08:02 15 November 2019
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    Ölmarkt: Selbst Kleinigkeiten lösen Panik aus

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    Der Ölmarkt ist jetzt dermaßen desorientiert, dass selbst unbedeutende Faktoren panische Reaktionen auslösen. Zu diesem Schluss gelangt ein russischer Experte. Er erläutert, wann es wieder zu einem stabilen Preisanstieg kommt, den die russische Wirtschaft braucht.

    „Die Akteure am Markt haben jegliche Trend-Richtung endgültig verloren – egal, ob Hausse oder Baisse. Die fundamentalen Faktoren sind in den Hintergrund gerückt und beeinflussen den aktuellen Preisstand nur wenig. Es ist nicht auszuschließen, dass diese Volatilität und Unsicherheit noch ziemlich lange bestehen bleiben“, sagte der Wirtschaftsexperte Michail Dmitrijew in einem am Montag veröffentlichten Interview mit der Tageszeitung „Moskowski Komsomolez“.

    Der Experte erläuterte: „Der desorientierte Markt reagiert nun nervös, übermäßig karikiert, würde ich sogar sagen, auf Ereignisse, die für ihn eigentlich von keiner besonderen Bedeutung sind. Ein charakteristisches Beispiel ist die Aufhebung des amerikanischen Öl-Exportverbots durch den US-Kongress. Das ist überhaupt nicht der Rede wert. Die Zahl der Förderanlagen bei den Schieferöl-Vorkommen in Amerika schrumpft drastisch, es gibt kaum etwas zu exportieren: Wegen seiner Produktionskosten ist dieses Öl am Weltmarkt absolut konkurrenzunfähig. Trotzdem hat der Markt panisch reagiert.“  

    Ähnlich sei die Situation auch mit der Aufhebung der internationalen Sanktionen gegen den Iran: „Es wird dem Iran sehr schwer fallen, seine Ölförderung schnell zu steigern, denn während der jahrelangen Sanktionen wurde kein Geld in die Ölbranche investiert. Eine Steigerung erfordert nun möglicherweise Dutzendmilliarden Dollar und nimmt mindestens einige Jahre in Anspruch. Die aktuelle Ölförderung für Exportzwecke ist gering. Was der Iran schnell auf den Markt bringen könnte, sind vorerst nur seine Reserven, die jetzt in Tankern oder in Ölspeichern gelagert sind.“

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    Die globale Nachfrage nach Öl nehme zu – vor allem dank der Schwellenländer wie China und Indien. Der Ölverbrauch in China wachse durchschnittlich mit demselben Tempo wie vor fünf Jahren. Dies gehe auf den Strukturwandel der chinesischen Wirtschaft zurück, weswegen der Konsum einschließlich der Nachfrage nach Autos steige. Auch die indische Wirtschaft wachse schnell und erlebe ebenfalls einen Auto-Boom. Laut vielen Prognosen werde die Nachfrage nach Öl deshalb in absehbarer Zukunft das Angebot überschreiten. Dies werde die Ölpreise nach oben drücken: „Die meisten Analysten sind sich darüber einig, dass ein realistischer Preiskorridor im Zeitraum von 2017 bis 2019 nicht unter der 50-Dollar-Marke liegt. Oder, was noch wahrscheinlicher ist, beträgt der Ölpreis dann 60 bis 80 Dollar pro Barrel.“

    Der Experte wurde um eine Prognose für das laufende Jahr gebeten. Er antwortete: „Völlig unklar. Auf solch einer kurzen Distanz ist der Markt unvorhersehbar – erst recht heute. In einer Situation, wo der Markt die Orientierung verloren hat und die Ölreserven ermöglichen, eine Zeitlang überhaupt ohne Förderung zu leben, ist nichts auszuschließen – weder ein neuer Preissturz noch ein drastischer Stimmungswandel. Es ist eine Frage von Vermutungen und Wahrsagungen, wie stabil diese Trends sein werden und wievielmal der Markt noch auf den Boden absinken und daran abprallen soll.“

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    Nach Ansicht von Dmitrijew bleiben Öl und Gas für die nächsten 10 bis 15 Jahre der Kern aller russischen Exporte und die wichtigste Devisenquelle: „Damit ein Wirtschaftswachstum wieder beginnt, müssen die Ölpreise mit ihren Schwankungen am Tiefpunkt aufhören und stabil über die 50-Dollar-Marke klettern. Falls sie auf dem heutigen Stand bleiben, droht dies mit katastrophalen Folgen für die russische Wirtschaft. Doch wir gehen davon aus, dass der Verbleib auf dem Tiefpunkt nicht ewig dauern wird.“

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