22:35 20 November 2019
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    IS-Finanzen fließen fast ungehindert weiter über Türkei, Irak und Jordanien

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    Weder die Luftschläge der von den USA angeführten Koalition noch die Finanzsanktionen hindern den IS daran, seine Gebiete zu versorgen. Die Terrororganisation verdient sogar an Währungsspekulationen, wie Margaret Coker vom „The Wall Street Journal“ berichtet.

    Möglich sei dies dank den seit Jahrzehnten im Irak tätigen Financiers, die 2014 faktisch zu Bankiers der Terrororganisation geworden seien. Sie würden täglich Millionen von Dollar aus den vom IS kontrollierten Gebieten und zurück überweisen, trotz der internationalen Versuche, den IS vom globalen Bankensystem abzuschneiden. Nach Angaben des US-Finanzministeriums sind allein im Irak mehr als 1.600 Stellen aktiv, die derartige Transfers tätigten, heißt es im Wall Street Journal.

    Abu Omar verfüge über solche Stellen in den Großstädten im Nord- und Zentralirak. Früher habe er lokalen Unternehmen und Kaufleuten Geldgeschäfte angeboten. Als die IS-Terroristen die Kontrolle über die Region erlangt und Omar angeboten haben, dass er sein Geschäft aufrechterhalten könne, wenn er für sie Überweisungen tätige, habe er nicht lange überlegt: „Ich stelle keine Fragen. Die Zusammenarbeit mit dem IS ist gut fürs Geschäft“, zitiert das US-Journal den irakischen Geschäftsmann. Zehn Prozent würden bei einer Überweisung aus dem Terroristengebiet und zurück fällig – das Doppelte des Normaltarifs. 

    Solche Dienstleister kämen aus den unterschiedlichsten Volks- und Religionsgruppen des Iraks. Eines aber vereine sie: Ihre Arbeit beruhe auf gegenseitigem Vertrauen.

    Und so funktioniere das System. Der Kunde zahle einen Betrag irgendwo im IS-Gebiet bar ein. Der Inhaber einer solchen Zahlungsstelle telefoniere mit seinem Partner dort, wo der Betrag ausgezahlt werden solle. Möge der Ort auch hunderte von Kilometern entfernt sein, die Auszahlung werde unverzüglich vorgenommen. Das Bargeld werde später nachgeliefert.

    Da der Geldtransport unter Umständen auch durch umkämpfte Gebiete fahren müsse, heuerten die Geschäftsleute schiitische Kämpfer, die gegen den IS seien, an. Irakische Kurden, die ebenfalls gegen den IS kämpften, erhielten Schmiergelder, damit sie die Geldtransporte hinter die Frontlinien ließen, schreibt das Wall Street Journal.

    Die Schiiten wie die kurdischen Kommandeure erhielten zwischen 1.000 und 10.000 US-Dollar. Zudem erhalte der IS eine zweiprozentige Abgabe dafür, dass er die Unversehrtheit der Transporte garantiere, heißt es im Artikel.

    Es gebe mindestens drei Lieferrouten. Die erste beginne in den schmalen Gassen hinter Istanbuls Großem Basar und führe über das irakische Kurdistan nach Mosul – die größte irakische Stadt unter IS-Kontrolle. Der zweite Weg verbinde die jordanische Hauptstadt Amman mit Bagdad und Teilen der irakischen Provinz Anbar, die ebenfalls von Terroristen kontrolliert werde. Die dritte Route führe von Gaziantep im türkischen Süden bis in die IS-Hochburg Raqqa auf syrischem Boden.

    Betrug oder gar Diebstahl seien in diesem Geschäft eine Seltenheit. Die Zahlungsempfänger wüssten zu gut, dass ihre Familien für fehlende Beträge geradestehen müssten, schreibt das US-Magazin.

    Kampf gegen die Finanzströme

    Die türkischen und jordanischen Machthaber versicherten, sie gingen aktiv gegen den IS vor und spürten seine Geldwäschemethoden und Finanzkanäle auf. Ihre irakischen Amtskollegen sagten, die Überweisungsstellen spielten für den Finanzsektor des Landes eine wichtige Rolle. Diejenigen jedoch, die Gesetze verletzten oder Terroristen unterstützten, müssten bestraft werden.

