23:00 10 Dezember 2019
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    Bei Brexit verliert London mehr als EU – Experte

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    Sollten die Briten beim Referendum am 23. Juni für einen EU-Austritt stimmen, könnten die Folgen für Großbritannien viel negativer ausfallen als für die EU, wie Folker Hellmeyer, Chefökonom der Bremer Landesbank, meint. Die Befürchtungen des IWF, das könnte weltweit wirtschaftliche Schäden verursachen, hält er für übertrieben.

    "Ich erwarte, dass sich die negativen Folgen eines Brexits maßgeblich in Großbritannien abspielen würden, weil sich mit dem Abschied aus der Europäischen Union eben auch die Handelsbeziehungen zwischen dem Wirtschaftsraum Großbritannien und Kontinentaleuropa dramatisch verändern würden. Und Unsicherheit führt dann immer auch zu einer Situation, wo Investitionen erstmal nicht vollzogen werden“, so der Experte im Telefoninterview mit Sputnik-Korrespondent Bolle Selke.

    „Dementsprechend wäre der Schaden für die britische Wirtschaft, losgelöst von den Verhandlungen über eine wirtschaftliche Zusammenarbeit, die dann in den nächsten zwei Jahren stattfinden würden, am stärksten. Für Kontinentaleuropa erwarte ich, dass die Folgen in der Tendenz durchaus überschaubar und eher positiv sind, weil der Wirtschaftraum Europäische Union eine höhere Attraktivität bezüglich der Absatzchancen bietet als der Markt Großbritannien. So würden also Investitionen in Richtung Kontinentaleuropa reallokiert. Das ist auch schon von vielen Unternehmen angekündigt worden, ob in der Finanzbranche oder auch im produzierenden Gewerbe, dass man bei einer solchen Konstellation den Standort Großbritannien überprüfen wird."

    "Weltweite Folgen, vor denen der IWF warnt, kann ich mir nicht vorstellen“, betonte Hellmeyer.  „Wir haben eine nach wie vor sehr dynamische Weltwirtschaft, auch bei einem Wachstum von 3,2 Prozent, insbesondere in aufstrebenden Ländern, und die Produkte, die die Europäische Union im Bereich Kapitalgüter anbietet, die werden hier weiter nachgefragt werden. Insofern ist das für mich eine theoretische Betrachtung, die bei einer praktischen Umsetzung in der Form nicht eintreten wird. Die Frage, die sich für den IWF unter Umständen damit verbindet, ist, ob der Brexit dann ein Exempel statuieren, das auch von anderen Ländern nachgeahmt werden könnte — von Dänemark oder anderen europäischen Länder, die glauben, dass in der Kleinstaatlichkeit die Zukunft liegt. Das kann ich so alles nicht nachvollziehen. Diese Sichtweise des IWF teile ich definitv nicht."

    "Es ist wirklich eine sehr enge Situation. Ich war vor kurzem in London und habe auch mit einigen Brexit-Befürwortern diskutiert“, fügte der Experte hinzu. „Ich erwarte, dass in den letzten Wochen, ähnlich wie bei dem schottischen Referendum, die Stimmung pro Europa kippt. All diejenigen, die einen Job haben, werden sich sehr wohl des Risikos bewusst werden, das sie auch ein Stück weit mit ihrer Arbeitsplatzsicherheit spielen. Insofern erwarte ich nach wie vor, dass es nicht zum Brexit kommt.“

    Zum jüngsten Referendum in den Niederlanden über das EU-Assoziierungsabkommen mit der Ukraine meint Hellmeyer: „Ich bin der Meinung, dass das eine sehr wichtige Aussage in sich trägt, und zwar die Tatsache, dass der Assoziierungs- und der Erweiterungsprozess der Europäischen Union maßgeblich immer auch davon geprägt war, dass man die Standards für den Beitritt zur Europäischen Union oder für eine EU-Assoziierung ein Stück  gebeugt hat. Damit hat man die Standards der Europäischen Union nivelliert.“

    „Die Probleme, die wir jetzt in der EU haben, sind damit ganz eng korreliert und hier gibt es eben eine rote Karte von den Menschen, die sich in den Niederlanden an dem Referendum beteiligt haben. Das sollte uns in Europa nachdenklich stimmen. Fakt ist, dass unsere Europäische Kommission und das Europäische Parlament ein Mandat von den Menschen, die in der EU leben, hat. Ob es ein Mandat für eine latente Erweiterung und Neuassoziierung gibt — insbesondere wenn die Standards dort nicht gegeben sind — das ist zu hinterfragen."

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    Tags:
    Brexit, EU, Bolle Selke, Großbritannien