    Dollar, Euro, Goldman Sachs, Eurozone, Folker Hellmeyer, USA