15:48 22 November 2019
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    Brexit und Wirtschaft: Folgen für Großbritannien, Europa und Russland

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    Nachdem die meisten Briten für einen EU-Austritt gestimmt haben, beschäftigen sich russische Experten mit wirtschaftlichen Konsequenzen für Großbritannien selbst, für die EU und für Russland.

    Nikolai Korschenewski, Dozent an der in Moskau ansässigen Higher School of Economics, prognostizierte im Radiosender Kommersant FM, kurzfristig werde es zwar viel Schock „rein für die Wahrnehmung“ geben, aber kaum fundamental-wirtschaftliche Konsequenzen für die EU: „Was aber später kommt, sobald sich Großbritannien von der EU entfernt, hängt sehr stark von der weiteren Politik der Europäischen Union ab (…) In den Jahren 2018 bis 2020 wird möglicherweise von ernsthaften Folgen für Europa die Rede sein, von neuen EU-Austritten, von einer Spaltung Europas und so weiter.“

    „Es gibt nun eine Ungewissheit in Bezug darauf, was weiter mit den britischen Finanzen geschieht, wie viel Pfund Sterling künftig kostet, wie und anhand welcher Abkommen man in Großbritannien investieren soll und so weiter. Eine gigantische Frage ist, wie die Briten nun ihr Zahlungsbilanzdefizit finanzieren werden. Das ist ein Faktor, der zu einer ernsthaften Abwertung von Pfund Sterling führen wird. Dementsprechend werden alle Märkte einem sehr deutlichen Druck ausgesetzt sein“, so Korschenewski.

    Zum Auftakt des Handels am Freitag war der britische Aktienindex FTSE 100 um mehr als acht Prozent gefallen. Pfund Sterling brach am Freitag zeitweise um mehr als neun Prozent unter die 1,35-Dollar-Marke ein und erreichte den tiefsten Stand seit drei Jahrzehnten. Auch der Wechselkurs des Euro zum Dollar ging deutlich zurück.

    Anton Tabach, ebenfalls Experte der Higher School of Economics in Moskau, kommentierte für rbc.ru: „Kurzfristig könnte der Pfund- und Aktienmarkt-Absturz eigenartigerweise den britischen Dienstleistungs-Export schüren, Touristen und Investoren anlocken und dabei helfen, Arbeitsplätze in Großbritannien zu behalten. Doch langfristig könnte London in Sachen Finanz-Dienstleistungen den Vorrang gegenüber New York wieder verlieren – ebenso wie in Sachen Asset-Management den Vorrang gegenüber Zürich.“ 

    Der Brexit beunruhigt aber auch die USA. Im Vorfeld der Abstimmung hatte das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf US-Staatsbeamte und Analysten geschrieben: „Die Regierung von Barack Obama macht sich darüber Sorgen, dass Großbritanniens EU-Austritt den diplomatischen Einfluss Washington in Europa beeinträchtigen würde (…) Die USA würden einen Verbündeten beim Freihandelsabkommen TTIP verlieren.“

    Der russische Auslandsexperte Fjodor Lukjanow beschäftigte in einem Gastbeitrag für die Onlinezeitung lenta.ru mit den Konsequenzen für die EU: „Der Brexit zwingt zu einem grundlegenden Umbau des Integrations-Modells. Dies würde man früher oder später sowieso tun müssen. Die Verantwortung dafür übernimmt voraussichtlich Deutschland, dessen Positionen in Europa derzeit schwächer sind als vor einem Jahr. Die Migranten-Krise hat die nahezu unbestrittene Autorität von Angela Merkel untergraben. Doch Großbritanniens Austritt soll zu einem Katalysator für erforderliche Reformen werden. Die Frage ist nun, ob die europäischen Eliten eine Umgestaltung der Grundsätze wagen oder wieder versuchen, ihre Wunden zu lecken.“

    Für Moskau erwartet Lukjanow nichteindeutige Konsequenzen: „Es geht dabei nicht um eine unvermeidliche wirtschaftliche Instabilität – diese wird offenbar temporär und nicht dauerhaft sein. Doch wenn die EU in eine noch tiefere innere Krise absinkt, wird es ganz quälend sein, mit ihr zu tun zu haben. Es ist aber auch unmöglich, sich von der EU abzuschotten: Wir sind zu abhängig voreinander – und dies wird noch viele Jahre lang so bleiben.“

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