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18:11 20 Oktober 2019
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    Ein obdachloser Mann in Leipzig

    „Schere zwischen Arm und Reich kann Gesellschaft zerreißen“ – Deutscher Experte

    © AFP 2019 / Jan Woitas
    Wirtschaft
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    Die Armutsquote in Deutschland steht im krassen Gegensatz zu einem Rekordhaushaltsüberschuss, den der Bund 2015 erwirtschaftet hat, betont Klaus Hurrelmann, Professor für Gesundheits- und Bildungspolitik an der Hertie School of Governance in Berlin. Probleme sieht er in der Nutzung von Steuergeldern und den Vorteilen von Menschen mit hohem Vermögen

    Prof. Hurrelmann ist der Ansicht, dass die Verteilungen von Steuergeldern zu sozialen Zwecken gerade den Bedürftigen nicht helfen würden. Am Beispiel von Kindergeld führt er die Problematik vor: „Man kann erkennen — so paradox das ist —, dass die Verteilung von Kindergeld sogar die Unterschiede zwischen den Haushalten höher als vorher machen kann. Sie greift nicht richtig. Was richtig greifen würde, wäre eine Super-Infrastruktur für Kinder, also gute Kindergärten, gute Schulen und Ganztagsschulen.“ Ein Fehlen solcher Infrastruktur würde die Unterschiede nur noch stärker machen, sodass „diejenigen besser dastehen, die schon einen guten Start haben, und die, die eine Unterstützung gebrauchen könnten, sehr knapp gehalten werden.“ 

    Eine Ursache, die die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter werden lässt, sieht Prof. Hurrelmann im Vermögen, das für die Vermögen arbeitet und die aktive Arbeit devaluiert: „Die ohnehin schon wohlhabenden Menschen können sich Vermögen leisten. Wenn sie es nicht schon immer haben, können sie sich Vermögen kaufen, können sie Vermögensanteile, Immobilien und dergleichen mehr erwerben. Das ist ein Grundproblem, was uns sehr beunruhigen muss, dass aktive Arbeit bei der ich mit meiner persönlichen Energie tagtäglich etwas mache, um Geld zu verdienen, lange nicht so viel einbringt, als wenn ich einmal den Grundstock dafür habe.“

    Einen Weg zur Lösung sieht Prof. Hurrelmann in einer öffentlichen Diskussion über weitere mögliche Besteuerungen von Vermögen und Erbschaften: „Vermögenssteuer und Erbschaftssteuer sind in Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern um uns herum sehr gering, und ich persönlich glaube, es wäre von großer symbolischer Bedeutung, diese Diskussion zu führen. Es ist nicht in Ordnung, dass man durch ein Vermögen mehr einnimmt als durch seine Arbeit. Das ist ein Grundsatzproblem, das kann die Gesellschaft eines Tages zerreißen, wenn wir das nicht lösen. Ich sehe darin den entscheidenden  Grund dafür, dass die Ungleichheit bestehen bleibt, in Krisenzeiten anwächst, in wirtschaftlich dynamischen Zeiten wie jetzt stagniert, aber noch nicht einmal richtig stark zurückgeht.“

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    Tags:
    Armut, Reichtum, Klaus Hurrelmann, Deutschland