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    Wie Öl-Länder ihren angehäuften Reichtum wieder loswerden

    © Flickr/ Jamie Grant
    Wirtschaft
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    Rettungsanker in der Ölkrise (90)
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    Zum ersten Mal in der Geschichte ist Norwegen dabei, seinen kolossalen Öl-Reservefonds anzuzapfen. Solche Anti-Krisen-Vorräte, die dank der enormen Einnahmen aus dem Exportgeschäft gefüllt werden, haben viele ölreiche Länder. Jetzt ist es an der Zeit, auf diese Mittel zurückzugreifen.

    Sputnik stellt die erfolgreichsten und schlechtesten Beispiele vor, wie verschiedene Länder mit ihren Reserven umgehen.

    Zum ersten Mal in seiner Geschichte greift Norwegen auf seinen riesigen Öl-Reservefonds zurück, in dem Mittel für die Rentenversorgung der künftigen Generationen angehäuft werden. 2016 braucht Oslo etwa 25 Milliarden Dollar für die Unterstützung seiner Wirtschaft, die es zuvor am Verkauf des „flüssigen Goldes“ verdient hat.

    Länder, die vom Ölexport abhängen, stoßen ständig auf verschiedene Probleme. Sie leiden an der so genannten „Holländischen Krankheit“ – so wird der Zustand der Wirtschaft bezeichnet, bei dem der Rohstoffexport die Entwicklung der Industrieproduktion eindämmt und den nationalen Wohlstand von den kaum voraussagbaren Preisschwankungen auf dem Weltmarkt abhängig macht. Denn schließlich ist das Öl eine versiegende Ressource, und eine vernünftige Verwendung der durch den Ölexport erlösten Mittel ist eine äußerst wichtige Frage für die ölreichen Länder.

    Um die Abhängigkeit der nationalen Wirtschaft von diesem Faktor zu reduzieren, werden entsprechende Mittel etwa seit den „fetten“ 1970er-Jahren auf speziellen Bankkonten oder in speziellen Fonds gesammelt.

    Wikinger- und Eskimo-Schätze

    Über den weltweit größten Nationalen Wohlstandsfonds, der sich auf 870 Milliarden Dollar beläuft, verfügt Norwegen, dessen BIP zu einem Viertel auf die Öl- und Gasbranche entfällt.

    Norwegens Wirtschaft leidet sehr unter dem Absturz der internationalen Ölpreise: 2015 brachen die Einnahmen aus dem Öl- und Gasexport um 27 Prozent im Jahresvergleich (von 62 auf 45 Milliarden Dollar) ein. Und nun muss dieses Land 25 Milliarden Dollar aus diesem „eisernen Vorrat“ für die Ankurbelung der eigenen Wirtschaft ausgeben. Es wird erwartet, dass das BIP-Wachstum in diesem Jahr bei höchstens einem Prozent liegen wird.

    Auch der US-Bundesstaat Alaska hat seinen eigenen Reservefonds – den 1976 gegründeten so genannten Permanent Fund, in dem ebenfalls der Erlös aus dem Ölexport kumuliert wird. Derzeit beläuft sich der Permanent Fund auf mehr als 53 Milliarden Dollar. An diesen Fonds gehen 25 Prozent der Abgaben (Steuern, Bohrlizenz-Gebühren usw.), die Alaskas Regierung von Ölgesellschaften erhält. Einen anderen Teil dieser Mittel erhalten die Einwohner des Bundesstaates. In diesem Jahr bekam jeder von ihnen 1884 Dollar.

    Gold in der Wüste

    Kuwait, einer der größten Öllieferanten der Welt, musste auf seine Reserven nach dem Zweiten Golfkrieg zurückgreifen. Mit den Mitteln aus dem in den 1960er- und 1970er-Jahren gebildeten Haushaltsreservefonds und dem Reservefonds für künftige Generationen wurde der Wiederaufbau des Landes nach der irakischen Aggression von 1991 finanziert. An den Reservefonds für künftige Generationen werden zehn Prozent der Haushaltseinnahmen (unabhängig von ihren Quellen und dem Ölpreisniveau) überwiesen. Diese Mittel werden in Wertpapiere verschiedener Industrieländer investiert.

    Auffallend ist, dass Saudi-Arabien, der weltweit größte Ölproduzent, keinen besonderen Reservefonds hat. Auf den Ölexport entfallen 90 bis 95 Prozent der Haushaltseinnahmen Riads. Aber der jüngste Verfall der Ölpreise brachte die königliche Familie auf die Idee, ebenfalls Reservemittel zu kumulieren. Im April verkündete Prinz Mohammed ibn Salman, das Königreich werde sich auf die „Dämmerung der ölreichen Ära“ vorbereiten und müsse einen souveränen Fonds von zwei Billionen Dollar bilden, um die Ölabhängigkeit des Landes zu überwinden.

