22:46 20 November 2018
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    Erdgasfeld (Symbolfoto)

    Nutzung von Erdgasfeld vor ägyptischer Küste ist „Zukunftsmusik“ - Matthias Dornfeldt

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    Vor der ägyptischen Küste ist ein riesiges Erdgasfeld entdeckt worden, dessen Nutzung Matthias Dornfeldt, Experte für Energieversorgungssicherheit an der Freien Universität Berlin, als langfristige Angelegenheit bezeichnet, „denn dieses Feld muss erst mal erschlossen werden“.

    „Die ersten Informationen gestalten sich in den Medien gewöhnlich sehr heiß“, sagte er mit einer gewissen Skepsis im Interview von Sputnik-News  mit Nikolaj Jolkin. „Wir haben es gerade nach dem Atomabkommen mit dem Iran gesehen. Es wurde spekuliert, dass das iranische Gas bald nach Europa kommt, auf welche Märkte es gelangen wird usw. Zunächst  müssen wir erstmal genau hinschauen, ob so ein Feld in einer instabilen Region überhaupt für die europäischen Märkte erschlossen werden kann. Gegenwärtig haben wir eine  instabile Situation in Ägypten und in anderen nordafrikanischen Staaten, wie in Libyen oder Tunesien, wo der Staat nur noch marginal existent ist, oder teilweise schon in den Händen des islamischen Staates liegt.

    Andererseits haben wir schon seit einiger Zeit Diskussionen über die bekannten Felder, die es im östlichen Mittelmeer auch noch gibt – so vor der zypriotischen oder der israelischen bzw. libanesischen Küste. Vor der zypriotischen Küste kommen wir wegen der Spannung zwischen der Türkei und der Republik Zypern mit der Exploration nicht voran. Israel hat Probleme mit der Monopolstellung zweier Unternehmen, Delek und Noble, und der Libanon wartet erst mal noch, bis ein Präsident gewählt wird, und die Regierung wieder im Amt ist, um für das dortige Feld die notwendigen Ausschreibungen vornehmen  zu können. „Es ist viel Musik“, so der Experte. „Wir aber sollten nüchtern bleiben.“

    Matthias Dornfeldt sagt, dass man für die Ausbeutung riesiger Felder große Konsortien und die Interessenbekundung von vielen Seiten brauche. „Zumal wir nach wie vor sichere Lieferanten aus Russland und Norwegen haben. Das Erdgas aus Ägypten könnte auf die südeuropäischen Märkte gelangen, aber dann müssten die entsprechenden Firmen dieser Länder z.B. Gaz de Françe oder spanische Firmen investieren. Erst dann  könnte man sehen, wie hoch die Kosten sind. Wenn wir über  Algerien als einen Konkurrenten sprechen, wo sich die entsprechenden Lieferanten vor allem aus Südeuropa  —  aus Spanien und Frankreich  —  schon positioniert haben, denn dorthin zieht schon etwas algerisches Gas, dann sieht der  Experte  auch dort wegen der Stabilität große Probleme: „Wir hatten letztes Jahr den großen Überfall auf dieses Gasfeld in Ain Amenas, wo viele sowohl ausländische als auch inländische Arbeiter und Ingenieure ums Leben gekommen sind. Die algerische Führung scheint wie  gelähmt, deswegen würde ich Algerien nicht unbedingt als einen großen Spieler für den europäischen Gasmarkt sehen.

    „Auch in Ägypten gibt es Anschläge“, setzt er fort, „ein Richter wurde umgebracht, das italienische Konsulat in Kairo attackiert. Der Präsident al-Sisi ist jetzt in der Verantwortung zu zeigen, dass er Stabilität in einem Land bringen kann, welches sowohl von inneren  Konflikten als auch von Konflikten in der Nachbarschaft betroffen ist: die Gaza-, die Hamas-Gebiete, die Sinai-Halbinsel ist nicht mehr richtig unter Kontrolle usw…

    Seine Skepsis hinsichtlich einer baldigen Ausbeutung  erklärt Matthias Dornfeldt auch durch die enormen  Erschließungskosten und dass hohe Summen investiert werden müssen, um das Gas von den ägyptischen Mittelmeerhäfen auf den Weltmarkt zu bringen. „Ob  sich das alles rechnet, wo wir gegenwärtig einen Gasmarkt haben, der gut funktioniert und niedrige Preise aufgrund von  langfristigen Verträgen garantiert werden, bleibt abzuwarten.“

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    Tags:
    Erdgas, Abdel Fattah al-Sisi, Matthias Dornfeldt, Sinai-Halbinsel, Mittelmeer, Ägypten