01:51 20 Juni 2019
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    Klaus Mangold

    Klaus Mangold: Deutsch-russische Beziehungen zurzeit in Reparaturwerkstatt

    © Sputnik / Grigoriy Sysoev
    Wirtschaft
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    Jemand, der immer dabei ist, wenn es um die deutsch-russischen-Wirtschaftsbeziehungen geht, ist Klaus Mangold. Quasi als graue Eminenz bewegt sich der Vorsitzende des Aufsichtsrates von TUI und ehemalige Vorsitzende des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft seit Jahrzehnten auf den Fluren zwischen höchster Politik und Wirtschaft.

    So war Mangold auch geladen zum Treffen des russischen Wirtschaftsministers Alexej Uljukajew mit dem deutschen Vizekanzler Sigmar Gabriel im Rahmen einer deutsch-russischen Wirtschaftskonferenz vergangenen Freitag in Berlin. Sputnik hat Klaus Mangold nach dem Treffen mit Minister Uljukajew interviewt.

    Herr Mangold, Sie haben seit vielen Jahren, ja Jahrzehnten, mit Osteuropa und vor allem mit Russland zu tun. Reiben Sie sich manchmal verwundert die Augen, wie sich das Verhältnis des Westens zu Russland so schnell wieder verschlechtern konnte? 

    Wenn man die Entwicklung der letzten Jahre sieht, fühlt man sich zurückgeworfen, wenn man wie ich Jahrzehnte in die gute Zusammenarbeit zwischen Ost und West investiert hat. Aber man muss nach vorne schauen. Ich glaube, dass die deutsch-russischen Beziehungen sich zur Zeit in der Reparaturwerkstatt befinden. Wir sollten uns bemühen, wieder zu einem hohen Maß an Normalität zurückzukommen.

    Wer mit Russland redet und Geschäfte macht, wird als Putinversteher geächtet. Wer in China Geschäfte macht, den nennt niemand abwertend Chinaversteher. Wird in der Politik und in den Medien mit zweierlei Maß gemessen?

    Natürlich. Ich finde dieses Label "Russlandversteher" diskriminierend. Das darf man nicht zulassen. Damit diskreditiert man die Lebensleistung vieler Menschen. Ich finde das unerträglich.

    Kommen wir zur Wirtschaft: Haben die Sanktionen auch der deutschen Wirtschaft geschadet? 

    Die deutsche Wirtschaft hat in den letzten beiden Jahren rund 50 Prozent der Exporte nach Russland eingebüßt. Es wird Jahre dauern, wieder auf das Niveau von 2013 zu kommen. Wir haben riesen Einbrüche im Bereich der Automobilindustrie, des Maschinenbaus und embargobedingt auch in der Landwirtschaft.

    Ist ein Ende der Sanktionen abzusehen? 

    Die Wirtschaft sollte intensiv ihre Stimme erheben. Ich glaube, man sollte hier eine schrittweise Lösung entwickeln im Zusammenhang mit Minsk II. Wir sollten uns in dieser Frage aber als Europäer, unter einem leitenden Einfluss Deutschlands, unabhängiger machen gegenüber den USA.

    Wie ist Ihre Einschätzung der russischen Wirtschaft? Welche Bereiche entwickeln sich besonders gut? Wo liegen Probleme?

    Schon als Vorsitzender des Ostausschusses hatte ich die Modernisierung der russischen Wirtschaft zu einem zentralen Thema erklärt. Russland hätte, als es dem Land aufgrund des hohen Ölpreises noch gut ging, mehr in die Industrie investieren sollen. Da besteht ein großer Nachholbedarf. Wenn man die Privatisierung von staatlichen Unternehmen mit dem Zugang ausländischer Unternehmen verbindet, wäre das ein großer Vorteil für Russland. So würde die Privatisierungspolitik der russischen Regierung mit einem Transfer von Technologie und Knowhow verbunden werden. Dies würde noch mehr mittelständische Unternehmen auf den russischen Markt locken. Das haben wir auch gerade so mit dem russischen Wirtschaftsminister Uljukajew besprochen.

    Wie schätzen Sie die Bedeutung des Internationalen Wirtschaftsforums in St. Petersburg ein? 

    Ich war die letzten zwanzig Jahre regelmäßig beim Petersburger Economic Forum und es war für mich immer eine Pflicht und eine Freude zugleich. Ich habe dort exzellente Gespräche geführt. Das ist die wichtigste Veranstaltung in Europa für alle, die am Geschäft mit Russland und Osteuropa interessiert sind. Vor allem dieses Jahr, zum Jubiläum, dürfte das Petersburger Economic Forum sehr wichtig werden und sich immer mehr zum zentralen Anlaufpunkt für die Eurasische Wirtschaftsunion entwickeln. Irgendwann könnte Petersburg die Bedeutung von Davos erreichen.

    Und was ist mit dem Petersburger Dialog? Geben Sie dem weiterhin eine Chance?

    Das hängt davon ab, welche eigene Mission sich der Petersburger Dialog gibt. Er sollte sich nicht nur als Plattform zur zivilgesellschaftlichen Diskussion sehen. Der Petersburger Dialog muss mehr sein, als eine Diskussion über Pressefreiheit und Menschenrechte, auch wenn dies natürlich sehr wichtig ist. Aber es sollten auch andere Bereiche, wie Kultur oder Wirtschaft, zu Wort kommen. Wir sollten versuchen, dem Petersburger Dialog ein neues Gesicht zu geben.

    Existiert die Wirtschaft parallel zur Politik oder ist sie dem Duktus der Politik unterworfen? 

    Ich bin kein Freund des Primats der Politik über die Wirtschaft. Ich glaube, man braucht einen konstruktiven Dialog zwischen beiden. Beide ergänzen sich. Ich glaube, gerade dieser Dialog heute auf der Konferenz mit dem russischen Wirtschaftsminister ist zu einer natürlichen Begegnung geworden ist. Das ist ja auch schon etwas wert in Zeiten großer militärischer, sicherheitspolitischer Auseinandersetzungen und Sanktionen. Als ich Herrn Uljukajew vor anderthalb Jahren nach Stuttgart eingeladen hatte, da hat das noch Riesenwellen geschlagen und die Bundesregierung war 'not amused'. Ich bin sehr froh, dass man heute wieder zu mehr Selbstverständlichkeit gekommen ist.

    Herr Mangold, Sie waren Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. Hört die Politik genug auf solche Institutionen wie den Ost-Ausschuss?

    Es darf keine Einbahnstraßen geben, hier die Politik, dort die Wirtschaft. Beides muss vernetzt sein. Wenn also jetzt wieder die strategische Arbeitsgruppe Russland-Deutschland belebt wird, halte ich das, gerade in Zeiten von Sanktionen, für einen ganz wichtigen Fortschritt im Dialog zwischen Politik und Wirtschaft.

    Das Gespräch führte Armin Siebert:

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    Tags:
    Wirtschaft, EU, Armin Siebert, Klaus Mangold, Sigmar Gabriel, Deutschland, Russland