    Gescheiterte Reservefonds

    Öl
    © REUTERS / Shamil Zhumatov

    Oman hatte im Jahr 1980 seinen Staatlichen Reservefonds und zudem 1993 den Ölfonds gegründet, doch diese Erfahrungen lassen sich kaum als erfolgreich bezeichnen. Die beiden Fonds konnten nie mit Geld gefüllt werden, das ständig für die Deckung des Haushaltsdefizits ausgegeben werden musste.

    Ähnlich war die Situation in Venezuela, wo es den Fonds für makroökonomische Stabilität und den staatlichen Investitionsfonds gibt. Die Regeln für die Geldüberweisung an diese Fonds wurden ständig geändert, doch das Land litt ständig an einem Haushaltsdefizit. Unter Präsident Hugo Chavez wurden diese Reserven ausgegeben, und inzwischen ist kaum noch etwas übrig geblieben.

    Auch Nigeria ist dabei gescheitert, obwohl es 2004 in seinem Stabilisierungsfonds 50 Prozent der gigantischen Einnahmen aus dem Ölexport 2003 kumuliert hatte. Doch schon im November 2004 mussten die Behörden auf diese Mittel zurückgreifen und 280 Millionen Dollar für die Abfindung ihrer Mitbürger für deren Ausgaben für Benzin verwenden. Der Fonds funktionierte nie wirklich. 

    Mehr zum Thema: National Interest: Die fünf größten Ölkriege

    Prag
    © Sputnik / Alexei Danichev
    Im postsowjetischen Raum gibt es ebenfalls mehrere Länder, die vom Rohstoffexport leben und die sich darum bemühen, ihre Wirtschaften vor Ölpreiserschütterungen zu bewahren. So gründete Aserbaidschan seinen Staatlichen Ölfonds 1999. Mit Stand 1. April 2016 belief er sich auf 34,24 Milliarden Dollar.

    Kasachstan hat seinen eigenen Nationalen Ölfonds seit 2001, an den Ölgesellschaften entsprechende Beiträge überweisen. 2012 mussten die Behörden auf diese Mittel zurückgreifen, und 2014 wurden für die Anti-Krisen-Maßnahmen zehn Milliarden Dollar ausgegeben.

    Und was ist in Russland?

    Die Abhängigkeit des russischen Wirtschafts- bzw. Finanzsystems von den außenwirtschaftlichen Faktoren zwang die Behörden in Moskau im Jahr 2004 zur Bildung eines Stabilisierungsfonds. Dort wurden die Einnahmen aus den Ölzöllen und die Öl- und Gasfördersteuern kumuliert. Diese Mittel wurden in ausländische Währungen und Schuldpapiere investiert. Damit wurden Russlands Auslandsschulden getilgt.

    In den 2000er-Jahren wurde der Stabilisierungsfonds dank der wachsenden Ölpreise intensiv gefüllt und belief sich 2008 auf 157 Milliarden Dollar. Als ausreichende Höhe des Fonds wurden damals sieben Prozent des BIP gerechnet: Diese Summe sollte für zwei bzw. drei Jahre reichen, falls es zu einer wirtschaftlichen Talfahrt kommen sollte. In dieser Zeit würde die Regierung neue Haushalte mit reduzierten Ausgaben (darunter für soziale Zwecke) verabschieden, und der Fonds würde seine Aufgabe erfüllen, nämlich eine „Bruchlandung“ der nationalen Wirtschaft in Krisenzeiten verhindern.

    Am 1. Februar 2008 wurde der Stabilisierungsfonds in den 125 Milliarden Dollar großen Reservefonds und den Nationalen Wohlstandsfonds aufgeteilt, der 32 Milliarden Dollar betrug. Der Nationale Wohlstandsfonds sollte eine Art „Renten-Airbag“ werden.

    Die beiden Fonds werden auf unterschiedliche Art verwaltet. Im Reservefonds werden die Finanzmittel in ausländischen Währungen und in Wertpapieren ausländischer Staaten aufbewahrt, die notfalls operativ in Bargeld verwandelt werden können. Aus dem Nationalen Wohlstandsfonds können die Mittel in diverse Infrastrukturprojekte innerhalb Russlands angelegt werden.

    Die Mittel aus dem Reservefonds werden schon seit mehr als einem Jahr für die Deckung des föderalen Haushaltsdefizits ausgegeben.

    Am 1. Mai 2016 machten der Reservefonds 44,96 Milliarden Dollar und der Nationale Wohlstandsfonds 73,86 Milliarden Dollar aus. 2016 will das Finanzministerium alle zwei Monate ausländische Währungen aus dem Reservefonds verkaufen, um das Haushaltsdefizit zu decken. Es wird erwartet, dass der Geldmangel in der Staatskasse bei höchstens 2,36 Billionen Rubel liegen wird.

    Finanzminister Anton Siluanow warnte, dass der Reservefonds und der Nationale Wohlstandsfonds ohne Maßnahmen zur „Haushaltsoptimierung“ schon in diesem Jahr vollständig ausgegeben werden könnten.

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    Tags:
    Öl, Norwegen, Saudi-Arabien, USA, Russland