11:04 14 Dezember 2017
SNA Radio
    Deutscher BundestagMoskau

    Putin zu Sanktionen geraten: „Russland darf sich nicht abhängig machen“

    © Flickr/ Frank Haase © REUTERS/ Maxim Zmeyev
    1 / 2
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    0 33818

    "Ich habe Putin zu Sanktionen geraten" - dieser Satz machte Stefan Dürr 2014 in der deutschen Presse bekannt. So zumindest kann der Westen die Sanktionen an eigenem Leib erleben, erklärt der Unternehmer.

    Er kam als erster westdeutscher Praktikant zu einem Landwirtschaftspraktikum in die damalige Sowjetunion. 1994 gründete er das deutsch-russische Agrarunternehmen EkoNiva, das heute in Russland wie in Europa als der größte Rohmilchproduzent gilt. „Wenn man die Möglichkeiten sieht, die hier für die Landwirtschaft da sind, und die kleinen Möglichkeiten, die man in Deutschland in der Landwirtschaft hat, wo alles sehr begrenzt ist, dann ist es logisch, dass man hängen bleibt“, erklärt Stefan Dürr im Studio-Gespräch mit Marina Piminowa.

    Die Entscheidung habe der in Russland Verheiratete nie bereut. Russland ist inzwischen auch seine Heimat, umso mehr betrübt ihn die aktuelle politische Situation: „Die ganze politische Situation ist natürlich einfach Mist. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Kind, dessen Eltern sich scheiden lassen wollen oder sich dauernd streiten. Ich bin doch im Herz auf der einen Seite Deutscher, auf der anderen Russe. Wenn sich die zwei Länder dermaßen streiten, ist es einfach schlecht“. Das Ganze gehe ihm schmerzhaft durch das Herz, nicht weniger aber auch durch das Geschäft: „Der Landmaschinenhandel ist durch die ganzen Sanktionen und durch die ganze Situation radikal eingebrochen, dem Geschäft geht es im Moment sehr schlecht“, so Dürr.

    Merkel wird nicht nachgeben

    Der „Mist“ ist Dürr zufolge durch die Sanktionen nicht zu lösen, diese seien überhaupt absurd. Für Gegensanktion sprach sich Stefan Dürr allerdings aus. „Der Satz, ich habe Putin zu Sanktionen geraten, ist vielleicht hochgespielt worden“, lächelt Dürr. An dem Tag, bevor die russischen Sanktionen  im Nahrungsmittelbereich bekannt gegeben wurden, hat Dürr die Möglichkeit auf ein sehr privates Gespräch mit dem Präsidenten gehabt. „Da habe ich gesagt, ich würde auch Gegenmaßnahmen einführen. Nicht weil ich es gut finde. Sanktionen heute sind einfach absurd, nur es kann auch nicht sein, dass immer nur von einer Seite noch eine Sanktion und noch eine Sanktion kommt, für irgendwas, was ich nicht nachvollziehen kann. Die machen die Sache nur schlechter“, so Dürr. Wenn Russland auch Sanktionen dagegen mache, dann überlege sich vielleicht der Westen, was die Sanktionen bringen, meinte Herr Dürr. „Denn ich glaube nicht, dass die westlichen Regierungen sich ihr Handeln verändert haben, weil Russland Sanktionen erlassen hat. Ich glaube nicht, dass Frau Merkel sagt: „Mensch, jetzt dürfen wir keine Agrarprodukte mehr exportieren, jetzt gebe ich vielleicht doch nach“. Natürlich gibt sie nicht nach. Genauso wenig wird der russische Präsident nicht nachgeben. Es ist einfach absurd, dass man im 21. Jahrhundert zu solchen Mitteln greift.“

    Für die russischen Verarbeiter bedeutet die Sanktionen-Krise auch eine Chance, so Dürr, „auf die Qualitätsstufe zu kommen, um dann auch russische Produkte für den russischen Markt zu produzieren.“ Und es gebe auch sehr viele gute Beispiele, dass viele diese Chance auch nutzen.

    Der Ansatz, Russland müsse sich nicht unbedingt selbst ernähren können, weil es Ernährungsmittel woanders kaufen kann, sei schon weg: „Ich denke, so ein großes Land wie Russland darf sich nicht abhängig machen von Nahrungsmittelimporten bei Grundnahrungsmitteln. Also bei Fleisch, Gemüse, Getreide, Milch soll Russland schon mehr oder weniger unabhängig sein, vor allem weil es auch die Möglichkeiten dazu hat.“ Neben der eigenen Produktion solle sich Russland außerdem mehr um sein Image kümmern. „Leider ist das Image von Russland dramatisch schlechter als die Wirklichkeit. Wahrscheinlich gibt es Profis, die gegen Russland Image-Kampagne machen“, meint der EkoNiva-Chef.

    Zu viel Seele bei Russen, zu viel Berechnung bei Deutschen

    Um den Konflikt zu lösen, müsse das Grundverständnis zwischen den beiden da sein, erklärt der deutsche Unternehmer mit russischem Pass. „Solange es nicht da ist und man nicht sagt, man habe einfach Mist gemacht und man müsse schauen, wie man wieder rauskommt, solange wird es nicht funktionieren. Ich glaube, im 21. Jahrhundert soll es doch möglich sein, wenn man sich im Prinzip einig ist, die Ostukraine bleibt bei der Ukraine und die Krim bleibt bei Russland, sich zu überlegen, wie man es hinkriegt, dass da alle zufrieden sind. Aber muss halt der Wille da sein.“

    Eine Balance und ein Verständnis zu pflegen, das kennt Dürr wohl sehr gut aus seiner deutsch-russischen Geschäftserfahrung. Der größte Unterschied sei, dass in Deutschland besser geplant werde, dafür fehle die Fähigkeit zur Improvisation. „In Russland ist die Seele schon wichtig. Den Amerikanern zum Beispiel geht es nur nach dem kalten Rechnen, die Deutschen sind irgendwo zwischendrin: Sie haben die Seele schon aufbewahrt, aber es wird auch viel gerechnet. In Russland ist die Seele manchmal zu wichtig. Ich glaube, das Wichtigste ist, die richtige Balance zu finden“, so Stefan Dürr.

    Stefan Dürr im Studio-Gespräch mit Marina Piminowa
    © Sputnik/
    Stefan Dürr im Studio-Gespräch mit Marina Piminowa

    Zum Thema:

    Ukraine-Krise: Australien setzt Sanktionen gegen Russland in Kraft
    „Europa sollte nicht so blöd sein“ - Wagenknecht plädiert für Stopp der Sanktionen
    Trotz Sanktionen: Russische Unternehmen für internationale Investoren verlockend
    Sanktionen treffen EU härter als Russland – Medien
    Tags:
    Sanktionen, Angela Merkel, Wladimir Putin, Deutschland, Russland, Krim
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren