SNA Radio
    Börse in China

    Börsen-Crash in China: Die Luft muss raus, und das entlädt sich schlagartig - Experte

    © REUTERS / Kim Kyung-Hoon
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    3438

    An den Börsen herrscht Gravitationskraft, so Markus Gärtner, Online-Redakteur beim Kopp-Verlag, Autor des Buches „Drachensturm“, zur jüngsten Entwicklung, die vom Börsen-Crush in China ausgelöst wurde.

    „China war die ganz große Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft in den vergangenen Jahren. Davon hat man im Westen stark profitiert, vor allem natürlich die Deutschen mit den Exporten und der Tätigkeit unserer großen Firmen in China“, so Gärtner im Sputniknews-Interview mit Nikolaj Jolkin. „Und jetzt funktioniert es nicht mehr. Und dann kommt noch ein psychologischer Effekt dazu, dass der Glaube an die Notenbanken verlorengeht. Man meinte, dass die Notenbanken die Zinsen immer weiter nach unten schleusen und noch mehr Geld drucken werden. Jetzt ist man am Ende der Fahnenstange. An vielen Börsen sind die Kurse bei den Aktien und Anleihen sowie Rohstoffen unglaublich übertrieben. Jetzt muss diese Luft raus, und das entlädt sich schlagartig.“ 

    Niemand sei momentan in der Lage, die Situation auf die Schnelle wieder zu stabilisieren, meinte der Wirtschaftsexperte. „Die Notenbanken waren der letzte Anker, den wir hatten. In China z.B. hat man viel stärkere und flächendeckendere Steuerungsmöglichkeiten und Werkzeuge als in westlichen Systemen. Die Kommunistische Partei kann sehr viel über die Ämter steuern. Sie hat ein strafferes Führungssystem und deshalb die Behörden besser im Griff. Sie hat den Verkauf von Aktien gestoppt, einige überhaupt vom Handel ausgenommen und staatliche Fonds angewiesen zu kaufen. Sie hat sogar Liquidität für weitere Aktienkäufe bereitgestellt. Und all das verhindert nicht, dass die Kurse weiter fallen. Und da fragen sich natürlich die Leute: Wenn die Chinesen das nicht hinkriegen, schaffen wir im Westen das überhaupt nicht.“

    Die Chinesen haben bei Markus Gärtner den Eindruck erweckt, dass die Nerven in Peking blank liegen. „Nach außen versucht man Ruhe zu bewahren, aber auf der anderen Seite besteht ein ähnliches Problem wie im Westen: Die Kurse sind übertrieben, man hat zu viel mit Kredit, also mit gepumptem fremdem Geld gemacht, und jetzt versucht man, die Kontrolle zurückzuerlangen.“ Und das überzeugt den Experten nicht.

    Die Führung in Peking gehe den Weg von einer Wirtschaft, die wächst, weil sie billige Exporte habe und viel in Anlagen, in Infrastruktur investiert worden sei, hin zu einer Wirtschaft, die mehr wächst, weil es starken heimischen Konsum gebe. „Der Renminbi ist seit Jahren stärker geworden. Das hat die Kaufkraft erhöht. Die Löhne steigen schnell, zehn bis15 Prozent jedes Jahr. Am Reformkonzept wurde mutig und systematisch gearbeitet. Und da jetzt die Finanzmärkte in einer Übertreibungsphase sind, bekommt die Führung in Peking zusätzlichen Gegenwind.“

    Aus dem Platzen der Finanzblasen 2008 nichts gelernt

    Man habe viel Geld gedruckt, fuhr Markus Gärtner fort, und die Politik hätte das prima gefunden, sich darauf ausgeruht, weil Kredite billig seien. „Die Finanzminister konnten billig neue Kredite aufnehmen, anstatt Finanzmarktreformen einzuleiten. In den USA gibt es heute zu viel große Banken — deutlich größer als 2008, die systembedrohend sind. 30 bis 40 Prozent größer ist das Kreditvolumen seitdem geworden, die Spekulation am Immobilienmarkt, die Manipulation der Rohstoffmärkte ist weiter da. Die Zinsen sind manipuliert worden. Wirklich wenig hat man dazugelernt.“

    Die deutsche Wirtschaft sei in dieser Hinsicht immer robust gewesen, meint Markus Gärtner, weil sie mit viel Gegenwind arbeiten müsse und dadurch stark geworden sei. „Wir hatten lange Zeit eine starke Mark und starke Gewerkschaften, viel Regulierung, die die Tätigkeit von Unternehmen kanalisiert und bindet. Und wir haben auch hohe Löhne und viel Konkurrenz auf dem deutschen Markt. Im Lebensmitteleinzelhandel hat man z. B. unter ein Prozent Gewinnspanne, weil wir ein relativ offenes Land sind. Alle diese Faktoren sorgen dafür, dass die Unternehmen stark werden, zumindest die, die überleben. Das ist ein großes Fitnessprogramm. Die deutsche Wirtschaft hatte sich mit ihren Exporten in diesen Boom in den großen Schwellenländern — Russland, Brasilien, China und Indien — stark eingeklinkt. Die Deutschen waren einer der größten Profiteure dieses Booms in den BRICS-Staaten, vor allem die Autobranche. Aber auch die Chemie und der Maschinenbau in Deutschland haben stark davon profitiert. Und darum kriegen das natürlich die deutschen Firmen jetzt besonders stark zu spüren, dass dort die Wirtschaft langsamer wächst.“

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Medien: Treffen von Xi Jinping und Obama kann katastrophal werden
    Wegen Yuan-Abwertung: USA und EU zeigen sich besorgt
    Chinesische Volksbank senkt seit drei Tagen Yuan-Kurs zum Dollar
    Tags:
    Börsen, BRICS, Markus Gärtner, USA, China