06:27 22 September 2020
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    Rettungsanker in der Ölkrise (90)
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    Die Feindschaft zwischen Iran und Saudi-Arabien hat das Scheitern der Konferenz in Doha verursacht, die eine Begrenzung der Öl-Förderung hätte beschließen sollen. Eine mögliche Folge des Fiaskos könnte nach Ansicht des Finanzexperten Ernst Wolff ein neuer Krieg im Nahen Osten sein. Ein Interview.

    Herr Wolff, eigentlich wollten eine Reihe der weltweit wichtigsten Förderstaaten für Öl am Wochenende eine Begrenzung des globalen Ölangebots beschließen. Das ist recht schnell gescheitert. Welche Folgen könnte dies haben?

    Das große Problem ist, dass diese Entscheidung für die gesamte Welt fatale Folgen haben kann. Mit jedem Dollar, um den der Ölpreis sinkt, steigt die Gefahr einer Ausweitung des Krieges im Nahen Osten und steigt die Gefahr einer richtig großen globalen kriegerischen Auseinandersetzung.

    Wir haben auf der einen Seite eine sinkende Nachfrage, weil die Weltwirtschaft stagniert und sich teilweise in einer Rezession befindet. Und wir haben auf der anderen Seite ein Überangebot. Gleichzeitig haben wir fallende Preise. Die Ölbestandslager sind überall überfüllt, es gibt auf den Weltmeeren kilometerlange Staus von Öltankern, und das hat dazu geführt, dass einige Staaten jetzt schon in großen Schwierigkeiten sind: Venezuela ist von der Staatspleite bedroht, Nigeria, Angola und Aserbaidschan haben bereits Notfallkredite beantragt. Außerdem wird diese ganze Entwicklung auch soziale Folgen haben, weil auf der ganzen Welt Ölarbeiter in Hülle und Fülle entlassen werden und das natürlich auch zu sozialem Unfrieden führen kann.

    Nun ist das Problem vordergründig ja etwas, was die Länder betrifft, die das Öl hauptsächlich fördern, aber wenn man genauer hinguckt, dann steht ein Land mal wieder im Zentrum der ganzen Sache — und das sind die USA: Die Fracking-Industrie der USA ist eigentlich das ganz große Problem.

    Inwiefern?

    Weil die Fracking-Industrie der USA ja vor zwei Jahren einen riesigen Aufschwung genommen hat, da haben die Amerikaner geglaubt, sie könnten sich vom Erdöl weltweit unabhängig machen und selbst vielleicht sogar zum größten Erdölexporteur der Welt werden. Und da hat die Finanzindustrie der Fracking-Industrie riesige Kredite gewährt und es sind mörderisch viele Gelder in diesen  Bereich geflossen.

    Aber die Fracking-Industrie braucht einen Ölpreis von – also bis vor einiger Zeit waren es 80 Dollar, inzwischen sollen es 60 oder nur noch 50 Dollar sein. Auf jeden Fall mehr als der derzeitige Ölpreis. Und das gefährdet die Fracking-Industrie enorm. Es haben bereits 50 große Firmen in der Fracking-Industrie Bankrott angemeldet. Es sind momentan, wie ich höre, 175 Firmen innerhalb der nächsten 6 bis 18 Monate vom Bankrott gefährdet. Und die Summen, um die es dabei geht, sind im dreistelligen Milliardenbereich.

    Ölgewinnung
    © REUTERS / Lucy Nicholson/Files

    Der interessantere Teil ist wieder die Finanzindustrie. Dort sind im Hintergrund garantiert wieder Kreditausfallversicherungen auf diese Kredite abgeschlossen worden. Und die sollen sich nach einigen Aussagen inzwischen auf drei Billionen belaufen, d.h. der Zusammenbruch der Fracking-Industrie würde die Finanzindustrie in den USA in ganz große Schwierigkeiten, möglicherweise wieder an den Rand des Bankrotts treiben.

