13:40 19 Juni 2019
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    Erdölraffenerie in Russland

    Russland am veränderten Ölmarkt: „Abwarten kann Verluste bringen“

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    Wirtschaft
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    Schieferöl, Verzicht auf Kartell-Vereinbarungen, Probleme mit Wachstum – der gegenwärtige Ölmarkt hat seine Besonderheiten. Vor diesem Hintergrund sollte Russland eine klare Entwicklungsstrategie formulieren, um Verluste zu vermeiden, mahnt ein Analyst.

    Der russische Wirtschaftsexperte Maxim Schehin schreibt in einem Gastbeitrag für die Tageszeitung „Iswestija“, im Vergleich zum Stand vor 40 oder sogar vor 10 Jahren habe der gegenwärtige Ölmarkt einige deutliche Unterschiede. 

    „Erstens zählen nun Schieferöl-Akteure mit einem kurzen Investment-Zyklus zu den Anbietern. Dies ermöglicht, die Ölförderung schnell zu erhöhen bzw. zu senken – je nach der Nachfrage. Milliardenschwere Projekte zur Gewinnung von ‚traditionellem‘ Erdöl (besonders im Tiefwasser) hatten jeweils 10 bis 15 Jahre Zeit gefordert, um mit Öllieferungen auf den Markt zu beginnen. Nun können zwei bis drei Millionen Barrel täglich augenblicklich in die Raffinerie gelangen. Das ist (neben den niedrigen Ölpreisen) ein Grund dafür, dass es in der Branche immer weniger Großinvestitionen gibt. Die Zahl der neu entdeckten Lagerstätten von ‚traditionellem‘ Erdöl war im vergangenen Jahr so klein wie nie seit 1952“, so Schehin.

    „Zweitens verzichten die Ölproduzenten auf Kartell-Abkommen. Selbst wenn Vereinbarungen über koordinierte Exporte zustande kommen, werden sie nicht eingehalten. Im November 2014 beschlossen die Opec-Länder, dass der Öl-Preisstand marktwirtschaftlich bestimmt werden soll. Es begann eine Umverteilung des Ölmarktes, die nun neu entbrennt. In Saudi-Arabien wurde das Ölministerium im Mai des laufenden Jahres reformiert.  Der Chef von Saudi Aramco versprach, die Fördermengen zu erhöhen. Offensichtlich will das Land nicht einmal einen Teil seiner Märkte an den Iran abtreten. Deshalb wollten die Saudis bei jenem Treffen in Doha keine Abkommen  unterzeichnen, falls die Iraner nicht mitmachen“, schreibt der Experte.

    Drittens werde die Ölbranche mit einem Problem konfrontiert, das auch für die ganze Weltwirtschaft immer akuter werde. Das wirtschaftliche Wachstumsmodell, dem eine Erweiterung der Nachfrage mit Anleihen zugrunde liege, sei in eine Sackgasse geraten: „Die Menschen müssen sparen, die Nachfrage nach energiesparenden Technologien nimmt zu. Die Nachfrage nach Öl steigt nur, weil die Bevölkerung weiter wächst. Aber auch dieser Faktor wird in 20 bis 30 Jahren wahrscheinlich nicht mehr funktionieren.“ 

    „Viertens haben die führenden Zentralbanken der Welt riesige Summen von nicht besichertem Geld gedruckt – und manche von ihnen machen weiter. Dies ruft immer mehr Fragen in Bezug darauf hervor, wie das gegenseitige Verhältnis von Währungen aussehen müsste. Öl wird für Dollar gekauft und verkauft – und die Wertschwankungen der US-Währung beeinflussen den Ölpreis. In diesem Sinne könnte eine mögliche Umstellung auf Nicht-Dollar-Verrechnungen durch einige Länder bereits in nächster Zukunft den Öl-Dollarpreis beeinflussen“, so Schehin weiter.

     

    Er betont: „Angesichts dieser Realitäten ist es sehr wichtig, dass die führenden Akteure ihre strategischen Interessen bekannt gemacht haben – im Klartext oder verschleiert. Saudi-Arabien will seine Ölförderung maximieren und seine Wirtschaft diversifizieren. Die USA haben vor, ihre  Marktpräsenz zu erweitern. China häuft voraussichtlich mit verschiedenen Methoden seine Ölreserven an, während Europa seine Importe diversifiziert.“

    In Bezug auf Russland gebe es unterdessen keine Klarheit. Eine Entwicklungsstrategie in der Öl- und Gasbranche bleibe vorerst aus. „Die Situation am Markt könnte sich aber in 10 bis 20 Jahren sehr schnell ändern. Eine abwartende Position könnte sich als verlustbringend erweisen“, mahnt der Experte zum Schluss.

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