13:32 07 Dezember 2019
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    Studie: Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland vertieft sich

    © AFP 2019 / Jan Woitas
    Wirtschaft
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    Eine neue Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung zeigt, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland – anders als bisher angenommen – immer mehr auftut. Das sei nur eines der Fazite der Untersuchung, kommentiert Prof. Dr. Andreas Peichl, Leiter der ZEW-Forschungsgruppe „Internationale Verteilungsanalysen“.

    Das erste Fazit, das man aus der Studie ziehen kann, lautet: Die Ungleichheit in Deutschland sei in der Tat nicht zurückgegangen oder gleich geblieben, wie es bisherige Studien eingenommen haben, sondern eher angestiegen. „Das zweite Fazit der Studie ist, dass die Datenlage in Deutschland, die für Forschung insbesondere zum Thema Ungleichheit zur Verfügung steht, verbessert werden müsste“, stellt der Professor für Quantitative Finanzwissenschaft an der Universität Mannheim fest.

    Migrantenstrom in Europa
    © AFP 2019 / ARIS MESSINIS
    Bei ihrer Studie haben die Forscher auf ein neues Verfahren zugegriffen:  Sie haben administrative anonymisierte Daten aus der Steuerzahlung erhoben statt wie gewohnt Haushalte zu befragen. Auf diese Weise könne man sehen, wie die Einkommensentwicklung tatsächlich gewesen sei. „Das Problem in den Haushaltsbefragungen ist nämlich, dass die ganz reichen Haushalte nicht erfasst werden, weil es einfach zu schwer ist, diese zu kontaktieren und zu einer Befragung zu überreden“, erklärt Prof. Dr. Peichl. 

    Zu den Ursachen der weiterhin auseinandergehenden Einkommensschere sagt der Leiter ZEW-Forschungsgruppe „Internationale Verteilungsanalysen“ Folgendes: „Der Hauptgrund für diese zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich ist das Wachstum von Kaptaleinkommen, also von Einkommen aus Vermögen. Und da sieht man, dass insbesondere in den letzten zehn Jahren diese sehr stark angestiegen sind. Man sieht einen kleinen Einbruch dieser Einkommen während der Krise 2009. Aber seit 2010 gibt es da wieder einen regelrechten Börsenboom.“

    Ein Mindestlohn könne die Situation kaum zum Besseren hin wenden:  Er möge vielleicht Einkommen von Arbeitnehmern mit niedrigen Löhnen erhöhen, aber er setze nicht an dem wirklichen Problem an. Eine viel bessere Maßnahme wären höhere Steuern auf Vermögen. 

    Die Ungleichheit existiert jedoch nicht nur in der europäischen Gesellschaft, sondern auch in der Wirtschaft und in der Politik. Die habe es schon immer gegeben, so Prof. Dr. Peichl. Wenn man das BIP als ein Maß nehme, sei zum Beispiel die Kluft zwischen Griechenland und Deutschland schon immer sehr groß gewesen. „In den letzten fünf bis sechs Jahren ist dies durch die Finanz- und Wirtschaftskrise noch deutlicher geworden. Insgesamt stellt sich die Frage für die Zukunft: ‚Was wollen wir eigentlich in Europa? Wollen wir eine Art United States of Europe mit einer Zentralregierung in Brüssel? Oder wollen wir unabhängige nationale Staaten, die nebeneinander oder unabhängig voneinander wirtschaften?‘ Wenn man Letzteres will, dann ist es klar, dass es diese große Ungleichheit weiterhin geben wird.“

    Eine politische und Fiskalunion wäre letztlich für die Stabilität des Kontinents gut, meint der Experte. Das könne man sogar am Beispiel der akuten Flüchtlingskrise sehen: „Im Moment ist es so, dass jeder Staat natürlich zunächst einmal an sich denkt. Die Griechen denken an sich, die Deutschen denken an sich, die Engländer denken an sich. Wenn man es allerdings als gemeinsames europäisches Problem sieht, dann sind die Chancen für die Lösung der Krise viel größer.“

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    Es sei übrigens im Moment noch sehr schwer zu sagen, welche Auswirkungen die Einwanderung nach Europa auf seine Wirtschaft haben werde. Zunächst  einmal werde wohl die Kluft zwischen Arm und Reich insgesamt etwas größer werden, weil die Flüchtlinge keine Einkommen hätten. Die Frage sei, wer und wie lange  in Deutschland bleibe.

    „Wenn die Leute in Deutschland bleiben und langfristig keine Beschäftigung finden, dann bedeutet das natürlich zusätzliche Belastung für den Staatshaushalt“, sagt Prof. Dr. Andreas Peichl. Trotzdem sei Deutschland insgesamt in einer guten Position und bekomme sogar gewisse Chancen. „Aufgrund des demographischen Wandels schrumpft die deutsche Bevölkerung. Uns werden in den nächsten 10 bis 20 Jahren Millionen von Arbeitskräften fehlen. Sodass das langfristig auch durchaus positiv für Deutschland sein kann, dass jetzt Hunderttausende von Leuten nach Deutschland kommen.“

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    Tags:
    Armut, Reichtum, Migranten, Deutschland