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    Milchpreisverfall in Deutschland: Euphorie schlägt in Krise um

    © AP Photo / Heribert Proepper
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    Einkaufen gehen und dabei wenig ausgeben. Das könnten sich viele Verbraucher wünschen. Viele deutsche Milchproduzenten bangen aber wegen der niedrigen Milchpreise um ihre Existenz. Hohes Angebot, niedrige Nachfrage sowie russisches Lebensmittelembargo können der Branche zum Verhängnis werden.

    2015 werde ein katastrophales Jahr für die Betriebe sein, meint der Milchpräsident des bayerischen Bauernverbandes, Günther Felßner. Ihm stimmt  Andreas Gorn, Bereichsleiter Milchwirtschaft bei der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH, zu: „Es hat tatsächlich einen sehr starken Preisrückgang gegeben. Nach den Spitzenergebnissen, die Ende 2013 – Anfang 2014 mit mehr als 40 Cent je Kilogramm Milch erzielt worden sind, sind die Preise kontinuierlich zurückgegangen und liegen jetzt im Bundesschnitt mittlerweile bei knapp 28 Cent je Kilogramm.“ Da die Milch rund 90 Prozent der Erlöse in den Milchkuhbetrieben ausmache, sei das natürlich eine sehr starke Zuspitzung der Situation.
    Am niedrigsten sind die Preise gegenwärtig in Norddeutschland. Dort würden von einzelnen Molkereien nur noch 24 Cent je Kilogramm Milch bezahlt, sagt Prof. Dr. Hannes Weindlmaier, emeritierter Prof. für Betriebswirtschaftslehre der Milch- und Ernährungswirtschaft der TU München. In Bayern lägen die Preise unter 30 Cent, die Vollkosten der Produktion aber von 35 bis 50 Cent. Kurzfristig könnten viele Betriebe das sicherlich aushalten. Wenn aber dieses Preisniveau über längere Zeit anhalten würde, ginge das sicherlich bei vielen Betrieben an die Existenz, so der Experte.
    Zu den Ursachen des Milchpreisverfalls gehören vor allem der Angebotsüberhang und das russische Lebensmittelembargo.

    „Weltweit waren 2013 und 2014 die Milcherzeugerpreise sehr hoch. Aufgrund dieser sehr hohen Preise, die die Landwirte bekommen haben, ist eine gewisse Euphorie ausgebrochen, und die Betriebe haben die Produktion sehr stark ausgedehnt. Allein in der EU wurde im Jahr 2014 die Milchproduktion um 4,6 Prozent ausgedehnt. Das heißt, 2014 wird in der Europäischen Gemeinschaft ein Selbstversorgungsgrad bei Milch von etwa 115 Prozent geschätzt“, erklärt Prof. Dr. Hannes Weindlmaier.

    Durch das russische Importembargo sei ein Absatzpotential für Deutschland und insgesamt für die EU weggebrochen, bemerkt Andreas Gorn. „Die Warenströme mussten sich neu sortieren“.

    Prof. Dr. Hannes Weindlmaier führt einige Statistiken dazu an: „Russland war bis 2014 der zweitgrößte Importeur von Milchprodukten weltweit. Noch 2013 hat Russland etwa 260.000 Tonnen Käse und 40.000 Tonnen Butter aus der EU importiert. Und dieses Importembargo hat sehr schnell vor allem bei Käse für den ziemlichen Absturz der Preise in der EU geführt.“                       

    In Bayern, wo das Herz der deutschen Milchproduktion schlägt, ist der Milchpreis um über 10 Cent gefallen. Etwa 3 davon seien auf das Lebensmittelembargo Russlands zurückzuführen, sagt Günther Felßner. „Das bedeutet für ein Familienunternehmen einen Verlust von 10.000 Euro im Jahr.“

    Als Reaktion auf die Krise nähmen die Behörden überschüssige Mengen vom Markt auf und senkten somit auch den Marktdruck. Ein Sicherheitsnetz gewährleiste, dass die Preise nur bis zu einem bestimmten Niveau sinken und danach nicht weiter, sagt Andreas Gorn.

    Eine der Forderungen bei einer Demo der Produzenten am 1. September in München war, dass der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) bzw. das European Milk Board ein Marktverantwortungsprogramm einführt. Demnach müssten die Milcherzeuger, die trotz der Krise ihre Produktion ausweiten, gewisse Abgaben zahlen. Gleichzeitig müssten die Betriebe, die die Produktion einschränken, dafür Geld bekommen. Diese Initiative sei aber sehr stark umstritten, behauptet Prof. Dr. Hannes Weindlmaier. „Viele lehnen das Programm ab. Auch von der wissenschaftlichen Seite gibt es gewisse Gutachten, die sich gegen dieses Marktverantwortungsprogramm aussprechen, weil einfach keine Gewähr gesehen wird, dass es tatsächlich die entsprechende Wirksamkeit hat. Darüber hinaus muss es natürlich EU-weit eingeführt werden, und ich sehe ganz geringe Chancen, dass dieses Programm tatsächlich realisiert wird.“

    Günther Felßner zufolge müsse die Bundesregierung die Sozialversicherungsbeiträge finanziell unterstützen, um die Betriebe auf der Kostenseite zu entlasten. Auch auf der internationalen Ebene könnte sich die Politik für die Interessen der Branche mehr einsetzen. „Wir erwarten von der Bundesregierung, dass sie in Europa Druck ausübt, damit Brüssel möglichst schnell Gespräche mit der russischen Regierung einleitet. Mit dem Ziel, das Embargo aufzuheben. Wir wollen mit unseren russischen Partnern ins Geschäft kommen, und wir wissen, dass unsere Produkte in Russland sehr geschätzt und sehr gefragt waren. Meiner Meinung nach hat der florierende Handel immer Freundschaft und Frieden unterstützt, und die Embargopolitik – ob die der europäischen Union oder Russlands – ist kontraproduktiv“, resümiert der Milchpräsident des bayerischen Bauernverbandes.

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    Tags:
    Milch, EU, Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM), Andreas Gorn, Prof. Dr. Hannes Weindlmaier, Günther Felßner, Deutschland, Russland