19:39 10 Dezember 2019
SNA Radio
    Eine Euro mit griechischer Eule

    Griechenland braucht neue Eliten und eigene Währung –Deutscher Experte für „Grexit“

    © REUTERS / Kai Pfaffenbach
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    Griechenland: Schuldenkrise und Austritt aus Eurozone (94)
    10682
    Abonnieren

    Die jüngste Erhöhung der Mehrwertsteuer in Griechenland auf 23 Prozent als einer der ersten Reformschritte ist nach Ansicht von Prof. Dr. Hans-Peter Burghof, Leiter des Lehrstuhls für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistung an der Universität Hohenheim, keine echte Lösung für die Wirtschaft.

    Die Schulden Griechenlands seien so hoch, dass Griechenland sie wahrscheinlich nie werde bezahlen können, so der Experte. Trotzdem geben die Gläubiger einfach weiter Geld. Ein „Grexit“ sei wahrscheinlich die bessere Lösung im Augenblick.

    „Ich glaube, Griechenland braucht eine eigene Währung, um sie abwerten zu können, um die griechischen Produkte wieder billiger zu machen. Es ist nötig, damit Griechenland wieder produzieren kann, damit die griechische Wirtschaft wiederbelebt wird. Der ‚Grexit‘ würde dazu führen, dass die fatale Verknüpfung des Euro und der Solvenz Griechenlands als Land aufgelöst wird, denn am Ende wird das den Euro gefährden und belasten“, betont Professor Burghof.

    Griechenland brauche einen Neustart und einen Wechsel der Eliten, aber auch eine Diskussion über die eigene Identität, die eigene Vergangenheit, die eigene Zukunft, um sich als Nation zu fühlen.

    Griechenland fehle es an Bürgern, die sich wirklich für das Land einsetzen, meint er. Politisch lasse sich das aber nur von innen und nicht von außen machen. Da müssten die Griechen selber entscheiden, ob sie das wollen. Ansonsten müssten sie akzeptieren, dass das Wohlstandsniveau im Land für die meisten Menschen sehr niedrig bleibe.

    Denn ein Land, das von derartig korrupten Eliten regiert werde, werde nicht sehr wohlhabend sein. Die Bürger müssten den Staat selbst in die Hand nehmen, wie es in Island der Fall gewesen sei, sagt Hans-Peter Burghof.

    Alle scheinen sich darüber im Klaren zu sein, dass weitere Hilfspakete für Griechenland nicht funktionieren werden. Dennoch hält die Debatte an. Die Frage, warum die EU und die Euro-Gruppe einen sofortiger „Grexit“ nicht beschließt, beantwortet der Experte wie folgt:

    „Die Regierenden in Europa sind in einer Zwickmühle: Wenn sie den ‚Grexit‘ akzeptieren, dann müssen sie auch die Schulden, die Griechenland hat, mehr oder weniger abschreiben. Dann weiß man, dass die EZB einen hohen Verlust gemacht hat, dann weiß man, dass die europäischen Fonds, die Griechenland Geld geliehen haben, einen hohen Verlust gemacht haben. Dann müsste man die Steuern sofort erhöhen. Und das mögen die Regierenden nicht, weil das ihre Machtposition, ihre Wählbarkeit einschränken würde.“

    Griechenland: Schuldenkrise und Austritt aus Eurozone
    © AP Photo / Virginia Mayo
    Die Schuldenkrise in Griechenland kann sich für manche europäische Regierung als Konsolidierungsprobe erweisen. Auch die deutsche Regierung könnte über die Griechenland-Krise eventuell zersplittern. Denn die Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble seien in diesem Punkt ganz unterschiedlicher Meinung. Angela Merkel  glaube zumindest, dass man diese Probleme so weit in die Zukunft schieben könne, dass sie ihre Kanzlerschaft nicht mehr betreffen.

    Wahrscheinlich sei das eine Illusion, weil das ein sich beschleunigender Prozess sei, meint der Experte. Und darauf habe Angela Merkel keine wirkliche Antwort.

    Die Griechenland-Krise sei dadurch zu einer Krise Europas geworden, dass man sich nicht an die Regeln gehalten habe. In Europa sei man stattdessen  für den Haushalt anderer Länder aufgekommen. Gleichzeitig wolle man aber keine massiven Kontrollen der Haushaltspolitik der einzelnen Länder. „Das heißt, die Europäische Union ist in der gegenwärtigen Situation nicht Fisch und nicht Fleisch. Und das ist natürlich für Europa schädlich“, so Hans-Peter Burghof.

    Vor diesem Hintergrund wäre eine zentrale EU-Regierung nützlich. Dazu müsste sie aber natürlich mit entsprechenden Gewalt- und Machtmitteln ausgestattet sein, um sich durchzusetzen. „Und das ist ein Europa, das wir noch nicht wollen oder auch vielleicht nie wollen“, sagt der Experte. Der Zentralismus sei nicht die Stärke Europas, und er könne nicht das Ziel Europas sein. Die Stärke Europas sei die Vielfalt.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Themen:
    Griechenland: Schuldenkrise und Austritt aus Eurozone (94)

    Zum Thema:

    Griechenland-Krise: Schäuble hält Grexit auf Zeit für bessere Lösung
    „Zwangsehe“ mit Griechenland kann Deutschlands Imperium nicht mehr retten
    Neue Kredite gegen Reformen: „Griechenland hat noch eine Chance verdient“ - Experte
    Griechenland-Krise: Merkel ist die Gewinnerin
    Tags:
    Grexit, EU, Angela Merkel, Hans-Peter Burghof, Wolfgang Schäuble, Griechenland