14:57 29 Januar 2020
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    Eine aktuelle YouGov-Umfrage in Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen zeigt, dass die Europäer uneins sind, wie man mit Griechenland umgehen sollte. Auch die Rolle Deutschlands bei der Beilegung der Schuldenkrise sieht das Ausland verschieden.

    Die Befragten in Frankreich und Großbritannien sind unentschlossen, ob mit Griechenland über einen Schuldenschnitt und andere Erleichterungen diskutiert werden sollte. Deutsche wie Skandinavier sind strikt dagegen: 61 Prozent der Deutschen pochen auf die ursprünglich vereinbarten Bedingungen. In Finnland sind sogar drei Viertel der Befragten (74 Prozent) gegen neue Verhandlungen.

    „In Deutschland hängt das damit zusammen, dass wir mit Wolfgang Schäuble einen sehr wichtigen und prominenten Fürsprecher für diese Position haben“, sagte das Vorstandsmitglied der YouGov Deutschland AG Holger Geißler im Interview mit Nikolaj Jolkin. „Und die Bundesbürger bilden sich ihre Meinung über die Medien, die das Image von Griechenland nach wie vor stark in dem Sinne prägen, dass die Griechen selbstverschuldet in die Krise gekommen sind und die bisherigen Maßnahmen nicht umgesetzt haben. Die Medien und Wolfgang Schäuble führten dazu, dass die Deutschen sagen: nee, die sollen sich mal an die Bedingungen halten. Und wenn die Medienlandschaft das vorgibt, findet sich das schnell in der Bevölkerung wieder.“

    Darüber hinaus sei Deutschland der größte Kreditgeber, setzt er fort. Von daher sei die Situation im Vergleich zu England ganz anders, aber auch die Franzosen leihen Griechenland extrem viel Geld. „Und da sehen wir schon eine etwas andere Einstellung, da Präsident Hollande sich mit Griechenland solidarisch erklärt und deutlich mehr Verständnis gezeigt hat. Das mag wahrscheinlich dazu führen, dass die Franzosen das weniger strikt und streng sehen als die Deutschen.“

    Laut der YouGov-Umfrage haben die Hälfte der Briten und 51 Prozent der Deutschen selbst sowie 43 Prozent der Franzosen eine negative Meinung über das Verhalten der deutschen Regierung während der griechischen Schuldenkrise. Die Skandinavier sind nicht so streng: 20–30% sind einer negativen Meinung.

    „Wir haben nicht nur nach der Rolle der deutschen Regierung gefragt, sondern auch nach der der französischen und griechischen Regierungen, nach der Rolle des Internationalen Währungsfonds und der Führungskreise der EU insgesamt“, berichtet Holger Geißler. „Und die deutsche Regierung schneidet in dieser Hinsicht am besten ab. Und zwar ist der Saldo hier minus zwei. D.h. das Verhältnis von Zustimmung seiner Handlungsweise zur Ablehnung ist fast ausgeglichen. Bei der griechischen Regierung ist der Saldo minus 55, was weniger überraschend ist. Fast alle europäischen Länder, in denen wir befragt haben, sind der Meinung, dass sie eine ganz schlechte Rolle während der Krise gespielt haben. Die französische Regierung hat den Saldo minus 15. Es zeigt in der Summe, dass die deutsche Rolle in diesen sieben Ländern, die wir befragten, gut vergleichsweise gut weggekommen ist.“

    Bundeskanzlerin Angela Merkel
    © AFP 2019 / JEAN-CHRISTOPHE VERHAEGEN
    Der Experte gibt zu, dass keiner in dieser extrem schwierigen Situation intensiver Verhandlung und einer Gemengelage gewinnen konnte. „Selbst in Großbritannien und in Frankreich wird die Rolle der deutschen Regierung im Vergleich zu den anderen Regierungen am besten bewertet, und das ist schließlich für Frau Merkel und Herrn Schäuble erst mal ein ganz gutes Urteil“, meint Holger Geißler. In der Einschätzung ihrer Rolle insgesamt und nicht explizit im Kontext der Griechenlandkrise unterscheiden sich die Meinungen der Briten, Deutschen und Franzosen nicht viel: etwas mehr als 30–35% positiv und weniger als 30% negativ. Bei den Skandinaviern ist die Meinung bei etwa 45% positiver, bei Dänen sogar 63%.

    „Da sieht man schon über die Länder weg ein positives Bild, und wir sehen, dass Frau Merkel die höchste Anerkennung aktuell von den Dänen und den Finnen bekommt. Interessanterweise wird die Bundeskanzlerin am kritischsten in Deutschland selbst gesehen. Der Saldo ist aber überall positiv. Frau Merkel hat sich in vielen Ländern Respekt und Anerkennung erarbeitet. Spannend ist aber, dass wir einen Vergleichswert aus 2014 in England haben. Da war der Wert vom April 2014 noch bei 44 Prozent. Heute ist es nur noch bei 33 Prozent. Auch hier hat die Berichterstattung dazu beigetragen, dass die Rolle von Frau Merkel auch in der Schuldenkrise über die sieben Länder zwar immer noch positiv ist, aber nicht mehr so positiv wie 2014 in einigen Ländern. Also nach wie vor große Anerkennung und eine positive Bewertung, was für die Einschätzung der Politiker aus einem anderen Land keinesfalls Selbstverständlichkeit ist, aber die Tendenz geht nach unten.“

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    Tags:
    Griechenland, Angela Merkel, Wolfgang Schäuble