18:58 16 Juni 2019
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    Experte zu VW-Affäre: Gesetze mit hoher Intensität an Kriminalität bewusst gebrochen

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    Im Skandal um manipulierte Abgaswerte bei Volkswagen geht es um die Zukunft des Konzerns. Es drohen Strafen in –zigmilliarden-Höhe. Professor Dr. Ferdinand Dudenhöffer, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Uni Duisburg Essen, geht auf mögliche Folgen und etwaige Lösungen ein. Ein Interview.

    Herr Prof. Dudenhöffer, sind die horrenden Zahlen der Strafen, die von VW verlangt werden sollen, realistisch?

    Wie die Strafen belegt werden, wird man erst im Laufe der Zeit sehen. Ich würde es nicht ausschließen, dass es in zweistellige Milliarden-Strafzahlung geht, einfach deshalb, weil VW im Vergleich zu anderen Unternehmen, die früher Strafzahlungen machten mussten, ein sehr seltsames Verhalten hat. Man hat ja mit hoher Intensität an Kriminalität Gesetze in Amerika ganz bewusst gebrochen. Man hat geglaubt, man wird dabei nicht erwischt, man kann es verschleiern, weil es schwer ist, NOX-Stickoxide nachzuweisen. Das gleiche macht man jetzt bei der Aufarbeitung des Skandals. Auch da hat man den Eindruck, VW versucht eher zu verzögern, als einen Neuanfang zu machen. Das sieht man auch bei der Wahl des neuen Aufsichtsratsvorsitzenden, der ja aus dem alten System kommt. All das wird nach meiner Einschätzung dazu beitragen, dass man eher zu höheren Strafmaßen in den USA geht.

    Der neue Volkswagen-Chef ist Matthias Müller. Wie schätzen Sie diese Personalentscheidung ein?

    Müller ist eine gute Wahl für die Übergangszeit. Es ist wichtig, dass man jemanden hat, der dort weiter geht, aber das Unternehmen muss ja von oben neu ausgerichtet werden. Und oben heißt — Aufsichtsratsvorsitzender und der Aufsichtsrat. Bei VW hat man sehr unglückliche Verquickungen dadurch, dass das Land 20 Prozent der Anteile besitzt, dadurch dass man in Deutschland diese Mitbestimmung hat, dadurch, dass man ein eigenes VW-Gesetz hat. Das führt immer wieder dazu, dass bei VW unendlich viele Verfilzungen stattfinden. Und diese Verfilzungen führen immer wieder zu Skandalen. So wie vor einiger Zeit dieser Sixt- Skandal bei dem Betriebsrat, jetzt dieser Skandal um Betrügereien und kriminelles Verhalten in Amerika.

    Das kommt, weil VW nach meiner Einschätzung um den Kirchturm von Wolfsburg gebaut ist. Dort hat man viele Mitarbeiter. Dort hat man Strukturen, die sind zu zementiert. Gleichzeitig ist auf dem Weltmarkt hoher Druck und deshalb hat man schlechte Margen. Man kann aber die Strukturen um Wolfsburg nicht ändern, man will seine Margen verbessern um wettbewerbsfähig zu bleiben — beim VW, bei der Marke VW. Dann aber kommen immer solche Überlaufventile, so wie wir sie jetzt bei diesen kriminellen Tatbeständen gesehen haben. VW kann nicht mit Müller alleine in die Zukunft geführt werden, sondern dadurch, dass man die Organisationsstruktur neu schafft. Und das schafft man auf keinen Fall, wenn man die alten Leute aus dem heutigen System als Aufsichtsratsvorstand kürt, die dann morgen den Konzern kontrollieren sollen. Genau Kontrolle war das, was bei VW fehlt, genau so geht man weiter in die Zukunft. Wenn also Herrn Müller nun beteuert, in der Zukunft mit strengen Corporate Compliance Systemen zu arbeiten, die gleichen Beteuerungen hatten wir schon vor zehn Jahren bei der Hartz-Affäre, bei der Sixt-Skandal-Affäre des Betriebsrates gehört."

    Nun will auch Frankreich klagen, und das ist mit Sicherheit noch nicht das Ende der Angelegenheit. Könnte der Schaden für den Konzern existenzbedrohend werden?