    Dann muss man sich einfach fragen: Was könnte dieses Problem lösen? Und da muss man ganz hart feststellen: Dieses Problem könnte nur dadurch  gelöst werden, dass der Ölpreis weltweit wieder ansteigt. Und wie könnte der ansteigen? Ganz einfach: indem im Nahen Osten ein größerer Krieg stattfindet, bei dem möglichst viele Ölquellen zerstört werden. Und deshalb sollte man sehr genau beobachten, was sich da im Nahen Osten tut. Die Amerikaner haben ja dort mit dem ISIS ihren eigenen Feind, und das könnte nun wiederum als Vorwand genommen werden, um eine Ausweitung des Krieges voranzutreiben.

    Die meisten Analysten führen das Scheitern des Abkommens auf die wachsende Feindschaft zwischen den Regionalmächten Iran und Saudi-Arabien zurück – der Iran hat ja gar nicht erst einen Vertreter nach Doha geschickt. Was steckt dahinter?

    Es gibt natürlich diese Rivalität zwischen dem Iran und Saudi-Arabien, aber ich denke, viel wichtiger ist zum Beispiel, dass Saudi-Arabien im Moment absolut nicht im Interesse der USA handelt. Also, in Saudi-Arabien haben wir den neuen König und da sind ja wohl einige Prinzen, die im Moment so eine Art Machtkampf untereinander ausfechten. Wie ich höre, hat der Ölminister auch nicht mehr das Sagen, sondern einige von den Prinzen bevormunden ihn inzwischen und die scheinen irgendwie einen Kurs zu fahren, der den Amerikanern jedenfalls im Moment nicht nützt. Und man muss sich ja erinnern, dass Saudi-Arabien bisher immer  der wichtigste Verbündete der USA in der Region gewesen ist. Deswegen denke ich, dass da auch hinter den Kulissen Dinge stattfinden, von denen wir sehr wenig erfahren.

    Und dem Iran kann man es wahrscheinlich nicht verdenken nach den vielen Jahrzehnten der Sanktionen, dass sie jetzt ihr Öl anbieten wollen.

    Öl
    © REUTERS / Shamil Zhumatov

    Ja, ganz klar. Ich meine: Die sind jetzt auf den Markt gegangen, die werden jetzt auf Teufel komm raus fördern, um die ganzen erlittenen Verluste wieder reinzuholen. Man muss ja auch einmal sagen, dass diese Sanktionen dem Iran ganz extrem geschadet haben, und dass dieser Schaden auch wieder beim iranischen Volk angekommen ist. Im Zuge der Sanktionen sind im Iran 30.000 Kinder gestorben, weil keine Medikamente ins Land gelassen wurden. Das ist eine verheerende humanitäre Katastrophe, die von den USA und deren Verbündeten angerichtet wurde.

    Noch einmal für uns Laien: Öl ist ja ein kostbarer und vor allem begrenzter Rohstoff. Warum wird er gerade so verschleudert?

    Prag
    © Sputnik / Alexei Danichev

    Öl ist die weltweit wichtigste gehandelte Ware, auch die am meisten gehandelte Ware. Im Moment haben wir ein riesiges Überangebot, was auch darauf zurückgeht, dass die Weltwirtschaft einfach seit 2008 nicht mehr richtig in Gang gekommen ist, das hat sich ganz langsam aufgebaut. Und im Moment gehen all die Gelder, die in der Welt gedruckt werden, also von der Federal Reserve, von der EZB, von der Schweizer Nationalbank, von der japanischen Nationalbank – diese ganzen Gelder gehen alle in die Finanzspekulation rein. Die helfen nicht mit, die Wirtschaft wieder anzukurbeln, die gehen nur in die Taschen von Spekulanten. Und das ist das riesige Problem. Diese Spekulanten haben in den letzten Jahren auch vermehrt auf die Fracking-Industrie und damit eben auf ein falsches Pferd gesetzt. Deswegen gibt es da ganz große Probleme im Finanzbereich — und wie immer ist der Finanzbereich das Herz des Problems.

    Interview: Armin Siebert

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    Tags:
    Öl, Fracking, Ernst Wolff, Doha, USA