12:44 03 Juni 2020
SNA Radio
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    Migrationsproblem in Europa (1282)
    13262
    Abonnieren

    Die Bundesagentur für Arbeit in Berlin prüft derzeit ein Projekt für "Tandem-Jobs". Flüchtlinge und Langzeitarbeitslose sollen in Zweier-Teams arbeiten. Die Chancen stehen gut, dass es zu einem Pilotprojekt in Lichtenberg kommen wird. Sputnik hat sich die Idee von dessen Initiator, dem Bundestagsabgeordneter Martin Pätzold (CDU), erklären lassen.

    Herr Dr. Pätzold, Sie schlagen vor, dass Flüchtlinge und Langzeitarbeitslose im Zweier-Team arbeiten sollen. Wie stellen Sie sich das vor? 

    Meine Idee ist, um jetzt auch die politische Diskussion aufzunehmen, dass wir einen Langzeitarbeitslosen und einen Flüchtling im Tandem integrieren. Ich weiß, dass es für die Arbeitgeber nicht einfach ist, weil beide Gruppen ihre Schwierigkeiten haben, in Arbeit zu kommen. Deswegen habe ich jetzt den Vorschlag gemacht, dass wir helfen in Form einer Förderung im ersten Jahr von einem Lohnkostenzuschuss in Höhe von drei Vierteln. Somit erhält der Arbeitgeber zwei Arbeitskräfte zum Preis von einem halben. Der Vorteil wäre, dass sich die beiden Gruppen, also Flüchtlinge und Arbeitslose, gegenseitig unterstützen würden, ein kultureller und gesellschaftlicher Austausch stattfindet und darüber Integration in den Arbeitsmarkt gelingen könnte.

    Aber wie sollen sich die Arbeitslosen und Flüchtlinge denn verständigen?

    Es ist schon eine Herausforderung, da haben Sie Recht. Die Personen, die ich gerne dabei unterstützen möchte, in Arbeit zu kommen, sind Personen, die schon einen Status als anerkannter Flüchtling haben. Demzufolge sind sie auch schon das Verfahren durchlaufen, haben die Anerkennung bekommen, haben den Deutschkurs hinter sich. Mit den vorhandenen Deutschkenntnissen, die vielleicht rudimentär sind, glaube ich schon, dass sie sich verständigen können. Bei vielen Arbeiten gibt es auch die Möglichkeit, sich über Fachwissen auszutauschen.

    Für welche Arbeitsbereiche ist dieses System angedacht? Gerade Flüchtlinge und Langzeitarbeitslose haben ja oft keine entsprechende Qualifikation. 

    Es geht um unterstützende Tätigkeiten, vor allen Dingen in der Büroarbeit und im Handwerk, wenn es um zuarbeiten und vorarbeiten geht. Es sind natürlich, wie Sie richtig bemerkt haben, eher einfache Tätigkeiten.

    Von wem wird das bezuschusst? Von der Bundeagentur für Arbeit oder dem Staat?

    Im Prinzip läuft das dann jeweils über das Jobcenter. Da gibt es ja die Möglichkeit über FAV – das sind Förderungen von Arbeitsmaßnahmen. Dabei ist mir wichtig zu betonen, dass das sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ist. Das heißt, das ist gute Arbeit, die dann eben über FAV, über diesen Lohnkostenzuschuss von drei Vierteln unterstützt werden würde.

    Also, dass dann quasi kein Arbeitslosengeld mehr gezahlt werden müsste? 

    Genau, die Personen wären dann raus aus dem Bezug von Sozialleistungen. Es geht ja darum, dass sie in Beschäftigung kommen. Der Arbeitgeber kriegt dann einen Ausgleich dafür, dass die beiden Personengruppen ja meistens eine Qualifikation oder Hintergründe haben, die nicht die sofortige Arbeitsaufnahme ermöglichen. Ich habe das vor allem auch deswegen in die Diskussion geworfen, weil mir wichtig ist, zu sagen, dass wir diese beiden Gruppen, die es ja wirklich nicht einfach haben auf dem Arbeitsmarkt, nicht gegeneinander ausspielen dürfen. Mir geht es auch um den symbolischen Wert, dass wir nach außen zeigen: Wir kümmern uns um die, die schon länger hier sind und Arbeit suchen und wir kümmern uns auch um die, die hierher kommen und sich integrieren wollen.

    Wie ist das erste Feedback auf Ihren Vorschlag?

    Arbeitgeber, mit denen ich gesprochen habe, haben es sehr positiv aufgenommen. Ich habe sogar schon einige Zusagen, dass sich Unternehmer daran wirklich beteiligen wollen. Ich bin gerade dabei, in guten und sachlichen Gesprächen mich mit der Agentur für Arbeit, dem Jobcenter Lichtenberg in meinem Bundestagswahlkreis abzustimmen, wie wir das hinbekommen können. Ich kann heute sagen, dass ich guter Hoffnung bin, dass wir noch in diesem Jahr zu einer Umsetzung kommen, die es ermöglicht, in einem Pilotprojekt in Berlin Lichtenberg zu starten.

    Das klingt erstmal nach einer Win-Win-Win-Situation. Ihr Ziel ist ja zunächst lokal in Lichtenberg angesetzt, aber meinen Sie, dass Sie damit auch in Berlin oder in der Bundespolitik offene Türen einrennen könnten? 

    Ich habe erst gestern dazu in der Arbeitnehmergruppe der CDU/CSU-Fraktion, die insgesamt 100 Abgeordnete hat, mein Programm vorgestellt. Ich habe große Unterstützung dafür bekommen, dass wenn es uns gelingt, zusätzliche Fördermittel aus Europa zu bekommen, dass es dann gelingen könnte, dieses Programm sogar auf Bundesebene zu initiieren. Solange wir aber diese zusätzlichen Fördermittel nicht haben, ist es schwer, das abzubilden. Deswegen ist mein konkreter Ansatz auch dafür da, um zu schauen, ob es wirklich funktioniert. Klappt es wirklich, zwei Personen zu integrieren, die beide auf dem Arbeitsmarkt vor Herausforderungen stehen? Das ist ja für die Unternehmen auch nicht einfach. Geht das in der Realität, funktioniert das? Ich finde, man muss auch selbstkritisch genug sein zu sagen: Ich schaue mir das an. Ich will gerne meinen Beitrag dazu leisten, dass wir eine gute gesellschaftliche Diskussion dazu führen, wie wir alle Gruppen unterstützen können, die in Arbeit kommen wollen.

    Interview: Armin Siebert

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren
    Themen:
    Migrationsproblem in Europa (1282)

    Zum Thema:

    Ukraine-„Flüchtlinge“: Polen verrechnet sich um eine Million
    Medien: Bayern und Baden-Württemberg nehmen Flüchtlingen Geld ab
    Linke-Politikerin: Schärfere Migrationsgesetze geben rechten Bewegungen Aufschwung
    Schengen-Europa auf dem „Sterbebett“ - Medien
    Tags:
    Arbeit, Migranten, Martin Pätzold