    Die von den USA angeführte Koalition versuche die wirtschaftliche Grundlage und die Finanzaktiva des IS zu eliminieren: Auf 300 bis 700 Millionen US-Dollar werde das Vermögen der Terrororganisation geschätzt. Deswegen flögen sie die Lufteinsätze gegen die Ölquellen des Islamischen Staates und gegen die vermutlichen Verstecke im Zentrum Mosuls, wo die Terroristen nach Ansicht Washingtons ihr Barvermögen halten. Zudem kooperierten die USA mit den Regulierungsbehörden und Geheimdiensten des Iraks und anderer Länder. Doch die Geldströme hielten unvermindert an, schreibt das US-Fachblatt.

    Die irakische Zentralbank habe im vergangenen Dezember 142 Firmen, die Geldtransfers betrieben, die Teilnahme an den US-Dollar-Versteigerungen untersagt – aufgrund des Verdachts, sie würden mit dem IS kooperieren. Zwei Firmen würden jedoch weiterhin Geld aus der Türkei in die vom IS kontrollierten Städte Syriens und des Iraks überweisen. Eine dieser beiden Firmen – Azva El Seyig – habe dies jedoch mit der Begründung zurückgewiesen, dass Überweisungen in die IS-Gebiete viel zu kompliziert geworden seien. Doch im Februar hätten Iraker und Syrer die Dienste der Istanbuler Filiale dieser Firma ohne weiteres in Anspruch nehmen können. Der Filialen-Mitarbeiter habe sich nur dafür interessiert, ob der Geldempfänger vom IS gesucht werde. In einem solchen Fall sei die Transaktion untersagt.

    In den letzten eineinhalb Jahren seien zahlreiche Firmen entstanden, die am IS mitverdienen wollten, sagten türkische, jordanische und kurdische Geschäftsleute: „Das Geld fließt wie Wasser“, zitiert das Wirtschaftsblatt den Händler Kemal, der über die Firma „Taha Cargo“ Geld aus den IS-Gebieten erhalte und ihr logistisches Netzwerk nutze, um Waren in diese Gebiete zu verschicken. Die Firma selbst habe das nicht kommentieren wollen, schreibt The Wall Street Journal.

    Über die Hälfte aller irakischen Händler verlasse sich auf solche Firmen statt der traditionellen Banken. Die Schließung dieser Finanznetzwerke käme einem wirtschaftlichen Schock für das Land gleich, weswegen der Irak die goldene Mitte zwischen den Forderungen aus dem Ausland und der Stabilität seiner Wirtschaft finden müsse, sagen Bankiers. „Sie sind der Motor unserer Wirtschaft. Ohne sie könnten wir keine Kleidung und kein frisches Gemüse importieren“ zitiert das US-Journal einen Analysten vom jordanischen Zentrum für Irak-Forschung.

    In 2015 – nachdem der IS Mosul und andere irakische Städte eingenommen habe – hätten die Terroristen den Firmen verboten, Geld jenseits ihrer Gebiete ohne eine Bescheinigung darüber, dass der Einzahler die konfessionelle zehnprozentige Steuer entrichtet habe, zu überweisen. Dennoch würden die Transfer-Firmen dem IS helfen, an Währungsspekulationen zu verdienen. So kaufe der IS die US-amerikanische Währung bei der irakischen Zentralbank im Zuge von Versteigerungen auf und verkaufe die Dollar mit einem bis zu siebenprozentigen Aufschlag an die irakische Bevölkerung weiter. So habe der IS im vergangenen Dezember 20 Millionen US-Dollar aufgekauft – mit einem Gewinn von über 330.000 Dollar.

    Die Fed habe im vergangenen Sommer zeitweise keine 100-Dollar-Scheine in den Irak geliefert, aus Sorge, diese Scheine würden über die Überweisungsfirmen in die Hände der Terroristen gelangen. Im August habe die US-Notenbank die Lieferungen wiederaufgenommen, schreibt das US-Magazin. Damals habe Bagdad sich bereit erklärt, die Finanzdienstleister stärker zu kontrollieren. Im Dezember seien wegen des Verdachts auf Zusammenarbeit mit dem IS einige dieser Firmen von den Zentralbank-Versteigerungen ausgeschlossen worden. Zweifel an der Effektivität dieser Maßnahme seien jedoch berechtigt: „Der Irak hat keine Ermittler und keine Regulierungsbehörden. Stattdessen aber korrupte Beamte“, sagt Abu Omar dem Bericht des Wall Street Journals zufolge.

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