Widgets Magazine
23:10 20 Oktober 2019
SNA Radio
    Obdachloser in München

    Zur Armut im Alter verdammt? – Experte: „Schleichender Ausstieg aus Sozialstaat“

    © AFP 2019 / Andreas Gebert
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    471694
    Abonnieren

    Die neueste Berechnung des WDR zeichnet laut Professor Rudolf Hickel vom Institut Arbeit und Wirtschaft in Bremen ein dramatisches Bild von der Rentenversorgung im Jahre 2030. „Wenn das Rentensystem so bleibt, wie es bisher funktioniert, dann werden 2030 von den rund 53 Millionen Erwerbstätigen etwa die Hälfte in der Armut leben“, so der Experte

    „Die Armut ist genau definiert:  Armut besteht dann, wenn gesetzliche Grundsicherung beansprucht werden muss“, sagte der Wirtschaftswissenschaftler.  „Wir gehen davon aus, dass das im Monat ungefähr 890 Euro sind. Das, was viele gesagt haben — ich übrigens auch — schient einzutreten: Mit diesem Rentensystem muss die Armut im Alter zunehmen.“

    „Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste Grund ist, dass ab 2030 die Rente nur noch zu 43 Prozent bezogen auf die letzten Lohneinkünfte berechnet wird. Und zweitens sind aber in Deutschland vor allem für die prekären und schlecht bezahlten Beschäftigten die Löhne weniger gestiegen. Insgesamt ergibt sich daraus eine Zangenbewegung, die die Armut im Alter nach vorne treibt." 

    "Die Ideologie, die hinter den jüngsten Entwicklungen in der Rentenpolitik steht — man senkt  die gesetzliche Sicherung ab und erhöht dafür die private Kapitalvorsorge, die dann jeder selber betreiben muss — die ist zutiefst im Wiederspruch zur sozialen Marktwirtschaft“, betonte Professor Hickel in einem Sputnik-Interview mit Bolle Selke. „Soziale Marktwirtschaft sagt, dass jemand im Alter, der oder die viel gearbeitet hat, auch davon im Alter leben können muss, im Rahmen der Altersrente. Das ist nach diesem System und nach den jetzt vorliegenden Zahlen, übrigens nicht erst ab 2030, für viele nicht mehr möglich."

    "Es gibt einen ganz klaren Lösungsansatz — und darum geht es jetzt auch“, äußerte er. „Man muss dieses System — nämlich Abbau der gesetzlichen Mindestsicherung, gegenüber der privaten Kapitalvorsorge —  wieder rückgängig machen. Wir Ökonomen sagen: Wieder stärker zurück zum Umlageverfahren. Eine Forderung wäre beispielsweise die Rente mit 55 Prozent vom letzten Lohn zu berechnen. Dann hätten wir insgesamt eine erhebliche Abschwächung der Armutsprobleme."

    "Es findet ein schleichender und sich beschleunigender  Ausstieg aus dem Sozialstaat statt“, stellt der Experte fest. „ Wenn man es am Konzept der sozialen Marktwirtschaft der 1950er Jahre misst, dann ist es genau das Gegenteil. Damals hat es geheißen, dass niemand, der von Arbeitsmarktrisiken abhängig ist, auf sich selbst gestellt sein darf, um das zu finanzieren. Vor allem wenn er die Mittel nicht aufbringen kann. Es ist ein schleichender Ausstieg aus dem Sozialstaat. Und wenn Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) den Sozialstaat im Bereich der Alterssicherung nicht aushebeln will, wird sie sich ganz stark für Korrekturen einsetzen müssen.“

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Die EU-Krise und der Untergang der Römischen Republik – Verblüffende Parallelen
    Arm und Reich: Einkommen in Deutschland immer ungleicher verteilt – Studie
    Studie: Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland vertieft sich
    Oxfam: Armut nimmt in Europa zu – Arm-Reich-Gefälle in Deutschland klafft dramatisch
    Tags:
    Armut, Bolle Selke