    Man kann heute das Schadensmaß noch nicht absehen, aber es ist so, dass es nach meiner Einschätzung auf jeden Fall zweistellige Milliardenbeträge sein werden. Ob es dann 20, 30, 40 oder 60 oder 70 Milliarden werden, das kann man heute noch nicht sagen, weil den Gesamtschaden sieht man noch nicht. Es kommen Klagen von Aktionären auf VW zu. Die Aktie hat 40 Prozent an Wert verloren, ohne das die Aktionäre im Vorfeld gewarnt worden sind. Da können also zweistellige Milliardenforderungen aus dieser Sache kommen. Es kommen Schadenersatzforderungen aus Amerika, ja auch aus amerikanischen Staaten — nicht nur von dem Bundesstaat — auch von Kalifornien, auch von Texas. Es kommen Schadenersatzforderungen möglicherweise von Ländern außerhalb der USA. Es kommen Rückrufaktionen, die teuer werden können. Unter Umständen kommen Konsumentenklagen. In Amerika sind Sammelklagen eingereicht worden, die wegen Wertminderung der Fahrzeuge jetzt von VW einen Ausgleich verlangen. Es kommt also eine ganze Menge von Dingen zusammen, die heute noch nicht überschaubar sind und das kann, wenn VW sich nicht neu aufstellt, wirklich sehr gefährlich für diesen Konzern sein. Es kann an den Festen des Konzerns rütteln.

    Die deutsche Automobilindustrie war bislang das Flaggschiff der deutschen Industrie. Wie groß könnte der Schaden für die deutsche Autoindustrie, aber auch für die deutsche Industrie allgemein werden?

    Die deutsche Industrie stand durch "Made In Germany" schon immer für Ehrlichkeit, für Verantwortungsbewusstsein, für Nicht-Schummeln. Dieses "Made in Germany" hat jetzt einen großen Schatten durch VW bekommen. Damit ist dieses Bild von Deutschland schief geworden. Man wird Vertrauen — was das Wichtigste in Geschäftsbeziehungen ist — neu aufbauen müssen. Insgesamt gehe ich aber davon aus, dass der Schaden überwiegend bei VW bleibt. VW bleibt das Unternehmen, das immer wieder in Skandale verwickelt ist. VW muss deshalb seine Grundstrukturen ändern um wirklich zukunftsfähig zu werden.

    Wie kommt man auf die Idee, solch einen Betrug durchzuführen? Waren die Stickstoff-Prüfwerte so hoch, dass man zu solchen Maßnahmen greifen musste?

    Bei VW hat man die Weltmarktführerschaft angestrebt. Amerika ist ein sehr wichtiger Markt. Man wollte mit dem Diesel kommen, man hat gesehen, dass man da mit höheren Belastungen zu kämpfen hat. Deshalb hat man angefangen, kriminell nachzudenken, und hat kriminelle Aktivitäten vorbereitet, umgesetzt und bis zum Schluss noch bestritten. Ich glaube, der Druck im Konzern ist zu groß. Die Kultur im Konzern ist so schlecht, dass es bei VW eben zu diesen Dingen kommt.

    Deshalb muss VW neu aufgestellt werden, und deshalb darf man nicht mit dem heutigen Finanzvorstand im Aufsichtsrat einfach so fortfahren, sondern deshalb muss man überlegen: braucht Deutschland wirklich dieses VW-Gesetz? Kein Unternehmen dieser Welt hat so ein Gesetz. Wir sehen, dass durch dieses Gesetz immer wieder Skandale aufkommen. Braucht VW wirklich 20 Prozent Landesbeteiligung, um die Strukturen um Wolfsburg zu schützen und dann in der Welt in Probleme zu geraten? Auch das muss diskutiert werden.

    VW kann nur dann zukunftsfähig gemacht werden, wenn die Kultur geändert wird. Die Kultur kann nur dann geändert werden, wenn die Struktur geändert wird. Strukturänderungen wären also das, was bei VW angesagt ist. In der Vergangenheit hat man es immer wieder nicht gemacht. Ich glaube, die Politiker wären jetzt am Zuge, um endlich ein Signal zu zeigen und dieses VW-Gesetz abzuschaffen.

    Interview: Bolle Selke

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    Volkswagen AG, Matthias Müller, Ferdinand Dudenhöffer, USA, Deutschland, Frankreich