15:46 16 Dezember 2017
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    Zur VW-Abgasaffäre: Andere deutsche Autohersteller schummeln auch - Experte

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    Ende September hat Volkswagen den Betrug zu, der mittlerweile als Abgasaffäre bekannt ist, zugegeben. Bereits drei Tage zuvor hatte die Deutsche Umwelthilfe eine Pressemitteilung veröffentlicht, laut der Dieselfahrzeuge der deutschen Hersteller BMW, Daimler und VW bis zu 25 Mal mehr Diesel-Abgasgifte als erlaubt aufstoßen würden.

    "Wir haben bereits vor dem Bekanntwerden des VW-Skandals Informationen gehabt — und letztendlich die Behörden genauso —, dass bei Untersuchungen des International Council of Clean Transportation aus dem Jahr 2014, die wirklichen, die realen Stickoxydemissionen bei neuen Dieselfahrzeugen im Durchschnitt siebenmal höher sind, als die Grenzwerte es erlauben und im Einzelfall sogar um das 25-fache diese Grenzwerte übersteigen", sagte der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch.

    "Ich war persönlich überrascht, dass es VW als ersten getroffen hat, denn VW ist zwar ein durch und durch betrügerisches Unternehmen, aber die Überschreitungen von VW-Modellen waren nur durchschnittlich“, so Resch im Sputniknews-Interview mit Bolle Selke. „Wir haben andere Unternehmen wie Audi, aber auch teilweise BMW und Opel, die bei Straßenmessungen noch sehr viel stärkere Überschreitungen gezeigt haben als VW, die es jetzt als erste getroffen hat und die eben als erste eingestanden haben, dass sie Abschalteinrichtungen verwenden."

    "Die deutsche Bundesregierung tritt kämpferisch für die Interessen der Automobilindustrie in Brüssel ein und deswegen natürlich auch als diejenige Regierung identifiziert wird, die am intensivsten für eine Abschwächung von Grenzwerten oder eine Verhinderung einer effektiven Überprüfung eintritt“, betonte der Experte. „Übrigens auch heute noch, vier Wochen nach Bekanntwerden des VW-Skandals."

    "Wir hatten Hinweise, dass neben Audi und BMW, insbesondere Opel-Fahrzeuge besonders hohe Realemissionen haben“, führte er weiter aus. „Wir hatten weitere Hinweise, dass der Opel Zafira Tourer mit dem 1,6er Dieselmotor noch weitere Auffälligkeiten in der Abgasreinigung hat. Deswegen haben wir eine Schweizer Prüfeinrichtung, die sonst für Behörden arbeitet, gebeten, uns eine ganze Woche lang alle möglichen Tests zu fahren, um herauszufinden, warum dieses Fahrzeug in den Zulassungstests die Grenzwerte gut einhält, auf der Straße aber — und das hat eben unser Dachverband Transport And Environment festgestellt — bis zu zehn Mal schmutziger als erlaubt ist.“

    Dabei sei man auf ein interessantes technisches Phänomen gestoßen. „Da stellte sich heraus, dass wenn das Fahrzeug beispielsweise nur auf den Vorderrädern bewegt wurde, das heißt es wurde nur die Antriebsachse bewegt, und die Hinterräder standen wie üblich fest, dann wurden die Grenzwerte eingehalten. Haben sich dann plötzlich die Hinterräder mitbewegt, ist völlig anderes Abgasverhalten festgestellt worden. Die Grenzwerte wurden dann um das zwei- bis vierfache überschritten. Das sind für uns sehr starke Indizien, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht und dass die Behörden jetzt nachmessen müssen, ob die Aussage, die Opel von sich gibt, dass sie keine Abschalteinrichtungen einsetzen."

    "Detektivische Arbeit"

    "Uns sind diese Eigentests von Opel bekannt“, sagte Resch. „Bis heute hat Opel diese Eigenfreisprechung nicht weiter erläutert. Wir haben keine Prüfprotokolle vorgelegt bekommen. Opel hat diese nicht veröffentlicht. Anderen Journalisten wurden diese Prüfprotokolle auch nicht zugänglich gemacht. Wir finden das schon sehr interessant, dass wir bei einer unabhängigen Regierungsprüfstelle der Schweiz ein Fahrzeug testen lassen und alle Messprotokolle — 50 Seiten — im Detail veröffentlichen, mit Prüfbericht — und Opel sich selbst mit einer lauen Pressemeldung die Korrektheit bescheinigt. Wir möchten diese Tests von Opel sehen und mal schauen, was die tatsächlich überprüft haben. Wir würden sehr gerne auch die Rolle des TÜV Hessen mal untersuchen, der ja nun offensichtlich auch bei Zulassungen mit dabei ist, die ja vielleicht jetzt auch überprüft werden. Schließlich geht es uns darum, das jetzt die Behörden — in dem Fall das Kraftfahrtbundesamt — intensiv nachmessen und eine behördliche, unabhängige Überprüfung vornehmen."

    "Wir wissen nicht, was wir bei weiteren Tests an Diesel-Fahrzeugen herausfinden“, so der Experte abschließend. „Es ist jedes Mal eine ziemlich detektivische Arbeit, um dann Indizien für mögliche ungewöhnliche technische Einrichtungen zu finden. Dann muss geprüft werden, ob diese technischen Dinge erlaubt sind oder nicht. Wir wissen es einfach nicht. In den letzten Jahren wurde es uns unmöglich gemacht, im EU-europäischen Umfeld ein Prüflabor zu finden, dass solche Zykluskennungen und Abschalteinrichtungen gezielt suchen. Die Aussage der Prüflabore war relativ klar: Wenn wir solche Tests für sie machen, dann verlieren wir Aufträge von der Autoindustrie, und die sind für uns existenzentscheidend.“

    „Deswegen sind wir jetzt sehr froh, dass wir außerhalb der EU, in der Schweiz, jetzt endlich eine Prüfstelle — noch dazu eine so renommierte — gefunden haben, die mit uns solche Tests macht. Wir sind auch guter Dinge, dass wir in den nächsten Wochen auch weitere Prüfstellen finden werden, denn wir wollen es nicht bei ein oder zwei Prüfungen belassen, sondern wir werden — solange die Behörden nicht nachprüfen —mit eigenen Überprüfungen dann die Behörden vor uns hertreiben."

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    Tags:
    Opel, Audi, BMW, Volkswagen AG, Jürgen Resch, Deutschland
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